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Wenn er auf der Strecke Lust auf ein Bier hat, kauft er sich eins. Joe Kelbel will beim Laufen keinen Zwang und viel Spaß.

Ehemaliger Börsianer

Dieser Mann läuft fast jede Woche einen Marathon

50 Marathons ist Joe Kelbel im vergangenen Jahr gelaufen. Darunter auch viele Ultraläufe, mit Streckenlängen teils weit über 42 Kilometern. Über seine Erfahrungen schreibt der ehemalige Börsianer Artikel. Auch zwei Bücher sind von dem Sachsenhäuser schon erschienen. Im FNP-Interview erzählt er unserem Reporter Marcus Reinhardt, was ihn antreibt und warum auch eine gerissene Achillessehne ihn nicht vom Marathon-Laufen abhalten konnte.

50 Marathons ist Joe Kelbel im vergangenen Jahr gelaufen. Darunter auch viele Ultraläufe, mit Streckenlängen teils weit über 42 Kilometern. Über seine Erfahrungen schreibt der ehemalige Börsianer Artikel. Auch zwei Bücher sind von dem Sachsenhäuser schon erschienen. Im FNP-Interview erzählt er unserem Reporter Marcus Reinhardt, was ihn antreibt und warum auch eine gerissene Achillessehne ihn nicht vom Marathon-Laufen abhalten konnte.

Herr Kelbel, die Zeit zwischen den Jahren gilt als besonders ruhig und besinnlich. Was haben Sie gemacht?

JOE KELBEL: Ich bin gelaufen. 65 Kilometer, ein Ultralauf zwischen Saargemünd und Merzig, die ganze Nacht durch. Es war kalt und regnerisch.

Das war dann ihr 400. Marathon insgesamt und der 50. allein im Jahr 2017. Wovor laufen Sie davon?

KELBEL: Das ist kein Davonlaufen. Es ist ein Hinlaufen: in andere Gegenden, da wo ich andere Menschen kennenlerne. Ich will etwas sehen von der Welt und Abenteuer erleben. Die Alternative wäre „Tatort“ schauen.

Den „Tatort“ sprechen Sie auch in Ihren beiden Büchern häufig an. Wofür steht er für Sie?

KELBEL: Es ist für mich das Lächerlichste zu warten, bis der Tatort anfängt. Ganze Familien richten sich danach, und eine Woche später haben sie wieder vergessen, was sie letzten Sonntag gemacht haben.

Wenn Sie über ihre Marathon- und Ultraläufe schreiben, machen Sie sich über solche Alltäglichkeiten, aber eigentlich auch über alles und jeden lustig. Warum?

KELBEL: Ich will zeigen, dass man die Lauferei nicht so ernst nehmen muss. Es braucht keine Trainings- und Diätpläne. Wenn ich bei einem Ultralauf an einem Kiosk vorbei komme, hole ich mir ein Bier. Man kann es auch locker und zwanglos angehen. Darum geht es mir bei meinen Büchern und Artikeln. Meine Botschaft ist: Auch Läufe über 100 Kilometer sind eine fröhliche Sache.

Ist das wichtig, es extra zu betonen?

KELBEL: Schon. Der Trend geht zu immer teureren Schuhen und Klamotten. Manche Trailläufer in den Alpen kommen mit Ausrüstung für weit über 1000 Euro. Das ist eine Kommerzialisierung. Die baut Zwang auf, das alles kaufen zu müssen und sich darin mit anderen zu messen. Es gibt da zu viel Konkurrenzdenken. Wenn man keinen Spitzensport macht, sollte man sich nicht messen wollen. Dann sollte man sich beim Laufen entspannen und die Natur genießen. Ich zumindest will mich nicht messen.

Für viele ist schwer vorstellbar, dass man bei mehr als 40 Kilometern noch von Entspannung sprechen kann.

KELBEL: Ich bin ja kein Extremsportler. Ich bin Hobbyläufer und Marathonsammler. Ich halte beim Laufen meine Grundgeschwindigkeit. Die liegt bei etwas weniger als zehn Kilometern in der Stunde. Das ist wie wandern, nur ein bisschen schneller. Shoppen zu gehen, ist da viel anstrengender.

Wegen der Anstrengung durch Langeweile?

KELBEL: Nein. Eher wegen der vielen Menschen in den Kaufhäusern.

Beim Laufen ist der Sportler dagegen für sich allein; also so ganz allein. Womit ist Ihr Kopf beschäftigt, wenn Ihr Körper an seine Grenzen geht?

KELBEL: Ich bin dann befreit von negativen Gedanken. Manchmal sind es Selbstgespräche, aber einfache. Die Sorgen sind weg. Ansonsten genieße ich, was ich sehe. Übrigens gehe ich nie an meine Grenzen. Nächste Woche will ich ja den nächsten Marathon laufen. Darum gebe ich nie 100 Prozent. Ich befinde mich ja auch nicht im Wettkampf. Es geht mir um das Erlebnis. Die Wahrnehmung verändert sich beispielsweise. Der Sehsinn wird schlechter. Aber man hört deutlicher Gespräche, selbst wenn sie weiter weg sind. Man riecht auch besser, etwa wenn jemand in einem kleinen Dorf kocht, durch das man durchläuft. Vorstellungen schließen sich dann an die Gerüche an. Man denkt nicht über das Alltägliche nach. Man wird ruhig.

Klingt fast meditativ.

KELBEL: Absolut. Es ist wie Meditation. Am emotionalsten ist es, wenn man im Dunkeln läuft. Man sieht nur, wo die Stirnlampe hin leuchtet. Es ist wie im Raumschiff. Man sieht seinen Atem, die Nebelteilchen und Pollen ziehen wie Sterne vorbei. Das geht über Stunden. Das ist auf jeden Fall hypnotisch. Da muss man schon aufpassen, sich nicht darin zu verlieren, eine Abzweigung der Wegstrecke zu verpassen und sich zu verlaufen.

Haben Sie bei 50 Läufen im Jahr eigentlich noch einen Alltag?

KELBEL: Klar. Unter der Woche habe ich einen Bürojob, und die Läufe müssen geplant werden: Welche Ausrüstung brauche ich? Woran führt die Strecke vorbei? Das sollte man vorher wissen, um es dann bewusst erleben zu können, wenn man daran vorbeiläuft.

Wie entscheiden Sie, an welchem Marathon Sie teilnehmen?

KELBEL: Das Wichtigste ist, dass ich günstig hinkomme. Ich laufe viel im Atlasgebirge. Nach Marokko zahlt man mit Billig-Airlines keine 50 Euro. Von dort aus fährt man mit dem Bus in die Sahara. Das dauert zwar 8 Stunden, kostet aber nur 14 Euro. Beim Berlin-Marathon ist es viel teurer. Da zahlt man 100 Euro Startgeld, 150 Euro für die Reise und noch mal 300 Euro für das Hotel. Deswegen laufe ich nicht in Berlin, zumindest nicht mehr. Ich bin aber ohnehin eher der Landschaftsläufer. Da ist die Erholung, die Natur, die Ruhe.

Laufen Sie auch unter der Woche in Frankfurt?

KELBEL: Nein, nicht mehr. Die Strecken sind immer dieselben.

Und was halten Sie vom Frankfurter Marathon?

KELBEL: Er ist einer der Top-Läufe weltweit. Kurze Wege, professionell organisiert.

Was machen Sie, wenn Sie von einem Marathon oder einem Ultralauf zurückkehren? Wunden lecken? Muskeln auskatern?

KELBEL: Bier trinken und den nächsten Lauf planen. Ich verletze mich selten.

Aber in Ihrem neusten Buch beschreiben Sie, wie Sie sich 2013 beim Berliner 100-Meilen-Lauf die Achillessehne gerissen haben und mit der Verletzung noch zwei weitere Marathons gelaufen sind?

KELBEL: Das stimmt. Der Arzt meinte damals, ich sollte mir ein anderes Hobby suchen. Es war die größte Operation an einer Achillesferse hier in Hessen. Zehn Zentimeter waren die Sehnenenden auseinander.

Aber das muss doch wahnsinnig wehtun. Wie kann man das ignorieren?

KELBEL: Die Schmerzen sind die Hölle. Nach dem Sturz lag ich eine halbe Stunde auf der Straße und habe mich übergeben vor Schmerzen. Aber ich musste ja weiter. Also Schmerzmittel rein und loslaufen. Und danach wollte ich es nicht wahrhaben. Das kann doch nicht sein, dachte ich. Ich bin doch Sportler. Doch so weiß ich jetzt, dass man auch ohne Achillessehne laufen kann.

Was ist für dieses Jahr geplant? Sollen es mehr als 50 Marathons werden?

Das kann ich noch nicht sagen. Ich muss erst einmal schauen. Ich befinde mich ja nicht im Wettkampf.

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