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Seine Jungs sind die talentiertesten in ganz Gambia. Dank Cherno Barry (Mitte) spielen sie heute und morgen ihr erstes internationales Turnier in Deutschland.

Fußball

Dieser Oberräder gibt gambischen Jungs Hoffnung

Er hat auf dem Splash-Festival gerappt, war die Synchronstimme von Boxer Lennox Lewis und hat in einem RTL-Blockbuster mitgespielt. Nun hat Cherno Barry seine Bestimmung erkannt: Er will jungen Fußballtalenten aus Gambia eine Zukunft geben.

Ich bin ein echtes Frankfurter Urgestein“, sagt Cherno Barry. Obwohl er ja leider in Offenbach geboren sei. „Das Krankenhaus war näher. Der einzige Minuspunkt in meinem Leben“, sagt der 38-Jährige und grinst. Seine Eltern kommen aus Gambia, er wächst in Oberrad auf, kickt für die Spielvereinigung Oberrad 05. „Schon mein Vater hat Fußball gespielt, ich hatte also immer eine Affinität.“

Früh beginnt er, Kinder mit Migrationshintergrund zu trainieren, solche, die sonst kaum eine Chance im Leben haben. Sie sollen lernen, Spaß zu haben. Sein Vorbild ist Ronaldinho, „er verkörpert den Spaß am Fußball“. Eigentlich könnte die Sache also hier schon klar sein. Eigentlich.

Doch etwa zur gleichen Zeit entdeckt Barry seine Liebe zur Musik. Zum Rap, genau genommen. Seinen ersten Auftritt hat er mit 12, als er 18 ist, machen er und sein Rap-Partner Mike beim ersten Hip-Hop-Contest von Sony mit – und gewinnen einen Videodreh in Hollywood. „Teile des Videos haben mir aber nicht gefallen, da bin ich ausgestiegen. Ich war ein bisschen zickig damals“, sagt Barry. Seinen Erfolg schmälert das nicht. Beim Hip-Hop-Festival Splash ist Barry, der im Hauptberuf Werbetexte schreibt, jahrelang Dauergast, er bekommt Filmangebote, im RTL-Blockbuster „Der Millionär und die Stripperin“ spielt er einen rappenden Nachbarn. Er wird zur Werbestimme von Nestlé und zur Synchronstimme von Shaggy und dem Boxer Lennox Lewis.

Doch glücklich macht ihn das alles nicht. Als er 2006 erfährt, dass die Fußballakademie der Stadt, in der seine gambischen Verwandten leben, in Schwierigkeiten steckt, übernimmt er sie. „Deutsche Euro wiegen schwerer als gambische Dalasi.“ Kurz guckt er nachdenklich. „In Gambia sind die Sportplätze nicht wie hier“, sagt er dann. Aber es gebe Jungs mit viel Talent. „Es hat mir missfallen, dass die keine Chance haben sollten. Also musste ich sie ihnen geben.“ Nun, mehr als zehn Jahre später, ist die Sache klar.

Sechs Jahre lang sucht Barry nach den besten jungen Fußballern des Landes, fördert sie, vermittelt sie nach Europa, reist auf der Suche nach den besten Trainingskonzepten um die Welt. „Nur in Südamerika und Indien war ich nicht.“

Doch sein Plan geht nicht auf. „Wenn es um die Transfers ging, haben sich viele Vereine quergestellt.“ Denn diese sehen weniger die Chancen für ihre Jungs als die Chance auf Geld. „Die Ablösesummen waren skurril.“ Wieder fackelt Barry nicht lange. Und gründet seinen eigenen Verein. Er sorgt fürs Geld und die Trainingsleitlinien, seine beiden Brüder machen in Westafrika die Organisation.

Zweimal steigt der BK West United FC in den folgenden Jahren auf, immer wieder vermittelt Barry jungen Spielern Probetrainings bei Salzburg, Freiburg oder 1860 München. „Wir Gambianer, die in Europa aufgewachsen sind, haben die Aufgabe, etwas zurückzugeben“, sagt er. „Und mit Sport kann man Brücken bauen.“

Doch so klar die Sache nun ist – Cherno Barry hat noch nicht genug. Also wagt er, was noch nie jemand vor ihm gewagt hat: Zum ersten Mal überhaupt holt er ein schwarzafrikanisches U-11-Team in ein internationales Turnier. Beim Allianz Cup, der heute und morgen in Dessau stattfindet, spielt Barrys Team gegen den Nachwuchs von Bayern München, Tottenham Hotspur – und der Eintracht. „Ein geiles Turnier“, sagt Barry. Auch wenn sein Herz zerrissen ist: Bei der U-11-Eintracht spielt sein Sohn Jasha.

Beide Teams müssten sich nicht verstecken, sagt Barry. Doch ums Gewinnen gehe es ja sowieso nicht. Sondern, wie immer, seit bei Cherno Barry alles klar ist, um  Chancen. Deshalb haben er und deutsche Freunde die Flüge der Jungs auch aus eigener Tasche bezahlt, als im letzten Moment ein wichtiger Sponsor absprang. „Wir konnten ihnen diese Möglichkeit doch nicht nehmen“, sagt Barry. „Dazu feiern die in Gambia uns auch viel zu hart.“

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