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Patienten anno 1918 in einem Notfallkrankenhaus.

Spanische Grippe

Infektionsherd Straßenbahn: Dieser Virus brachte Millionen den Tod

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Vor 100 Jahren, am 11. November 1918, war der Erste Weltkrieg mit der Unterzeichnung des Waffenstillstands zu Ende – und doch ging das Massensterben unvermindert heftig weiter. Jetzt wurden weltweit Millionen Menschen Opfer eines unsichtbaren Feindes, gegen den es keine Waffe gab: die Spanische Grippe.

Diese Pandemie gilt heute als die schlimmste Krankheit, die jemals auf unserem Planeten gewütet hat. Die Schätzungen über die Zahl der Todesopfer gehen weit auseinander: Sie reichen von 20 bis 100 Millionen. Im Ersten Weltkrieg starben nicht so viele Menschen: es waren etwa 17 Millionen.

Auch in Frankfurt traf die Krankheit auf eine durch Krieg und Hunger physisch wie psychisch extrem geschwächte Bevölkerung. In der Stadt am Main forderte die Seuche im Frühjahr 1918 die ersten Todesopfer und schlug in den letzten Wochen vor dem Kriegsende mit einer zweiten Welle gewaltig zu. Ein veränderter, aggressiver Virus war der todbringende Auslöser.

Im Oktober 1918

Im Oktober 1918 wurden die ersten Fälle dieser zweiten Grippewelle in Niederrad registriert, von dort breitete sich die Epidemie rasend schnell in der ganzen Stadt aus. Eben noch Gesunde waren plötzlich schwer krank, klagten über hohes Fieber sowie heftige Kopf- und Gliederschmerzen. Viele starben an akutem Lungenversagen.

Das öffentliche Leben in Frankfurt funktionierte wegen des Krieges ohnehin nur eingeschränkt, die Influenza schuf zusätzliche Probleme. Manche Banken waren aus personellen Gründen lediglich eine Stunde am Tag geöffnet, Post und städtische Ämter hatten mit ähnlichen Schwierigkeiten zu kämpfen. In den Frankfurter Schulen wurden die Herbstferien um vier Wochen verlängert, weil viele Lehrer krank waren.

Taxis fuhren kaum noch, die wenigen Rettungsfahrzeuge waren für die schwersten Fälle reserviert, weshalb Grippekranke mit der Straßenbahn ins Krankenhaus fuhren. Daher galt die Tram als größte Infektionsquelle in der Stadt.

Kaum Schienenverkehr

Die starke Einschränkung des Schienenverkehrs traf jene hungernden Frankfurter besonders hart, die sich mit Hamsterfahrten ins Umland über Wasser halten mussten. Allein in Preußen hatten sich mehr als 45 000 Eisenbahner krank gemeldet. Und so war es durchaus nicht selbstverständlich, dass am 7. November 1918 jener Zug aus Kiel um 19.30 Uhr planmäßig in Frankfurt ankam, der mit etwa 250 aufständischen Matrosen und Werftarbeitern die Revolution nach Frankfurt brachte.

Zehntausende Frankfurter erkrankten an der Spanischen Grippe, mehr als 1500 Todesopfer waren zu beklagen. Zu ihnen gehörte auch der Schuhfabrikant Ludwig Adler, der am 30. Oktober 1918 im Alter von 32 Jahren starb. Unter der Leitung seiner Brüder Fritz und Lothar Adler und seines Cousins Walter Neumann wurde die Firma in der Mainzer Landstraße in den 1920er Jahren zum größten Hersteller von Hausschuhen („Schlappe“) in Europa.

Weil damals auch zahlreiche Spitzenspieler der Frankfurter Eintracht – offiziell Amateure – mit exzellent bezahlten Halbtagsjobs auf der Lohnliste dieser Fabrik standen, wurden die Fußballer als „Schlappekicker“ bezeichnet – der Name hat sich bis heute gehalten.

Doch als weltweit erstes Todesopfer der Pandemie gilt Albert Gitchell, Koch in Kansas/USA, der Anfang März 1918 starb. Binnen weniger Tage erkrankten in dem Militärlager, in dem Gitchell arbeitete, mehr als 500 Soldaten.

Falscher Name

Mit Schiffen der US-Streitkräfte kam die Grippe nach Europa, wurde von den kriegführenden Nationen aber totgeschwiegen, weil schlechte Nachrichten das Durchhaltevermögen von Bevölkerung und Soldaten nicht schwächen sollten. Als schließlich im Mai 1918 in der spanischen Hauptstadt Madrid die erste Zeitung über Massenerkrankungen berichtete, hatte die Seuche ihren (falschen) Namen weg: Spanische Grippe.

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