Eine Milliarde Euro für Neckermann-Zentrale

Die Digitalisierung erobert ein Frankfurter Denkmal

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Erleichterung bei der Stadt: Der legendäre, riesige Neckermann-Bau hat eine Zukunft. Die Firma Interxion baut ihn zum IT-Campus um.

Frankfurt -Für eine Milliarde Euro will Rechenzentrumsbetreiber Interxion das Gelände der alten Neckermann-Versandzentrale an der Hanauer Landstraße zu einem IT-Campus umbauen. Damit ist auch der Erhalt des denkmalgeschützten, riesigen Hauptgebäudes gesichert. Für die Tech-Firma bietet das Areal eine große Wachstumschance - und der Stadt fällt ein Stein vom Herzen.

Bis heute prangen Werbeschilder für "neckermann.de" auf den Gebäuden im Westen Fechenheims. Mit dem Werbespruch "Neckermann macht's möglich" war der Versandhändler Sinnbild fürs Wirtschaftswunder. Doch der Onlinehandel zwang ihn in die Knie, 2012 war Schluss. Der türkische Projektentwickler Sinpas übernahm das Gelände aus der Insolvenzmasse. Für viele Flächen fand dieser neue Mieter wie die Bahn-Logistiktochter Schenker.

Umschlagplatz für Daten statt Waren

Am 256 Meter langen, 62 Meter breiten, sechs Stockwerke hohen Hauptgebäude von Architekt Egon Eiermann aus den Jahren 1958 bis 1961 bissen sich jedoch bislang alle die Zähne aus. Zu unflexibel nutzbar wirkten die riesigen, offenen, niedrigen Stockwerke. Überraschend gab Interxion im Frühjahr den Kauf von 24 Hektar der Neckermannflächen samt Eiermann-Bau bekannt. Von Anfang 2021 an will die Firma den "Digital Park Fechenheim" bauen, kündigt Deutschland-Geschäftsführer Jens Prautzsch an. "Vom Waren- zum Datenumschlagplatz" werde das Areal entwickelt.

Mehr als eine Milliarde Euro will Interxion investieren, mit neuen Rechnerflächen Kunden gewinnen. Neben Cloud-Speicher anbietern wie Amazon und Google sollen das auch Unternehmen aus der Industrie sein, die Rechnerleistungen auslagern.

Einen Kilometer westlich an der "Hanauer" betreibt Interxion bereits einen IT-Campus. Die Nähe und damit kurze Datenlaufzeiten sprächen für die Expansion. Die Firma wird ihren Standort mehr als verdoppeln. Zu bisher 52 000 kommen noch 90 000 Quadratmeter Rechnerfläche hinzu, der Strom-Hunger steigt von 80 auf 260 Megawatt. Die Nachfrage für sieben, acht Jahre könne man befriedigen, schätzt Prautzsch.

Kern des Campus werden mehrere Neubauten südlich des Eiermann-Baus. Dafür würden "nicht vor 2022/23" Hochregal- und Regallager abgerissen, erläutert Expansionsdirektor Thomas Wacker. Der aktuelle Nutzer ziehe aus: Logistiker BLG betreibt ein Versandlager für Arbeitskleidungsspezialist Engelbert Strauss aus Biebergemünd (Main-Kinzig). Ein neues Lager in Schlüchtern ging im Mai bereits in Betrieb.

Im Eiermann-Bau sollen verschiedene IT-Infrastrukturen unterkommen. Dafür könne der Westteil nahezu unverändert genutzt werden, erklärt Geschäftsführer Prautzsch. Im Ostteil des Baus werde entkernt, dann ein Rechenzentrum mit höheren Geschossen eingebaut, sagt Thomas Wacker. Die Fassade bleibe erhalten und werde auch saniert. "Ein Glücksfall für Frankfurt" sei der Verkauf an Interxion, findet Planungsdezernent Mike Josef (SPD). Nicht nur, weil die Firma als erste "nicht nur von Abriss gesprochen", sondern "das Potenzial des Eiermann-Baus denkmalgerecht erkannt hat".

Teils öffentliche Nutzung geplant

Eine Nutzung zu finden, sei nicht einfach gewesen, räumt Josef ein: Wohnungen und Hochhäuser seien wegen der Nähe zur Cassella-Chemie ausgeschlossen, die Neckermann-Flächen sollten ausdrücklich weiter industriell genutzt werden. Mit Abwarten "haben wir hier richtig gehandelt", ist Josef überzeugt - auch wenn die Stadt nicht selbst die Rechenzentrumsidee hatte. Interxion verspricht teils öffentliche Nutzung, etwa Büros für Startups, die Neckermann-Kantine könne wieder öffnen, sogar "ein kleines Internet-Museum" entstehen.

Die ganze Rechenzentrumsbranche wächst rasant: Die Zahl der Betreiber habe vor vier Jahren zwei Prozent der Firmen in der Stadt ausgemacht, heute seien es 15 Prozent, betont Josef. Interxion sei "einer der großen Player" am größten Internetknoten der Welt in Frankfurt, dem De-Cix.

Scharen von Mitarbeitern wie bei Neckermann werden aber nicht wieder an der Hugo-Junkers-Straße aus den Straßenbahnen ein- und aussteigen. Geschäftsführer Prautzsch rechnet mit etwas mehr als 100 vor allem technischen Arbeitsplätzen.

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