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„Diversität ist manchmal anstrengender, aber sie lohnt sich“

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Von: Sarah Bernhard

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Andrea Mohr war in ihrem Erstberuf Hauswirtschafterin, später arbeitete sie als Sozialarbeiterin, unter anderem mit Drogensüchtigen und im Strafvollzug. Mit 40 Jahren wechselte sie in die heutige Agentur für Arbeit in Frankfurt, vier Jahre später übernahm sie die Stelle als Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt.
Andrea Mohr war in ihrem Erstberuf Hauswirtschafterin, später arbeitete sie als Sozialarbeiterin, unter anderem mit Drogensüchtigen und im Strafvollzug. Mit 40 Jahren wechselte sie in die heutige Agentur für Arbeit in Frankfurt, vier Jahre später übernahm sie die Stelle als Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt. © Rainer Rüffer

Andrea Mohr ist bei der Agentur für Arbeit dafür zuständig, die Chancengleichheit im Arbeitsleben zu fördern

Eine kurze Unterhaltung mit Andrea Mohr genügt, um einem das Gefühl zu geben, dass unbegrenzte berufliche Möglichkeiten vor einem liegen. Auch noch mit Ende 30. „Sind doch noch mehr als 25 Jahre bis zur Rente, das lohnt sich“, sagt die 61-Jährige und lacht. Seit 17 Jahren ist sie bei der Agentur für Arbeit für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt zuständig. Mit Redakteurin Sarah Bernhard sprach sie über die Unterschiede zwischen Mädchen und Jungs, die Frauenquote und die Frage, ob wir der Chancengleichheit eigentlich schon näher gekommen sind.

Frau Mohr, was ist in Bezug auf Chancengleichheit in Frankfurt gerade das drängendste Thema?

Für mich ist das ganz grundsätzlich die Existenzsicherung. Arbeit muss nicht nur Freude machen, sondern einen ernähren, auch Frauen. Beim Boy’s Day dauert es nie länger als zehn Minuten, bis der erste Junge fragt: Was verdient man da? In 15 Jahren Girl’s Day habe ich diese Frage noch kein einziges Mal gehört.

Mädchen wollen sich offensichtlich lieber verwirklichen.

Nicht jeder braucht viel Geld, und das ist ja auch okay. Und natürlich sollte man am besten das tun, was zu einem passt und was man mit Leidenschaft tut. Aber die Jugendlichen sollten sich eben auch überlegen, wie sie leben wollen. Manche wollen ein Haus, drei Kinder, ein Pferd und dreimal im Jahr in den Urlaub - mit einer Halbtagsstelle als Friseurin. Das Geld dafür müsste folglich der Mann verdienen. Da müssen wir informieren, andere Vorbilder finden. Denn die Zahl der Alleinerziehenden zeigt: Auch Frau braucht eine Tätigkeit, die sie und ein, zwei Kinder ernähren kann.

Das klingt eher nicht nach gelebter Geschlechtergerechtigkeit.

Wir glauben immer noch, dass wir bei diesem Thema in Deutschland gut dastehen. Und wenn wir das an den Kriterien der UNO wie Grundrechten oder Bildung festmachen, stimmt das auch. Aber wir müssen genauer hinschauen. Zum Beispiel fließt von der Förderung zur Existenzgründung in Frankfurt weniger an Frauen als an Männer. Auf der anderen Seite liegt Frankfurt bei der Zahl der Frauen, die ausschließlich einen Minijob haben, also nicht in die Rentenkasse einzahlen und zum Beispiel auch kein Kurzarbeitergeld bekommen können, hessenweit auf dem letzten Platz, was gut ist. Und die Quote der Männer in Teilzeit ist die höchste in Hessen. Die Einschätzung hängt also ganz davon ab, welchen Aspekt man betrachtet.

Wegen der Pandemie soll es beim Thema Geschlechtergerechtigkeit zu Rückschritten gekommen sein.

Eine Untersuchung im ersten Corona-Jahr hat gezeigt, dass 2020 viel mehr Väter Home Office gemacht und die Kinder betreut haben als vorher. Das sogenannte "gender care gap“, also die Zeit, die Frauen mehr für Kindererziehung, Pflege oder Ehrenamt aufwenden als Männer, schien sich positiv zu entwickeln, das war toll.

Und dann?

Im zweiten Jahr der Pandemie ist das wieder vollständig zurückgegangen und sogar umgeschlagen, weil besonders Frauen ihre Kinder nicht so gerne alleine lassen, wenn es ihnen nicht gut geht. Da haben Frauen dann ihre Elternzeit verlängert oder ihre neue Stelle nicht angetreten, um sich kümmern zu können, wenn Schule, Hort oder Kita geschlossen wurden. Beim care gap hat uns die Pandemie um Jahre zurückgeworfen.

Frustriert Sie das nicht?

Doch. Aber dann nehmen wir eben einen neuen Anlauf. Es kommt immer wieder vor, dass man einen Schritt zurückgehen muss, aber die Erfahrungen gehen deshalb ja nicht verloren. In anderen Teilen der Welt sind Frauen täglich lebensbedrohlichen Situationen ausgesetzt. Im Vergleich dazu haben wir hier tolle Rahmenbedingungen. Ich wünsche mir manchmal, dass noch mehr Frauen diese Möglichkeiten aktiv nutzen.

Warum tun sie es denn nicht?

Von der Tendenz her stimmt es zum Beispiel, dass Männer sich auf eine Stelle bewerben, wenn sie etwa 50 Prozent der geforderten Eigenschaften mitbringen. Bei Frauen braucht es mindestens 80 Prozent. Dabei hat Deutschland bereits volkswirtschaftliche Einbußen aufgrund von Fachkräftemangel. Wir brauchen alle, da können sich Frauen ruhig trauen. Aber es gibt auch immer noch viel Klischeedenken.

Immer noch?! Können Sie ein Beispiel nennen?

Ich war mit einigen Vermittlerinnen und Vermittlern auf Betriebsbesuch in einem technischen Unternehmen. Der Meister sagte: Wir würden gerne mehr Mädchen ausbilden. Die Kollegen antworteten: Aber man muss hier doch so schwer heben und es ist dreckig. Dabei hebt eine Kassiererin täglich sicherlich mehr Kilos als eine Mechatronikerin in einem Industriebetrieb. Und alles Dreckige ist hinter Plexiglas. Dazu kommen Arbeitszeiten von 8 bis 16 Uhr, das ist mit Blick auf die Kinderbetreuung eigentlich ideal. Trotzdem lassen sich diese Vorurteile nur schwer verändern. Genauso ist es andersherum: Frankfurt ist bei der Zahl der Erzieher ziemlich weit vorne. Aber aus ländlichen Gegenden höre ich immer wieder, dass die Eltern Vorbehalte haben.

Außerdem fragen Jungs ja, was sie verdienen, und Care-Berufe sind in der Regel nicht besonders gut bezahlt.

Ist das so? Natürlich wünsche ich mir, dass die Menschen, die mit meinem Kind umgehen, gut bezahlt werden. Aber im Vergleich zu anderen Ausbildungsberufen werden Erzieherinnen und Erzieher nicht so schlecht bezahlt, wie wir oft hören. Auch Einzelhandel, Polizei, Paketboten und viele andere halten den Laden am Laufen - und verdienen deutlich weniger.

Punkt für Sie.

Aber auch ich selbst bin nicht gefeit. Ich hatte in einem Kurs mal eine Frau mit einer Hose, bei der ich dachte: Damit würde ich nicht mal zur Mülltonne gehen. Ich schloss daraus, dass sie geringqualifiziert ist. Aber sie war Medizinerin mit Doktortitel. Und als mein Mann seine Arbeitszeit reduzieren wollte, um sich mehr um seine Mutter zu kümmern, wäre ich zuerst fast an die Decke gegangen. Ich habe es noch rechtzeitig gemerkt und ihn dann unterstützt. Aber es war ein wichtiger Lernschritt, zu begreifen, dass Vorbehalte selbst mit all der Reflexion tief sitzen. Seither bin ich ein bisschen gnädiger, wenn Menschen in Klischees reagieren.

Auch beim Vorurteil, dass durch eine Frauenquote inkompetente Frauen bevorzugt werden?

Nein, das ist Quatsch! Außerdem gibt es viele Quoten, zum Beispiel in der Politik, damit alle Gruppen berücksichtigt sind. Darüber beschwert sich keiner, nur über die Frauenquote. Dabei hat zum Beispiel Jutta Ebeling mal in einer Rede zum internationalen Frauentag gesagt, dass sie ohne die 50:50-Quote bei den Grünen nie auf die Idee gekommen wäre, als Bürgermeisterin zu kandidieren.

Und trotzdem behaupten Quotengegner hartnäckig, dass mittlerweile Jungen beziehungsweise Männer systematisch benachteiligt werden.

Und kommen dann mit Argumenten wie: Aber wenn ich Teilzeit arbeite, hab ich Nachteile im Job. Ja, richtig, das haben Frauen schon lange. Oder: Jetzt gibt es mehr Konkurrenz. Ja, richtig, der Meister im Industriebetrieb hätte gerne mehr Mädchen, weil sie oft bessere Abschlüsse haben. Was aber stimmt ist, dass Jungen zu kurz kommen, wenn es im Kindergarten nur Erzieherinnen und keine Erzieher gibt. Da fehlen Vorbilder.

Hat mehr Vielfalt in der Arbeitswelt noch weitere Vorteile?

Sie bringt vor allem verschiedene Blickwinkel ein. Zum Beispiel hat mein Kleinwagen eine Funktion, dass sich nach dem Einsteigen auch die Beifahrertür verriegelt, damit an der Ampel niemand meine Handtasche klauen kann. Dazu brauchte es eine Frau im Entwicklungsteam, weil Männer keine Handtaschen auf den Beifahrersitz stellen. Andersherum hat mal ein Autohersteller versucht, einen Van nach Saudi-Arabien zu exportieren und ist gescheitert, weil kein Moslem im Team war, der erklärt hat, dass nicht genügend Leute reinpassen, um die traditionelle Pilgerreise nach Mekka antreten zu können. Diversität ist manchmal anstrengender und die Prozesse dauern scheinbar länger, aber ich bin überzeugt, es lohnt sich.

Das klingt ja alles sehr schön, was Sie sagen. Aber die Zeiten sind unsicher, und Corona hat viele Jobs vernichtet.

Vielen fällt es schwer zu glauben, dass es trotz Corona richtig viele offene Stellen gibt. Aber Sie sehen doch kaum ein Handwerkerauto, einen Firmenwagen oder eine Homepage, wo nicht steht: Wir suchen Sie! Es gibt mehr Chancen denn je, wir sollten uns nur trauen. Früher galt zum Beispiel, dass man mit Literaturkritik nicht berühmt werden kann - bis Marcel Reich-Ranicki kam und eben doch berühmt wurde. Wer sagt denn, dass nicht auch Sie eine Grenze überwinden können?!

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