+
Journalistin und Filmemacherin Karin Steinberger

Filmmuseum Frankfurt

Doku: Die Geschichte eines verurteilten Mörders

  • schließen

Die Journalistin und Filmemacherin Karin Steinberger hat ihren Film über einen in den USA zu lebenslanger Haftstrafe verurteilten Deutschen im Filmmuseum vorgestellt. Ein Lehrstück über die US-Justiz.

Karin Steinberger (49) ist Reporterin der Süddeutschen Zeitung (SZ). Offene Fragen spornen die gebürtige Bayerin mit den forschenden blau-grünen Augen zu Hochleistungen an. „Es ist ein großes Privileg, Geschichten wie die von Jens Söring erzählen zu dürfen“, verrät die Journalistin im Filmmuseum Frankfurt. Hier präsentiert sie ihren Dokumentarfilm „Das Versprechen – Erste Liebe lebenslänglich“, für den sie gemeinsam mit dem SWR-Filmemacher Marcus Vetter Regie führte.

Seit mehr als zehn Jahren beschäftigt sie sich nun schon mit der Lebensgeschichte von Jens Söring, sie hat zahllose Artikel über den Fall geschrieben und dann vier Jahre lang an der Dokumentation gearbeitet. Wie eine große Liebesgeschichte damit endet, dass zwei Menschen nun schon seit mehr als 30 Jahren im Gefängnis sitzen, möglicherweise für immer, beschäftigt die Frau aus Gräfelfing.

Alles begann 2005: Damals erhielt die Reporterin einen Brief von einem Pfarrer. Er schrieb, dass im US-Staat Virginia ein Deutscher möglicherweise unschuldig im Gefängnis sitze. Steinbergers Neugierde, sie arbeitete schon seit mehr als 20 Jahren für die SZ, war geweckt: Dem Schreiben war ein Brief des Häftlings Jens Söring beigelegt. Sofort schrieb die Reporterin an den verurteilten Mann, der 1985 auf brutale Art die Eltern seiner einstigen Freundin umgebracht haben soll. Bereits zum damaligen Zeitpunkt hatte er 20 Jahre im Gefängnis abgesessen, mittlerweile sind weitere zehn dazugekommen.

Karin Steinberger interessierte vor allem, wie er all die Jahre überlebt hat – „als weißer, schmächtiger, sehr von sich überzeugter Deutscher in einem US-Gefängnis“. Sie erinnert sich noch heute daran, wie er beim ersten Aufeinandertreffen vor ihr saß, drei seiner von ihm geschriebenen Bücher im Arm, wie kleine Kinder, voller Stolz. „Er sah jung aus, er redete über sein Leben. Das macht er übrigens immer wieder, er will, dass die Menschen die Argumente sehen, er will nicht ihr Mitleid.“ Söring besteht auf seiner Unschuld.

„Wir stehen in regelmäßigem Briefwechsel“, sagt Steinberger. „Er schwankte in all den Jahren immer wieder zwischen Trauer, Hilflosigkeit und Wut – er hat viele Jahre sich selbst gehasst, dann das amerikanische Justizsystem, dann hat er sich über die Tatenlosigkeit der deutschen Regierung aufgeregt.“

Was geschah wirklich am 30. März 1985 in der Holcomb Rock Road in Lynchburg, Virginia? Das ist die große Frage. Mit zahllosen Messerstichen wurde das Ehepaar Derek und Nancy Haysom ermordet. Jens Söring wurde als Einzeltäter verurteilt. Laut Polizei glich der Tatort einem Schlachthaus, Steinberger zufolge wurden die Opfer „fast enthauptet“. Ins Fadenkreuz gerieten die Tochter des Ehepaares, Elizabeth, sowie ihr deutscher Freund Jens Söring, Sohn eines Diplomaten.

Nach seiner Verhaftung in England 1986 gestand er erst die Tat, nahm sein Geständnis aber kurz darauf wieder zurück. Zu Karin Steinberger sagt er immer wieder, er habe seine Freundin vor dem elektrischen Stuhl bewahren wollen – im Glauben, er genieße durch seinen Diplomatenvater Immunität und würde nach deutschem Jugendstrafrecht höchstens zehn Jahre hinter Gittern verbringen müssen. Dreifacher Irrtum. Denn auch in seiner Freundin hatte er sich getäuscht: Elizabeth Haysom verrät ihn, sagt vor Gericht gegen ihren ehemaligen Geliebten aus.

„Lebenslang heißt in Amerika lebenslang“, erklärt Steinberger. „Die Amerikaner wollen, dass er im Gefängnis stirbt. Zweimal lebenslänglich bedeutet, im Knast zu sterben.“ Die SZ-Journalistin sagt: „Selbst wenn er schuldig wäre, nach 30 Jahren hat nach deutschem Rechtsverständnis jeder Mensch eine zweite Chance verdient.“ Während ihrer langjährigen Recherche stieß Steinberger zudem auf unzählige Ungereimtheiten.

Es gibt Zeugen, die nicht vor Gericht gehört wurden. Der Richter war mit der Familie der Ermordeten befreundet, also befangen. Das Geständnis war nachweislich fehlerhaft. Es wurde nie eine Spur von Söring am Tatort gefunden. Steinberger: „Man fand dort nichts von ihm. Kein Blut, kein Haar. Nichts.“ Im Sommer hat nun das Gerichtsmedizinische Institut von Virginia auch noch bestätigt, dass Blut von zwei anderen Männern am Tatort nachgewiesen wurde. Und Steinberger fragt: „Wie passt das zu der Theorie als Einzeltäter? Das müsste man jetzt mal erklären.“

Ob er nun schuldig sei, wisse sie nicht. „Wenn er aber unschuldig ist, kaum vorstellbar, wie man das so lange ertragen kann.“ Der Film ist eine gründliche Recherche, soll keine „Free-Willy-, Free-Jens-Story“ sein. Um eine spannende, erzählenswerte Geschichte aber handele es sich allemal. Und natürlich, sagt Steinberger, entwickle man eine gewisse Beziehung zu seinen Protagonisten, besonders, wenn man einen Menschen so lange begleitet, wenn man über die Jahre miterlebt hat, wie er in tiefste emotionale Löcher fällt und dann wieder euphorisch ist. „Aber immer bleibt die journalistische Distanz, ich richte nicht, ich berichte.“

Erstaunlich findet Steinberger, dass sich das US-Justizsystem nicht mehr zu hinterfragen scheint. Es gibt für Jens Söring offiziell keine Möglichkeit mehr, den Fall vor Gericht zu bringen, trotz der neuen Erkenntnisse.

Auch deshalb hat sie diesen Dokumentarfilm gedreht, um Fragen zu stellen, die nie gestellt wurden. Acht Mal habe sie in den USA gedreht zusammen mit dem Dokumentarfilmer Marcus Vetter, oft sind sie sehr spontan hingeflogen, weil etwas passiert ist. Und sie ist immer noch in Kontakt mit Jens Söring, gerade läuft die zwölfte Bewährungsanhörung.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare