Demoteilnehmerinnen stehen mit Schildern und Transparenten im Bahnhofsviertel. Bei einer Kundgebung mit anschließendem Protestmarsch ins Bahnhofsviertel forderten die Teilnehmerinnen eine Öffnung von Bordellen, die wegen der Corona-Pandemie jetzt geschlossen sind.
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Demoteilnehmerinnen stehen mit Schildern und Transparenten im Bahnhofsviertel. Bei einer Kundgebung mit anschließendem Protestmarsch ins Bahnhofsviertel forderten die Teilnehmerinnen eine Öffnung von Bordellen, die wegen der Corona-Pandemie jetzt geschlossen sind.

Demonstrationen in Frankfurt

Mini-Bahnhofsviertelnacht und Protestmarsch für Öffnung der Bordelle in Frankfurt

  • vonSabine Schramek
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Das "älteste Gewerbe der Welt" kämpft kreativ um seine Existenz: Eine Mini-Bahnhofsviertelnacht und eine Demo zur Öffnung der Bordelle haben am Wochenende bunte Akzente gesetzt.

Frankfurt -Rauchschwaden, Pyrotechnik, Glitter und Flitter, Samba, Tango und "Sex Bomb" machen Stimmung bei der ersten Bahnhofsnacht-Revue im riesigen Salsaclub "Changó" von Ferdinand Hartmann, der den Club seit 18 Jahren führt. Für Einblicke in das Leben im Kiez sorgt eine Bühne mit rotem Sofa, riesiger Leinwand und Talkgästen. Das echte Leben ist draußen, an den Straßenecken, wo Prostituierte auf Kundschaft warten. Drinnen spiegelt Show-Romantik das verruchte Leben wieder. Heiße Girls in knappen Kostümen lassen ihre Hüften zu Samba und Salsa kreisen, Moderator Ulrich Mattner erzählt und lässt erzählen. "Back to the Roots" holt er den Schuhmacher, der bei der Maßschuhmanufaktur Lenz in der Münchner Straße den größten Maßschuh der Welt in Größe 75 hergestellt hat. Und die Modedesignerin Ricarda, die mit ihrem Label "Menashion" Erfolg hat - nett, witzig und eben das, wofür das Bahnhofsviertel auch steht. Gut 100 Gäste erfahren von Mattner von der "gefährlichsten Kreuzung überhaupt" mit mehr als 1300 Straftaten im Jahr "zwischen Himmel und Hölle". Die Grenze, die beides voneinander trenne, sei die Kaiserstraße.

Mini-Bahnhofsviertelnacht: Publikum ist begeistert

Bernhard Hahn, genannt Bernie, vom Musikhaus Cream Musik ist nach 114 Jahren am alten Standort nach Sachsenhausen umgezogen. Elvis Presley hat in der Taunusstraße eingekauft und alle Musikgrößen der Welt waren bei ihm. Die "Crack-Szene und die Grundstücksspekulationen" haben ihn vertreiben. Zehn Jahre hat er um seinen Standort gekämpft. "Es gibt keinen Willen für Verbesserung", fasst er den Umzug zusammen - und spielt mit seiner Band "Die Frankfurters" Mackie Messer und "Sex Bomb".

Das Publikum ist begeistert. Auch von Bordellgeschichten von einst und von Domina Vanessa, die aus dem Nähkästchen plaudert. Von Fußfetischisten und dem Problem von geschlossenen Bordellen und verzweifelten Prostituierten in Corona-Zeiten. Das Damals ins Heute holen wollen auch die Takke-Twins mit ihrem preisgekrönten Film "Abendmahl", der mit echten Rockern auf Harleys und Bibeltexten die Unterwelt sichtbar macht. Verrucht und gruselig, spannend und menschlich zugleich. Ebenso wie Hütchenspieler Remo Kell, der mit perfekter Fingerfertigkeit täuscht und verzaubert. Die Romantik des Viertels von einst und die Entwicklung von heute verschwimmen in der dreistündigen Show. Die feurigen Tänzerinnen hüftwackeln die letzten Zweifel weg, Glitter und Flitter im Rhythmus des Nachtlebens lassen Corona fast vergessen.

Frankfurt: Demos für Öffnung der Bordelle

Das Gegenteil ist am Samstag auf dem Opernplatz zu sehen. Eine Branche, die als ältestes Gewerbe der Welt gilt, kämpft vor allem in Hessen um ihre Existenz. "Öffnet die Bordelle!" steht auf großen Plakaten direkt vor dem Eingang der Alten Oper. Für 200 Personen wurde die Kundgebung und Demonstration angemeldet, etwa 50 Teilnehmer sind gekommen. Der Verein Doña Carmen hatte aufgerufen, sich für die Wiedereröffnung stark zu machen. Der Verein setzt sich für die sozialen und politischen Rechte von Prostituierten ein. "Existenzvernichtung" und "Schutzlosigkeit der Sexarbeiterinnen" wird in langen Reden laut kritisiert. Der Widerspruch, dass Prostitution per se erlaubt ist, die Bordelle aber wegen Corona in Hessen immer noch geschlossen sind, macht die Frauen und Männer wütend. "Betonköpfe" beschimpfen sie die Politiker. Bordellbetreiberin Nadine Maletzki kämpft seit Monaten. "Wir können alle Hygieneregeln einhalten. Besser als jedes Lokal. Nur die Politik hier lässt nicht mit sich reden." In sieben Bundesländern seien die Bordelle wieder geöffnet; in Frankfurt hingegen würden die Frauen auf den Straßenstrich gezwungen, um überleben zu können. Doch der sei illegal. Domina "Madame Kali Dreadful" ist aus Nordrhein-Westfalen gekommen. "Die Frauen werden noch mehr stigmatisiert, können nicht überleben. Erst kam das Prostituiertenschutzgesetz, jetzt gibt es überhaupt keinen Schutz mehr", klagt sie. Dass auf der Bühne auch Menschen sprechen, die sich gegen die Aufnahme von Freier-Kontaktdaten wehren, und sich der Demo durch die Stadt Corona-Leugner anschließen, verwässert die Forderungen der Veranstalter. Andere Bordellbetreiber aus dem Bahnhofsviertel, die bei der Kundgebung nicht anwesend sind, haben zum dritten Mal beim Hessischen Verwaltungsgerichtshof (VGH) in Kassel Klage eingereicht. Zweimal wurde sie abgewiesen. Die Chancen stehen diesmal besser, da andere Bundesländer längst den Betrieb wieder gestattet haben. (von Sabine Schramek)

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