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Doppelt so viele Geflüchtete wie 2015 in Frankfurt

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Von: Sarah Bernhard

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Tausende Flüchtlinge aus der Ukraine sind seit dem russischen Angriff am 24. Februar am Frankfurter Hauptbahnhof angekommen. Viele sind weitergereist, tausende sind geblieben.
Tausende Flüchtlinge aus der Ukraine sind seit dem russischen Angriff am 24. Februar am Frankfurter Hauptbahnhof angekommen. Viele sind weitergereist, tausende sind geblieben. © dpa

Auch Zahl der Obdachlosen ist gestiegen - Neuankömmlinge müssen nach Gießen

Rund 9300 Menschen leben im Moment in den Not- und Übergangsunterkünften der Stadt Frankfurt. Ende 2015, am Scheitelpunkt der damaligen Flüchtlingsbewegung, waren es 5100, Ende vergangenen Jahres 3700. Dabei hat sich nicht nur die Zahl der Geflüchteten im Vergleich zu 2015 von 3000 auf 5700 fast verdoppelt. Auch die Zahl der Obdachlosen, welche die Stadt ebenfalls unterbringt, ist gestiegen.

"Die Reisebewegungen in Europa nehmen generell zu", sagt Sozialdezernentin Elke Voitl (Grüne). Viele Osteuropäer nutzten, genauso wie viele Ukrainer, die Stadt als Durchgangsstation. Noch immer würden am Hauptbahnhof täglich zwischen 500 und 2000 Menschen beraten, deren Ziel eigentlich anderswo liegt. "Das ist mehr als in Berlin", sagt Voitl. Grund sei vermutlich, dass Frankfurt zentraler liege.

Anders als 2015 gebe es mit der Stabsstelle Unterbringungsmanagement und Flüchtlinge, die die damalige Sozialdezernentin Daniela Birkenfeld (CDU) eingerichtet hat, aber etablierte Strukturen, die nur angepasst werden mussten, sagt Voitl. "Das war gut, denn nach dem völkerrechtswidrigen Angriff auf die Ukraine mussten wir unglaublich schnell reagieren." Zudem sei die Situation noch einmal chaotischer gewesen als 2015, da sich viele Menschen einfach in ihre Autos gesetzt hätten und hergefahren seien. Dennoch habe alles reibungslos funktioniert. "Ich war wirklich beeindruckt von den Trägern und dem Krisennetzwerk."

Die Zahl der Not- und Übergangsunterkünfte stieg seit Beginn des Krieges von rund 100 auf 120. Allerdings sind viele der neuen Unterkünfte große Hallen. "Eigentlich ist es mein Ziel, die Übergangsunterkünfte so hochwertig wie möglich zu gestalten", sagt Voitl. "Der Ukrainekrieg hat uns da sehr zurückgeworfen, weil wir die Menschen en masse unterbringen mussten." Eigentlich seien 2021 die letzten Hallen geschlossen worden.

Für die Unterbringung gilt jetzt ein vierstufiges System. Neuankömmlinge landen in der Regel in der ersten Stufe: einer Notunterkunft, in der Messebauwände und Vorhänge kaum Privatsphäre zulassen. Ist eine Unterbringung dort aufgrund der gesundheitlichen oder sozialen Situation nicht möglich, wechseln die Menschen in Unterkünfte mit eigenen Zimmern, aber Gemeinschaftsküchen und Bädern. Auch Menschen, die schon länger in einer Notunterkunft der ersten Stufe leben, können irgendwann wechseln. Die höchste Stufe sind Übergangsunterkünfte mit abgeschlossenen Übergangswohnungen. "Das Ziel ist aber immer, die Menschen aus den Übergangsunterkünften in normale Wohnungen zu vermitteln", sagt Voitl. Die Herkunft spiele bei der Unterbringung keine Rolle. Die Situation unterscheidet sich noch in weiteren Aspekten von der im Jahr 2015. Viele der damaligen Geflüchteten hatten Deutschland als Ziel, "sie wollten zur Ruhe kommen und ins Leben einsteigen". Viele Ukrainerinnen, die mit ihren Kindern hierher geflüchtet sind, wollen hingegen wieder zurück und seien auch in Gedanken noch in der Heimat. "Das führt zu mehr Unruhe."

Zudem seien die Ukrainerinnen in der Regel gut ausgebildet und oft trotz Kinder berufstätig gewesen. "Sie haben eine hohe Motivation, auch hier zu arbeiten." Dank einer EU-Entscheidung mit dem klingenden Namen "Massenzustrom-Richtlinie" ist das nun auch kurzfristig möglich: Seit Juni müssen Ukrainer kein reguläres Asylverfahren mehr durchlaufen, sondern bekommen direkt temporären Schutz sowie Sozialleistungen und Zugang zum Arbeitsmarkt. Voitl vermutet, dass die Tatkraft der Ukrainerinnen den Fachkräftemangel zumindest in bestimmten Branchen abmildern könnte. Allerdings nur, wenn sie gut genug deutsch sprechen. Ob das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, das für die Sprachkurse zuständig ist, deren Zahl erhöhe, werde sich in einigen Wochen zeigen.

Verärgert ist Voitl auch eine Woche nach der Bekanntgabe noch über die Entscheidung des Landes Hessen, das Erstversorgungszentrum in der Messe zu schließen. "Ich bin weiter der Überzeugung, dass es für die Menschen besser wäre, dort versorgt zu werden, wo sie ankommen. Es tut uns weh, ein so gut funktionierendes Konzept auflösen zu müssen." Voitl schätzt, dass bis Mitte Juli alle Ukrainer nach Gießen verlegt worden sind.

Damit spätabends ankommende oder erschöpfte Ukrainer nicht am Bahnhof übernachten müssen, hat die Stadt auf eigene Kosten ein Transitzentrum in der Nähe des Bahnhofs eingerichtet, das seit Mittwoch in Betrieb ist. Immerhin habe das Land nun zugesagt, ein tägliches Busshuttle nach Gießen zu finanzieren.

Da bereits deutlich mehr Flüchtlinge in Frankfurt leben, als die Stadt laut Verteilungsschlüssel unterbringen müsste, werden alle Neuankömmlinge nach Gießen weitergeleitet, ebenso wie Ukrainer, die bisher privat untergebracht waren und in eine öffentliche Unterkunft wechseln müssen.

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