Bei der Ammes-Schneider-Lesung vor der Nikolauskapelle in Bergen-Enkheim wurde die neue Stadtschreiberin bekanntgegeben. Das Foto zeigt von links die Jurymitglieder Charlotte Brombach, Ulrich Sonnenschein, Renate Müller-Friese und Anna Doepfner.
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Bei der Ammes-Schneider-Lesung vor der Nikolauskapelle in Bergen-Enkheim wurde die neue Stadtschreiberin bekanntgegeben. Das Foto zeigt von links die Jurymitglieder Charlotte Brombach, Ulrich Sonnenschein, Renate Müller-Friese und Anna Doepfner.

Die Jury hat entschieden

Dorothee Elmiger zieht ins Stadtschreiberhaus ein

  • VonKatja Sturm
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Die Schweizer Autorin wird am 3. September Nachfolgerin der Offenbacherin Anne Weber

Schon oft hat Ulrich Sonnenschein bei der Ammes-Schneider-Lesung etwas vorgetragen. Doch am Montagabend durfte der Kulturredakteur des Hessischen Rundfunks erstmals nicht selbst entscheiden, wessen Werk er dafür wählte. Das Jurymitglied war dazu auserkoren, aus dem jüngsten Buch der nächsten Stadtschreiberin von Bergen zu zitieren. Den Namen der Ausersehenen zu verraten, das musste der Journalist wiederum Ortsvorsteherin Alexandra Weizel überlassen. Gespannte Stille herrschte im Vorhof der Nikolauskapelle, als es so weit war.

Die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger wird am 3. September von ihrer Vorgängerin Anne Weber den Schlüssel zu dem Gebäude An der Oberpforte 4 übernehmen. "Sie schreibt mit frischer Eleganz, sorgfältigem Strich und präzisem Timing", heißt es in der Begründung der neun Juroren. Die Bücher der 1985 in Wetzikon geborenen Schriftstellerin seien "faszinierende Kompositionen, die Motiven und Geschichten folgen und dabei assoziative Kreise ziehen, die sich immer neu verbinden". Sie stifteten damit zum Weiterlesen an. "Man kann durch sie hindurchflanieren, feinen Navigationslinien folgend, und gerät in einen Sog, der auf andere Kontinente führt, auf die Nachtseite oder lustvoll ins Gedankengestrüpp."

Elmiger wird die Nummer 48 auf der Liste derer sein, die diese besondere Auszeichnung erhalten haben, verbunden mit 20 000 Euro und einem Jahr mietfreiem Wohnen im neuen Frankfurter Domizil. Dafür müsse sie, wie Sonnenschein sagt, eine Antritts- und eine Abschiedsrede halten. Wie präsent sie sonst sein wird, bleibt der Preisträgerin überlassen. Die Idee der aktuellen Stadtschreiberin, Menschen aus dem Stadtteil einzuladen, damit sie ihr Geschichten erzählen, gefalle Elmiger aber schon mal sehr gut.

In der Jury schlägt bei der Bestimmung der Kandidaten jeder einen Autor mit einem repräsentativen Werk vor, das dann alle lesen, um sich schließlich auf eine Person zu einigen. Elmiger, die mit allen ihren drei bisherigen Büchern für den Schweizer Buchpreis nominiert war und zahlreiche weitere Auszeichnungen erhielt, darunter 2010 den Kelag-Preis beim Ingeborg-Bachmann-Preis, verbindet mit Deutschland bereits ihr Studium am Literaturinstitut in Leipzig und an der Freien Universität in Berlin. Aus der Ferne ließ sie ausrichten, dass sie sich über die Ehre freue.

Wie vielseitig die Arbeiten ihrer verschiedenen Vorgänger waren und sind, machte die Lesung deutlich. Gedichte von Marcel Beyer, Auszüge aus dem Roman "Wenn die Chinesen Rügen kaufen, dann denkt an mich" von Friedrich Christian Delius und Minuten-Essays von Katharina Hacker waren da, per Mikrofon über den Straßenlärm gelegt, von Jurymitgliedern zu hören. Unter den etwa 50 Leuten, die den lauschigen Abend gemeinsam genossen, befand sich Adrienne Schneider, die Tochter von Annemarie "Ammes" Schneider, der Frau des Preis-Begründers Franz Josef Schneider, die bis zu ihrem Tode 2007 dafür sorgte, dass die Stadtschreiber sich in ihrer temporären Heimat wohlfühlen konnten.

Das Schöne sei, so Charlotte Brombach, die auch zum Auswahlkomitee zählt, dass man in Bergen immer Stadtschreiber bleibe, wenn man einmal dazu gekürt werde. Von der noch bis Ende August residierenden Anne Weber bestellte sie Grüße aus Frankreich, von wo aus diese bald wieder auf Buchpreis-Reise durch Deutschland gehen werde.

"Ein großer Glücksfall" sei es gewesen, dass die Offenbacherin im Jahr ihrer Amtszeit mit "Annette, ein Heldinnenepos" den Deutschen Buchpreis gewann und der Roman mittlerweile 120 000-mal verkauft wurde.

Dorothee Elmigers jüngstes Buch "Aus der Zuckerfabrik" schaffte es 2020 auf die Shortlist. Unter den Besuchern der Lesung konnten nur wenige den kurzen Text daraus, den Sonnenschein vortrug, auf Anhieb der Schweizerin zuordnen. Man kann jedoch sicher sein, dass sich das bald ändern wird. Katja Sturm

Dorothee Elmiger.

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