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Dramatische Folge der Pandemie in Frankfurt: Viele Tumore zu spät entdeckt

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Von: Michelle Spillner

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Ein Patient beim Vorgespräch zur Krebsvorsorge. Aus Angst vor einer Ansteckung haben viele andere Menschen in der Pandemie die wichtigen Untersuchungen gemieden.
Ein Patient beim Vorgespräch zur Krebsvorsorge. Aus Angst vor einer Ansteckung haben viele andere Menschen in der Pandemie die wichtigen Untersuchungen gemieden. © picture alliance / Benjamin Ulme

In der Corona-Krise ließen viele Frankfurter Patienten die Krebsvorsorge schleifen. Oftmals konnten Ärzte erst im späten Stadium eingreifen.

Frankfurt -Krebszellen mögen keine Aufmerksamkeit. Je länger sie unbemerkt wachsen können, desto mehr entfalten sie ihre zerstörerische Kraft. Die Pandemie hat dem Krebs Vorschub geleistet. "Ich stelle jetzt eine große Anzahl von Patienten mit völlig verbaselten Krebsdiagnosen fest, die zum Teil sogar schon seit Monaten symptomatisch sind", beschreibt Prof. Dr. Elke Jäger, Chefärztin der Klinik für Onkologie und Hämatologie am Frankfurter Nordwestkrankenhaus. Während der Pandemie ist die Zahl der Krebsdiagnosen deutlich zurückgegangen. Aber es sind nicht weniger Menschen erkrankt. Die Erkrankungen sind nur nicht entdeckt worden, sagt auch Prof. Dr. Christian Jackisch, Vorsitzender der Hessischen Krebsgesellschaft und Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Geburtshilfe am Sana Klinikum in Offenbach - mit katastrophalen Auswirkungen.

Prof. Dr. Axel Dignaß, Chefarzt der Medizinischen Klinik 1 des Agaplesion Markus Krankenhauses in Frankfurt, bestätigt: "Wir sehen jetzt Patienten mit Tumoren, die sind nicht mehr so groß, sondern so", und er deutet mit der Hand in der Luft erst eine Kirschkerngröße und dann eine Apfelsinengröße an. Oft habe der Krebs schon Metastasen gebildet. "Manche Patienten versterben, weil es schon zu spät ist", schildert Dignaß. Covid schiebe eine Bugwelle an schweren Erkrankungen vor sich her, die jetzt auf die Krankenhäuser zukomme, stellt Jackisch nüchtern fest.

Corona-Folgen in Frankfurt: Krebserkrankungen zu spät entdeckt

Dass Krebs umso besser behandel- und heilbar ist, je früher er erkannt wird, ist nichts Neues. Es gibt unzählige Krebsaktionstage und Kampagnen, die zu Vorsorgeuntersuchungen motivieren sollen: Der März ist beispielsweise seit 20 Jahren der Darmkrebsmonat. Gerade jetzt müsse man den Stellenwert der Vorsorge noch einmal mehr betonen. Deshalb ist Jackisch eines der Gesichter der Kampagne "Krebs wartet nicht" des Pharmakonzerns Astra Zeneca, die in Zeiten der Pandemie die Relevanz frühzeitiger Krebsdiagnosen betonen soll.

"Ich würde die Möglichkeiten der Früherkennung nicht der Pandemie unterordnen", betont Jackisch. Aber genau das sei in den vergangenen zwei Jahren geschehen. Viele Patienten seien aufgrund der Sorge, sich mit Covid 19 zu infizieren, nicht mehr zum Arzt gegangen. "Manche waren seit zwei Jahren nicht beim Hausarzt. Aber bei den Vorsorgeuntersuchungen dort entdeckt man so etwas rechtzeitig, im Blut: Blutarmut, Entzündungswerte - und dann ist es plötzlich der Leberkrebs, ein Blutkrebs ... Aber die Leute warten, bis es wehtut", bedauert Kollege Dignaß aus Frankfurt.

Keine Krebsdiagnose wegen Corona-Angst: Frankfurter „warten, bis es wehtut“

Die Angst vor der Corona-Ansteckung sei stellenweise enorm. Einen Patienten hatte Dignaß, der mit Bluterbrechen im Krankenwagen in die Notaufnahme gebracht wurde. Aus Angst vor Covid sei er gegangen und zehn Stunden später wieder dagewesen. "Covid ist kein Grund, nicht zum Arzt zu gehen", betont Dignaß. Vor eineinhalb Jahren, als man noch nicht so viel über Covid gewusst habe, sei eine Vorsicht angemessen gewesen, aber jetzt, eineinhalb Jahre später, sei die Angst vor einer Covid-Infektion unrealistisch. Es werde alles getan, damit sich niemand anstecke.

Einen Diagnosestau gab es zu Beginn der Pandemie. Und im Frühjahr 2020 beim Komplett-Lockdown seien Vorsorgen nicht angeboten worden. Dann waren manche Vorsorgeuntersuchungen wie Endoskopien erst einmal begrenzt worden, "weil mit Narkosemittel gehaushaltet werden musste", so Dignaß: "Jetzt muss das aufgeholt werden, aber das ist seit zwei Jahren in der ganzen Welt nicht aufgeholt worden."

Es seien keinerlei Krebs-Operationen abgesagt worden, wie immer mal wieder behauptet werde, sondern manche seien lediglich um einen kurzen Zeitraum verschoben worden. "Das kann Ihnen aber auch in ganz normalen Zeiten passieren, wenn Notfälle reinkommen", schildert Dignaß.

Krebskranke in Frankfurt: Betroffen sind vor allem Darm, Magen und Lunge

Vor allem bei Darm-, Magen-, Lungenkrebs- und Blutkrebs treffen die Ärzte nun auf Tumore in fortgeschrittenen Stadien. Männer haben bei der Vorsorge mehr "geschludert" als Frauen, Ältere mehr als Jüngere. Junge und aufgeklärtere Patientinnen sind laut der Experten in der Vorsorge stabil. Bei Brustkrebs zeigt sich, dass die massiven Aufklärungskampagnen mit Anleitungen zur Selbstuntersuchung eine kontinuierliche Sensibilisierung bewirkt haben.

Prof. Dr. Marc Thill, Chefarzt der Klinik für Gynäkologie und Gynäkologische Onkologie am Markuskrankenhaus, beobachtet aber mehr fortgeschrittene Krebserkrankungen im Genitalbereich der Frau, "vor allem Vulva- und Zervixkarzinome, die ein eher langsames Wachstum aufweisen und deswegen auch über die letzten 1,5 Jahre entstehen konnten."

Alle rechnen nun damit, dass der Anteil fortgeschrittener Tumore steigen wird. Jackisch fürchtet sogar, dass der "Vorsorge-Schlendrian" in Deutschland, dem "Land der Vorsorgemuffel", nun anhalten könnte, "aber Covid ist die schlechteste Ausrede, dem Krebs eine Chance zu geben". (Michelle Spillner)

21 Prozent weniger Diagnosen, aber nicht weniger Fälle

Die Zahl der Krebsdiagnosen hat während der Corona-Pandemie signifikant abgenommen. Alleine im Zeitraum März bis Mai 2020 - während des harten Lockdowns - ist die Zahl der Krebsdiagnosen im Vergleich zum Vorjahr in Deutschland um 21 Prozent zurückgegangen, weltweit sogar um 40 Prozent.

Aus Angst vor Corona kein Arztbesuch

Laut einer Krankenkassenanalyse blieben während der ersten Corona-Welle in Deutschland 2600 Krebserkrankungen unentdeckt - Erkrankungen, die vielleicht bei einem regulären Hausarzt-Check-up gefunden hätten werden können. Auch die Vorsorgeuntersuchungen wurden vernachlässigt: Zehn Prozent der Deutschen haben in der Zeit von März 2020 bis Juli 2020 ihre Krebsvorsorgeuntersuchungen nicht wahrgenommen. Hauptgrund für die dramatische Entwicklung: Aus Sorge vor einer Covid-Ansteckung vermieden und vermeiden noch immer viele Menschen den Arztbesuch. Die tatsächlichen Auswirkungen werden sich erst in den nächsten Jahren zeigen. Vor der Pandemie sind in Deutschland jährlich 500 000 Menschen an Krebs erkrankt.

Brustkrebs und Prostatakrebs am häufigsten

Die häufigsten Krebserkrankungen sind bei Frauen Brustkrebs (30 Prozent), Darmkrebs (11,5 Prozent) und Lungenkrebs (9,4 Prozent), bei Männern Prostatakrebs (24,6 Prozent), Lungenkrebs (13,3 Prozent) und Darmkrebs (12,8 Prozent). Das durchschnittliche Erkrankungsalter lag bislang bei 68 Jahren.

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