1. Startseite
  2. Frankfurt

Ebbelwei wird immaterielles Kulturerbe

Erstellt:

Von: Sarah Bernhard

Kommentare

Frankfurter Dreigestirn: Apfel, Schoppen und Geripptes. FOTO: Unger
Frankfurter Dreigestirn: Apfel, Schoppen und Geripptes. © unger

Unesco nimmt "handwerkliche Apfelweinkultur" in Liste auf - Kelterer: "Das gibt uns Auftrieb"

Frankfurt -Die handwerkliche Apfelweinkultur gehört nun nicht mehr nur zu Hessen und der "deutschen Apfelweinhauptstadt", wie Tourismus-Chef Thomas Feda Frankfurt nennt. Seit dieser Woche gehört sie auch zum immateriellen deutschen Kulturerbe. Das haben die Kultusministerkonferenz und die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Claudia Roth, beschlossen.

Die "handwerkliche Apfelweinkultur verbinde Fertigkeiten um die Bewirtschaftung von Streuobstwiesen mit Wissen und Können der Apfelweinherstellung und den dazugehörigen Bräuchen", begründete die Unesco, die Organisation, die bei den Vereinten Nationen für die Kultur zuständig ist, die Aufnahme in ihre Liste. Betrieben werde sie "häufig von Familien, Vereinen und Keltergemeinschaften", die ihr eigenes Obst anbauten und kelterten. Traditionell werde das Wissen und Können über Generationen weitergegeben.

Während es im 19. Jahrhundert rund um Frankfurt noch etwa 2000 Apfelweinkeltereien gab, sind es mittlerweile nur noch eine Handvoll, in Sachsenhausen beispielsweise nur noch zwei. Deshalb gelten die beiden von der Unesco genannten Kriterien nicht immer gleichzeitig.

So keltert beispielsweise Frank Winkler im Keller seines Sachsenhäuser Lokals "Daheim im Lorsbacher Thal" gemeinsam mit rund 30 Freunden und Stammgästen zwischen 10 000 und 15 000 Liter Apfelwein pro Jahr - allerdings erst seit 2014, als seine Frau und er das Lokal übernahmen. Obwohl es für ihn günstiger käme, das Stöffche zuzukaufen. "Aber früher haben alle Apfelweinwirte auch gekeltert, das war normal. Wir wollen die Fahne der Tradition hochhalten."

Dazu gehört auch, dass nur Äpfel, im Idealfall alte Keltersorten, von Streuobstwiesen verwendet werden. "Die Wiesen mussten wir uns damals erbetteln", sagt Winkler. Aber so schwer sei das eigentlich gar nicht gewesen. "Die meisten gehören älteren Bauern, denen es körperlich nicht mehr möglich ist, die Bäume selbst zu schneiden, und die froh sind, dass wir das machen", sagt Winkler. Der Deal: Baumschnitt gegen Apfelernte.

Bis zu 200 Tierarten biete eine solche Streuobstwiese Heimat, "vom Steinkauz bis zum Hermelin, von Insekten bis zu Vögeln", sagt Michael Stöckl, der Gründer der Messe "Cider World", die seit 2009 jedes Jahr in Frankfurt stattfindet. Verschwänden die traditionellen Keltereien, die die Wiesen pflegten, seien diese Ökosysteme stark gefährdet.

Sehr traditionsreich, aber mit einem Apfelbedarf, der nicht ganz von den eigenen Streuobstwiesen gedeckt werden kann, ist die Kelterei von Peter Possmann: Er führt den Familienbetrieb in fünfter Generation. "Ich weiß nicht, ob mein Urgroßvater sich hätte vorstellen können, dass das Produkt, mit dem er sich seine Existenz aufgebaut hat, einmal so gewürdigt wird", , sagt Possmann. "Das ist für uns eine tolle Überraschung."

Besonders freue er sich, dass in der Begründung auch die Ebbelwei-Kultur gewürdigt werde, also "das, was die Apfelwein-Freunde so lieben: dass er auf diese besondere Art getrunken wird, wozu Bembel und Geripptes gehören, aber vor allem auch gute Gesellschaft". Gerade deshalb jedoch habe die Corona-Pandemie das Apfelwein-Geschäft besonders hart getroffen. "Den zusätzlichen Fokus durch die Auszeichnung können wir deshalb gut gebrauchen."

Auch Frank Winkler fühlt sich durch die Aufnahme ins immaterielle Kulturerbe bestätigt. "Es ist toll, dass besonders die kleinen Kelterer gewürdigt werden, die die Wiesen pflegen, ihr Produkt noch selbst herstellen und schön verpacken. Das gibt uns Auftrieb."

0,56 Liter Apfelwein hat jeder Deutsche im Jahr 2020 laut dem Verband der deutschen Fruchtwein- und Fruchtschaumwein-Industrie getrunken, in Hessen war es rund zehnmal so viel. Oder in absoluten Zahlen: Von 45 Millionen Litern deutschem Apfelwein tranken die Hessen 34 Millionen selbst.

Aber welchen von ihnen sollte Claudia Roth jetzt zum Dank in ihr Geripptes bekommen? Michael Stöckl hat darauf eine ganz pragmatische Antwort: "Der beste Apfelwein ist der, der beim ersten Schluck Lust auf den zweiten macht. Und davon gibt's in Hessen sehr viele." sab

Auch interessant

Kommentare