Zen-Kloster

Ehemaliger Kloster-Schüler beschreibt Vertuschung

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Der Abt eines buddhistischen Klosters in Frankfurt soll Mönchsanwärter sexuell bedrängt haben. Das Jugendamt war seit 2007 über den Verdacht informiert, konnte jedoch nie etwas Belastendes finden. Ein Betroffener erzählt nun, wie die Behördenmitarbeiter ausgetrickst worden seien.

Als Kind beschloss Stefan Schulz, buddhistischer Mönch zu werden. Bei Akupunkturterminen seiner Mutter lernte er den damaligen Abt der Pagode Phat Hue kennen. Das buddhistische Zentrum an der Hanauer Landstraße ist ein beliebter Treffpunkt für Vietnamesen und westliche Fans fernöstlicher Traditionen. Es dient auch als Kloster.

Der Abt habe ihn eingeladen, erzählte Schulz dem Nachrichtenmagazin „Spiegel“. Daraufhin habe er immer mehr Zeit im Kloster verbracht, gemeinsam mit anderen Kindern: „Das war wie ein Sommercamp, das einfach nicht endete.“ Die Menschen erschienen glücklicher als die zu Hause. Deswegen wollte er bleiben.

Schulz heißt in Wirklichkeit anders. Er ist nun Mitte 20, studiert im Ausland und möchte unerkannt bleiben. Doch er will, dass das, was er als Zwölfjähriger in der Frankfurter Pagode erlebt habe, an die Öffentlichkeit kommt. Er wirft seinem früheren Zen-Meister vor, ihn mehrmals sexuell missbraucht zu haben.

Der Staatsanwaltschaft Frankfurt waren die Vorwürfe bisher nicht konkret genug, um Anklage zu erheben. Es fehlten weitere Zeugen, und die Ermittler hatten offenbar Zweifel an Schulz’ Glaubwürdigkeit. Seine Beschwerde gegen die Einstellung des Strafverfahrens wurde 2016 zurückgewiesen. Doch der vor drei Wochen erschienene „Spiegel“-Bericht hat viel Staub aufgewirbelt. Die Staatsanwaltschaft prüft derzeit, ob sich daraus Anhaltspunkte für neue Ermittlungen ergeben.

Ins Blickfeld gerät durch den Artikel auch eine Behörde: das Frankfurter Jugendamt. Denn Schulz schilderte dem Magazin, wie dessen Mitarbeiter bei Kontrollbesuchen im Kloster an der Nase herumgeführt worden seien. Über Monate habe er kein eigenes Zimmer gehabt, sondern in dem des Abts geschlafen. Sobald ein Jugendamtsmitarbeiter vor der Tür gestanden habe, „schossen sofort alle los, richteten ein Zimmer her, das als meines ausgegeben wurde, und legten auch noch ein paar Bravo-Hefte hin“, sagte Schulz.

Das Jugendamt bestätigte dieser Zeitung, dass es mit der Pagode zu tun hatte. Im November 2007 hätten die Behörde „Hinweise von einer Journalistin über Verdachtsmomente in Richtung sexueller Übergriffe an Minderjährigen“ erhalten. „Soweit uns bekannt lebten dort zeitweise bis zu fünf Minderjährige, teilweise mit ihren sorgeberechtigten Eltern.“

Daraufhin sei ein „standardisiertes Verfahren zur Verdachtsabklärung“ durchgeführt worden. Mit dem Ergebnis: „Die Verdachtsmomente konnten nicht verifiziert werden.“

Der Hinweis von 2007 war allerdings nicht der einzige, den die Behörde erhielt. 2013 wandte sich der Leiter eines buddhistischen Klosters in Bayern an das Frankfurter Jugendamt. Anlass dafür war ein Zeitungsartikel, in dem ein 14-jähriger Vietnamese vorgestellt wurde, der in der Pagode Phat Hue lebte. Er wurde dort als Wiedergeburt eines bedeutenden Mönchs verehrt und vom Gründer des Zentrums wie ein Ziehsohn behandelt. Die Eltern des Jungen waren damit einverstanden, sie lebten nicht mehr in Frankfurt. In dem Artikel kam auch eine Jugendamtsmitarbeiterin zu Wort. Sie erklärte, dass der Junge im Kloster geschützt aufwachse. In all den Jahren sei ihrer Behörde „nichts negativ aufgefallen“.

Diese Aussage stieß dem Klosterleiter in Bayern sauer auf. Denn zum damaligen Zeitpunkt war innerhalb der buddhistischen Szene längst bekannt, dass mehrere Klosterschüler dem Frankfurter Abt Übergriffe vorwarfen. Er soll sie unter dem Vorwand der Mönchsausbildung zu sexuellen Handlungen gedrängt haben. Allerdings ging es in diesen Fällen nicht um Minderjährige. Die Affäre führte dennoch zum Ausschluss des Lehrmeisters aus der Deutschen-Buddhistischen Ordensgemeinschaft und später zu seinem Rücktritt als Abt.

Der bayerische Mönch bat das Jugendamt daher, den aktuellen Fall noch einmal gründlich zu prüfen. Die Behörde kam dieser Bitte nach, fand aber erneut „keine Anhaltspunkte für sexuelle Übergriffe“ des Meisters „auf seinen Schutzbefohlenen“.

Gegenüber der Staatsanwaltschaft bestritt der damals Beschuldigte alle Vorwürfe. Eine Gesprächsanfrage unserer Zeitung ließ er bislang unbeantwortet.

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