Frankfurt am Main 27.04.2017, Stadtteil Gutleut, Gutleutstrasse 332, Industriebrache nach der Räumung von Obdachlosen. (c) Foto: Rainer Rüffer
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Frankfurt am Main 27.04.2017, Stadtteil Gutleut, Gutleutstrasse 332, Industriebrache nach der Räumung von Obdachlosen. (c) Foto: Rainer Rüffer

Wert des Geländes auf 3,7 Millionen Euro geschätzt

Ehemaliges Rumänenlager: Industriebrache im Gutleutviertel wird versteigert

  • VonChristian Scheh
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Das Barackenlager auf der Industriebrache im Gutleutviertel sorgte monatelang für Schlagzeilen. Nach der Räumung im Februar soll das 13 000-Quadratmeter-Gelände am 30. Mai zwangsversteigert werden. Das Frankfurter Amtsgericht hat den Verkehrswert auf 3,7 Millionen Euro festgesetzt.

Fotos von Sperrmüll-Baracken sind in Immobilien-Exposés eher selten. In dem vierseitigen Papier, das potenzielle Käufer über die Industriebrache mit der Adresse Gutleutstraße 330 - 332 informieren soll, sind gleich zwei entsprechende Aufnahmen zu finden. Sie zeigen das Elendslager, das bis zu seiner Räumung im Februar immer wieder für Aufregung und Schlagzeilen sorgte. Wie berichtet, hatten sich auf dem Gelände mehrere Dutzend Rumänen angesiedelt. Der Geschäftsführer der insolventen Frankfurter Eigentümergesellschaft, Marco M., sitzt in italienischer Haft. Die Stadt rang sich erst zur Räumung des Lagers auf privatem Grund durch, nachdem in einer Baracke ein Feuer ausgebrochen war. Sie begründete die Maßnahme mit „Gefahr im Verzug“.

Am 30. Mai soll die Industriebrache mit einer Fläche von knapp 13 000 Quadratmetern auf dem Weg der Zwangsvollstreckung im Frankfurter Amtsgericht versteigert werden. Aus dem Beschluss der Justizbehörde geht hervor, dass das Grundstück – Grundbuch des Bezirks 15, Blatt 2099 – am 7. Januar beschlagnahmt wurde. Das Insolvenzverfahren gegen die Eigentümergesellschaft war damals noch ein vorläufiges; Mitte April wurde es nach Angaben des zuständigen Frankfurter Insolvenzverwalters aber offiziell eröffnet. Der Verkehrswert der Brache wurde laut Beschluss des Amtsgerichts auf 3,7 Millionen Euro festgesetzt.

Einsatz am Wochenende

Am Wochenende rückte einmal mehr die Stadtpolizei zu der Brache aus; gemeinsam mit dem Technischen Hilfswerk, dessen Mitarbeiter die Überreste des Lagers – Barackenteile und Müll – mit einem Bagger zusammenschoben. Gefahrenstellen seien beseitigt, Löcher im Zaun geschlossen worden, zitierte die „Bild“-Zeitung, die in der Montagsausgabe über die Maßnahme berichtete, den Frankfurter Sicherheitsdezernenten Markus Frank (CDU).

Ein Grund für die Aktion war, dass sich jüngst wieder Personen Zugang zur Industriebrache verschafft hatten: In Behördenkreisen ist von „Skatern“ die Rede, deren illegale Aufbauten am Wochenende abgerissen worden seien. Rudi von der Helm, der den Ex-Brachenbewohnern ehrenamtlich hilft, berichtet allerdings, dass auch wieder Rumänen auf dem Gelände gewesen seien, um sich eine neue Lagerstätte einzurichten.

Schlafstätten im Freien

Von der Helm schätzt, dass 20 bis 30 Rumänen, die in dem Elendslager hausten, weiter in der Stadt sind und nun irgendwo im Freien schlafen. In den Übernachtungsstätten im Gutleutviertel und Ostend, wo die Stadt die Rumänen bis zur Prüfung von Leistungsansprüchen unterbrachte, halte sich inzwischen keiner mehr auf.

Manuela Skotnik, Sprecherin des Sozialdezernats, berichtete, dass 37 Rumänen von der Industriebrache einen Antrag auf Arbeitslosengeld II (Hartz IV) stellten. Bei drei Personen sei ein Anspruch festgestellt worden. In der Folge sei einem Mann eine Übergangsunterkunft zur Verfügung gestellt worden. Die zwei anderen Leistungsberechtigten, ein Paar, hätten sich eine Unterkunft in Sossenheim angesehen, diese aber als „zu schmutzig“ abgelehnt, „obwohl sie aus unserer Sicht sauber war“.

Skotnik sagt weiter, dass elf Personen die angebotene „Rückkehrhilfe“, eine Fahrkarte zurück nach Rumänien, angenommen hätten. Rudi von der Helm zeigt sich aber „überzeugt davon, dass die abgereisten Personen wieder nach Frankfurt zurückkehren werden“. Er findet, dass man die Rumänen auf der Brache hätte lassen sollen – und zitiert den Dalai Lama mit den Worten: „Man soll den Menschen helfen. Und wenn man ihnen nicht helfen kann, dann soll man sie wenigstens nicht verletzen.“

Investor hinter Gittern

Der Insolvenzverwalter ist unterdessen bemüht, sich einen Überblick über die Geschäftstätigkeiten des in Italien inhaftierten Marco M. zu verschaffen. Das ist dem Vernehmen nach schwierig, weil Investor M. nicht nur bei der Eigentümergesellschaft der Brache, sondern auch bei anderen Gesellschaften die Strippen gezogen haben soll. Berichten deutscher und italienischer Medien zufolge, soll sich M. der Steuerhinterziehung in großem Stil und der Insolvenzverschleppung schuldig gemacht haben. Er tauchte offenbar in der Schweiz unter, wurde dort aber gefasst und nach Italien ausgeliefert.

M. wird mit dem Bankrott des Lebensmittelkonzerns Parmalat und der Insolvenz des österreichischen Gashändlers CE Gas Marketing & Trading in Verbindung gebracht. Außerdem mit dem Scheitern eines geplanten Geothermie-Kraftwerks in Brühl und dem Niedergang des weltberühmten italienischen Hutherstellers Borsalino. Dessen Hüte trugen bekanntermaßen schon Weltstars wie Humphrey Bogart, Harrison Ford und Michael Jackson.

Die Zwangsversteigerung der Industriebrache ist angesetzt für Dienstag, 30. Mai, 9 Uhr. Ort ist das Frankfurter Amtsgericht, Gebäude A, Saal 102 in der Heiligenkreuzgasse 34 (Innenstadt).

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