Aus einem Gemisch aus Gips und Sägespänen formte Udo Becker den Körper der Raubkatze. Rechts liegt schon der Kopf bereit.
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Aus einem Gemisch aus Gips und Sägespänen formte Udo Becker den Körper der Raubkatze. Rechts liegt schon der Kopf bereit.

Tierpräparator

Dieser Frankfurter lässt Tiere wieder lebendig werden

  • Sarah Bernhard
    VonSarah Bernhard
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Seit mehr als 36 Jahren arbeitet Udo Becker in Frankfurt als Präparator. Auf ein Exemplar ist er besonders stolz.

Frankfurt – An einem Januarmorgen 2012 klingelt Udo Beckers Telefon. Am Apparat ist Christina Schubert, die Verwalterin des Landauer Zoos. ‚Unser Jaguar ist gestorben. Möchten Sie ihn haben?‘, fragt sie. „Da brauchte ich nicht lange nachzudenken“, sagt Udo Becker, der seit mehr als 36 Jahren als zoologischer Präparator für Senckenberg arbeitet. „Auch wenn der Tod eines Tieres traurig ist, solch eine Seltenheit in der Sammlung zu haben ist für jedes Museum ein Glücksfall.“ Immerhin: Der Jaguarkater war 20 Jahre alt und starb an Altersschwäche.

Nachdem Becker sich bei der Museumsleitung in Frankfurt rückversichert hat, fährt er los. "Sobald ein Organismus tot ist, beginnen Prozesse, die man nicht haben möchte", sagt er. Am nächsten Morgen liegt der gekühlte Kadaver auf seinem Seziertisch. "Sowas bekommen Sie nur einmal im Leben", sagt der Präparator, der neun Jahre später noch immer erzählen kann, als ob er mitten in der Arbeit steckt. "Und Sie haben nur einen Versuch." Doch von Aufregung keine Spur. Der damals 53-Jährige ist schon so lange im Beruf, dass er ganz in Ruhe beginnt, Maß zu nehmen. "Wenn Sie zum Schneider gehen, werden Sie vermessen, um später ein passendes Kleid zu bekommen. Bei uns ist es umgekehrt: Wir haben das Kleid und brauchen die Maße für den Körper."

Frankfurt: Präparator lässt tote Tiere wieder lebendig werden

Becker misst, fotografiert, zeichnet, nimmt einen Gipsabdruck vom Kopf. Was er jetzt nicht festhält, fehlt ihm für immer. Dann löst er mit einem Skalpell die Haut von den Muskeln. Langsam, vorsichtig. Jedes Loch muss er später retuschieren. Das Fell mit den einmaligen Flecken wäscht er, konserviert es mit einer dicken Salzschicht - und dann ab in die Post damit. "Wir könnten auch selbst gerben, arbeiten aber mit einem Gerber aus Leipzig zusammen, der deutlich mehr Erfahrung hat."

Während das Fell unterwegs ist, kümmert sich Becker um den Rest. Was nicht für die Forschung taugt, wird eigentlich entsorgt. Doch im Fall des Jaguars hat Becker ein Problem: Um ihn genau nachbilden zu können, müsste er ein lebendes Exemplar beobachten. Denn nur, wenn der Körper bis in die feinsten Muskelpartien gut modelliert ist, wird der Jaguar später echt wirken. Doch in keinem der umliegenden Zoos lebt eines dieser seltenen und unter Artenschutz stehenden Tiere. Also konserviert der Präparator zusätzlich die Extremitäten, um zumindest ein bisschen abschauen zu können. "Auch wenn man sich die Spannkraft und das dadurch erhöhte Muskelvolumen dann dazudenken muss."

Frankfurt: Was die Arbeit mit toten Tieren für Herausforderungen bringt

Bis Becker tatsächlich zur Modulation der Muskeln kommt, dauert es. Nicht nur, weil er als Präparator auch andere Aufgaben hat. Sondern auch, weil er erst eine Pose finden muss, die die Museumsbesucher in ihren Bann zieht. "Auf allen Vieren und Kopf nach vorne ist ja langweilig." Becker wälzt Bücher, sucht im Internet, auch noch, wenn er schon lange zu Hause ist. "Über die Monate entwickelt man eine Verbindung zum Tier. Man verinnerlicht, wie es aussieht, wie es sich bewegt. Man wird selbst ein bisschen zu dem, was man präpariert." Niemals würde er deshalb respektlos mit einem Tier umgehen. "Nur weil es tot ist, darf man ihm doch nicht seinen Wert absprechen!" Becker sucht und sucht, doch nichts gefällt ihm wirklich. "Bis ich auf der Seite des WWF ein Bild fand, bei dem ich sofort dachte: Das ist es!" Der Jaguar, den ein Tierfotograf in Brasilien abgelichtet hat, thront entspannt und doch voller Kraft auf einem Ast, die Vorderpfoten verschränkt, die Hinterläufe lässig herabbaumelnd. "Er ist ein bisschen wuchtiger als unserer, aber - wow - diese Haltung!" Das Team von der Museumspädagogik ist sofort überzeugt, Becker kann mit dem Modell beginnen.

Er füllt ein Grundgerüst aus Eisen mit Holzwolle. Darauf trägt er ein selbst entwickeltes Gemisch aus Gips uns Sägemehl auf. "Wenn ich zu viel aufgespachtelt habe, kann ich das auch wieder abraspeln. Gips allein wäre zu hart." Nach und nach modelliert er Rippen, Muskeln, Falten, Adern, formt Ohren und sucht die passenden Augen. "Jede Tierart hat ein artspezifisches Auge, außerdem verändert sich nach dem Tod die Irisfarbe." Um keinen Fehler zu machen, lässt er sich vom Landauer Zoo Nahaufnahmen von Bastis ungewöhnlich dunklen Augen schicken. "Natürlich bringe ich auch etwas Eigenes in meine Präparate hinein. Aber eigentlich ist es mein Ziel, das wiederherzustellen, was die Natur bereits geschaffen hat." Als das Fell, "geschmeidig wie ein nasses Fensterleder und wunderschön nach Gerbertechnologie duftend" aus Leipzig zurückkehrt, gibt es eine "Zwischenanprobe": Das Fell sitzt, doch Kleinigkeiten müssen noch geändert werden, bis der Jaguar schließlich - zwei Jahre nach seinem Tod - seine Form zurückbekommt.

Präparator Udo Becker: "Ich freue mich immer, wenn ich sehe, wie Kinder begeistert davorstehen"

Es ist ein harter Tag für Becker und sein Team: Da der Leim schnell trocknet, muss innerhalb von zwölf Stunden alles sitzen und vernäht sein. Am nächsten Morgen müssen sofort die Falten gelegt und fixiert werden: Beim Trocknen zieht sich das Fell zusammen, ohne Fixierung würden die Falten einfach überspannt. Sechs Wochen später entfernt Becker die Edelstahlstifte, zeichnet Maul und Lidrand nach und lackiert Nase und Mundspalte. "Das macht das Leben aus", sagt er.

Dann begleitet er seinen Jaguar in den Säugetier-Saal, wo dieser seitdem entspannt und doch voller Kraft auf einem künstlichen Ast thront. "Ich freue mich immer, wenn ich sehe, wie Kinder begeistert davorstehen", sagt Becker. "Und ich hoffe, dass meine Arbeit so dazu beiträgt, die Menschen für diese wunderschöne Tierart zu sensibilisieren und deren natürlichen Lebensraum lange zu bewahren." (Sarah Bernhard)

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