Dr. Christian Schwark hat in München Medizin studiert. Seit 2005 ist er Facharzt für Neurologie und Oberarzt an der Neurologischen Klinik am Krankenhaus Nordwest.
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Dr. Christian Schwark hat in München Medizin studiert. Seit 2005 ist er Facharzt für Neurologie und Oberarzt an der Neurologischen Klinik am Krankenhaus Nordwest.

Gesundheit

Ein Frankfurter will das Krankenhaus-System umkrempeln

  • Sarah Bernhard
    VonSarah Bernhard
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Neurologe Dr. Christian Schwark vom Frankfurter Nordwestkrankenhaus ist neuer Vorsitzender des Marburger Bundes Hessen. Er hat viel vor.

Frankfurt -Vor kurzem wurde Dr. Christian Schwark, der im Krankenhaus Nordwest arbeitet, zum neuen Vorsitzenden des Marburger Bundes Hessen gewählt, der die Interessen angestellter und beamteter Ärzte vertritt. In den kommenden vier Jahren will er den Beruf attraktiver machen und die Patienten in den Mittelpunkt stellen. Doch eigentlich würde er am liebsten das ganze System umbauen.

Herr Schwark, Sie sind nun Vorsitzender des größten Berufsverbands für Ärzte in Hessen. Wie kam es, dass Sie überhaupt Arzt wurden?

Das war eher zufällig. Ich habe mich für Biologie interessiert, dann aber festgestellt, dass Arzt ein sehr vielseitiger Beruf ist. Ich mache ihn jetzt seit 26 Jahren und er ist immer noch spannend.

Warum?

Man organisiert viel, arbeitet mit Menschen, kann sich kümmern und einbringen, muss aber auch betriebswirtschaftlich denken, ohne dass es zu kommerziell wird. Außerdem hatte ich immer die Möglichkeit, mitzugestalten, und Projekte außerhalb des Routinespektrums zu machen.

Welche Themen wollen Sie in Ihrer Amtszeit aufgreifen?

Ein sehr wichtiges Thema ist die vernünftige Personalbemessung über alle Berufsgruppen hinweg. Es ist noch nicht gelungen, die Belastungsspitzen so zu kappen, dass wirklich Arbeitszufriedenheit herrscht. Insbesondere seit Beginn der pandemischen Lage kommt es durch lange Arbeitszeiten unter schwierigen Bedingungen immer häufiger zur Überlastung.

Weil es nicht genügend Personal gibt?

Und weil in vielen Konzernen sogar noch ärztliche Stellen abgebaut werden.

Während der Corona-Pandemie?

Das hat weniger mit der Pandemie als vielmehr mit der Finanzierung des Gesundheitswesens zu tun. Für jede Krankheit wird pauschal ein Fallwert berechnet, sagen wir mal für eine Blinddarmentfernung 3000 Euro. Hat eine Klinik Kosten von 3100 Euro, macht sie Verlust und muss an anderer Stelle sparen. Mit Einführung der Pflegebudgets lohnen sich Kürzungen beim Pflegepersonal nicht mehr. Im Einkauf gibt es in der Regel auch kein Potenzial mehr, genauso wenig wie in den Servicegesellschaften, die oft in externe GmbHs ausgegliedert sind oder Mindestlohn bezahlen. Bleiben nur noch die Ärzte.

Wie könnte man das denn ändern?

Man könnte auch die Personalkosten für Ärzte auslagern, so dass sie kein Verschiebebahnhof mehr sind. Wobei das Beste wäre, das ganze System abzuschaffen und ein neues zu entwickeln. Es kann nicht sein, dass ich bestraft werde, wenn ich, wie hier, viele ältere Patienten habe, die ich nicht nach der in der Fallpauschale vorgesehenen Zeit nach Hause schicken kann, weil da niemand ist, der sich um sie kümmert.

Und wie sähe das neue System aus?

Als Marburger Bund plädieren wir unter anderem für ein "peer review"-System, bei dem sich die Häuser gegenseitig kontrollieren und besprechen, was gut und was schlecht läuft. Man müsste sich aber auch einig werden, was eine vernünftige Personalplanung ausmacht. Wir wollen keine Personaluntergrenzen, sondern ein Ampelsystem, das eine optimale Besetzung belohnt und stufenweise Grenzen definiert, die dann gesondert sanktioniert werden. Einsparungen beim Personal würden sich betriebswirtschaftlich nicht lohnen.

Quasi das Gegenteil des Status quo.

Wir müssen uns endlich ernsthaft fragen, was wir wollen. Irgendwann hat sich die Gesellschaft zum Beispiel entschieden, dass die Autoindustrie einen hohen Wert hat. Seitdem wird sie mit hohen Summen finanziert. Aber sollten wir im 21. Jahrhundert nicht vielleicht andere Prioritäten setzen? Es hat schließlich einen Grund, warum Menschen zu nicht-ärztlichen Heilberufen gehen: Weil dort Zeit für ein Gespräch ist. Das können Ärzte genauso - und sie erkennen gleichzeitig die organischen Beschwerden der Patienten.

Das klingt vernünftig, aber nicht neu. Warum ändert sich nichts?

Die Politiker melden rück, dass sie von den Wahlkreisbewohnern nicht zum Thema Krankenhaus angesprochen werden. Und man kann auch nicht einfach so das gesamte Gesundheitswesen umkrempeln. Was wir aber auf jeden Fall brauchen, ist ein Wechsel von der sektorenzentrierten zur patientenzentrierten Sichtweise. Das heißt, dass verschiedene Ärzte, Pflegende, niedergelassene Ärzte und andere Heilberufe zusammenarbeiten müssen, statt in Konkurrenz zueinander zu treten. Die exponentielle Zunahme an Wissen in einzelnen Fachgebieten führt nämlich dazu, dass Diagnose und Behandlung immer komplexer werden, und es immer schwieriger wird, den Überblick zu behalten. Umso wichtiger ist die Zusammenarbeit.

Wie weit ist das Projekt "Zusammenarbeit" denn schon gediehen?

Es ist noch sehr auf einzelne Gebiete spezialisiert. In der Onkologie zum Beispiel gibt es Tumorkonferenzen, bei denen Chirurg, Onkologe und Strahlenarzt zusammen über die sinnvollste Therapie beraten. Wir hier im Krankenhaus Nordwest versuchen es, wie andere auch, über eine ambulante spezialmedizinische Versorgung. Dazu kommen die medizinischen Versorgungszentren. In der Notaufnahme Höchst gibt es zum Beispiel einen gemeinsamen Tresen, so dass sich niedergelassene und Klinikärzte austauschen können. Und es gibt Ärztehäuser, in denen die Wege für die Patienten kurz sind. Dazu kommt: Quasi alle Patienten, die wir fragen, sagen, dass es sehr unangenehm ist, dass sie sich ständig auf wechselnde Ansprechpartner einstellen müssen. Sie gehen mit etwas zum Hausarzt, müssen zum Röntgen zum Radiologen und dann weiter zum nächsten Spezialisten. Eigentlich bräuchte es einen, der die Fäden in der Hand hält, und Strukturen, die die Wege verkürzen und die Behandlung vereinfachen.

Wie etwa zum Beispiel die elektronische Patientenakte?

In einer idealen Welt hätte damit jeder Arzt Zugriff auf dieselben Informationen. Außerdem gibt sie den Ärzten Zeit, sich länger mit dem Patienten auseinanderzusetzen. Im Moment ist man manchmal stundenlang damit beschäftigt, Vorbefunde zu suchen oder auf sie zu warten.

Gibt es weitere Themen auf Ihrer Agenda?

Seit einigen Jahren bleiben immer mehr Ärzte im Krankenhaus, statt sich niederzulassen. Diese Umwandlung zum Lebensarbeitsplatz bedeutet, dass wir darauf achten müssten, dass die Menschen ihn auch ihr Leben lang machen können. Und das geht besser, wenn man nicht mit 55 ausgebrannt ist. Dazu gehört auch die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, nicht nur im ärztlichen Bereich, sondern in allen Berufen. Gerade junge Kolleginnen, die nach der Babypause zurückkehren, sind ein unglaublicher Gewinn.

Wieso das?

Sie sind überdurchschnittlich gut organisiert, überdurchschnittlich motiviert und bringen einen anderen Blick auf die Arbeit mit. Das ist große Ressource. Deshalb müssen wir dafür sorgen, dass Frauen nicht weiterhin dafür bestraft werden, dass sie Kinder bekommen.

Haben Sie das Gefühl, mit Ihren Positionen gehört zu werden?

Alle sind im Prinzip daran interessiert, es so gut zu machen, wie sie können. Und ich habe das Gefühl, dass man insgesamt gut über die Dinge reden kann. Wir leben aber nun einmal in einer parlamentarischen Demokratie, in der die Prozesse zwar zäh, aber dafür ausgewogen sind. Politikerschelte halte ich deshalb grundsätzlich nicht für sinnvoll. Manchmal muss man eben Geduld haben oder selbst mit anpacken. In unserem System steht das jedem offen.

Dieses Wissen scheint den Menschen zunehmend abhanden zu kommen. Siehe die Corona-Proteste.

Im Moment glaubt jeder, er sei Experte, und dass der eigene Standpunkt der richtige sei. Zum Beispiel, dass die Impfung Teufelszeug ist. Dabei wurden auch die mRNA-Wirkstoffe mit Methoden entwickelt, die seit vielen Jahren in Gebrauch sind. Das Paul-Ehrlich- und das Robert-Koch-Institut haben Impf-Überwachungssysteme, die zeigen, dass es keine auffällige Häufung von Nebenwirkungen gibt. Trotzdem warten die Leute jetzt auf herkömmliche Impfstoffe, die ja häufig tatsächlich Teile eines Virus enthalten. Das ist nicht sicherer, allenfalls genauso sicher. Und die gleichen Leute setzen sich dann in Autos, deren Tüv abgelaufen ist, oder fahren Fahrrad, obwohl ein Unfall viel wahrscheinlicher ist als eine Impfkomplikation.

Haben Sie auch dafür eine Lösungsidee?

Wir müssen wieder zu einer Kultur finden, in der ein öffentlicher Diskurs ohne Polemik möglich ist, weil er das wichtigste Instrument einer demokratischen Gesellschaft ist. Mittlerweile ist es schon so weit, dass viele Kollegen sich gar nicht mehr öffentlich äußern wollen. Da geht uns ganz viel verloren. Das ist angsteinflößend. (Sarah Bernhard)

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