Die beiden Leiterinnen Anna Cravcenco und Anna Homm, eingerahmt von Sofia (8) und Artjom (9). FOTO: menzel
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Die beiden Leiterinnen Anna Cravcenco und Anna Homm, eingerahmt von Sofia (8) und Artjom (9).

Altes Polizeirevier

Über Jahrzehnte Verbrecher gejagt – jetzt spielen hier Kinder

  • VonSabine Schramek
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Im ehemaligen Polizeirevier in Frankfurt sind über 60 Jahre lang Verbrecher gejagt worden. Jetzt sollen Kinder hier ihre Talente entfalten.

Frankfurt – Seit April haben die Mitarbeiter des Horts "Villa Wissen" in Frankfurt das kernsanierte Gebäude eingerichtet, dekoriert und wohnlich-familiär gestaltet. Jetzt wuseln neugierige Kinder durch die Räume und machen mit bei der Schnitzeljagd. Vorbei an Wandmalereien in Erd- und Naturfarben, auf der Suche nach Märchen, Spielen und Abenteuern.

Manche sehen aus wie kleine Tiger, andere suchen als Piraten nach den Lösungen. Kinderschminken, Glücksrad und Riesenseifenblasen halten sie im Garten und auf der Terrasse in Atem, während ihre Eltern staunend das Haus mit seinen orangefarbene Stühlen und großen Tischen erforschen. "Das ist ja nicht wiederzuerkennen", sagt ein junges Elternpaar und staunt.

Villa Wissen in Frankfurt: Neuer Hort will Talente von Kindern fördern

Anna Homm und Anna Cravcenco sind stolz und erschöpft. Die vergangenen Wochen haben sie mit ihren Familien "fast rund um die Uhr" den neuen Hort unter der Trägerschaft der DJR (Deutsche Jugend aus Russland) gestaltet und zu einem kleinen Kinderparadies gemacht. Die beiden Frauen sind die Leiterinnen des neuen Horts, in dem jetzt Kinder in kleinen Gruppen gemeinsam Mittagessen, Hausaufgaben machen und sich entfalten können. "Jedes Kind hat Talente. Und die wollen wir fördern und wir geben dafür den Raum", so Albina Nazarenus-Vetter vom DJR.

"Zur Kita Winnie Puuh und dem offenen Jugendtreff im Stadtteil fehlte noch ein Hort. Und hier ist er", sagt sie. Die Angebote sind für alle. "Die Kinder erleben eine familiäre Atmosphäre. Gelernt wird spielerisch und mit viel Spaß. So fällt es einfach leichter, wenn ohne Druck gemeinsam gearbeitet wird."

Villa Wissen in Frankfurt war 60 Jahre lang Polizeirevier

Maximilian (4), Sofia (8) und Artjom (9) können gar nicht genug bekommen von den ganzen Spiel- und Lernsachen. Sie erkunden kleine Tipis, einen Krämerladen, ein lustiges Plüsch-Faultier und Wasserfarben. Dass die "Villa Wissen" früher scherzhaft "Villa Taunusblick" genannt wurde, wissen sie nicht. Wohl aber, dass hier bis November 2017 das 15. Polizeirevier untergebracht war, das jetzt im 14. Revier an der Marie-Curie-Straße ein neues Zuhause hat. "Als wir hier das erste Mal reingehen durften, war es kühl und hatte den zweifelhaften Charme der 50er Jahre. Die Wände waren kahl und eben so, wie es in einem Polizeirevier aussieht", erzählt Homm und blickt auf die kunstvoll bemalten Wände und gemütlichen Sitzecken in den offenen Räumen.

Fast auf den Tag genau haben Polizeibeamte hier 59 Jahre lang Anzeigen aufgenommen, Zeugen angehört und Einsätze geplant. Heute erinnert nichts mehr daran. "Wir wollen, dass die ersten Kinder schon ab dem 1. August zu uns kommen, um sich einzugewöhnen, das Gebäude kennenlernen und auch den Ablauf hier lernen", so Cravcenco. "So können wir bereits vor Schulbeginn Bindungen zu ihnen aufbauen und sie müssen nicht zeitgleich ins neue Schuljahr starten und sich an den neuen Hort gewöhnen." Familiär wird es hier zugehen und auf die individuellen Bedürfnisse der Kleinen wird große Rücksicht genommen. Spielerisch werden Talente entdeckt und gefördert. "Die Einen können toll zeichnen, andere basteln oder Aufgaben lösen. Manche brauchen besonders viel Bewegung, andere mehr Geborgenheit. Wir wollen, dass sich jedes Kind wohlfühlt und dass die Eltern, die meist berufstätig sind, die Gewissheit haben, dass die Kinder gut aufgehoben und betreut sind."

Villa Wissen in Frankfurt: Kleine Gruppen mit zehn Kindern

Die Gruppen sind mit zehn Kindern klein und lassen Freundschaften wachsen. Der Fantasie werden keine Grenzen gesetzt. Besonders wichtig ist es den beiden Leiterinnen, dass ihre Schützlinge integrativ, gemeinsam und ohne Rassismus und Ausgrenzung ihre Nachmittage hier verbringen können.

Auch bei Stadtteilfesten, Schul- und Sommerfesten ist die "Villa Wissen" ebenso dabei wie bei Aktionen für die Gemeinsamkeit im Stadtteil. Dass die Eltern, Kinder und Pädagogen feiern können, ist am Tag der offenen Tür offensichtlich. Auf der Drachenhüpfburg und am Glücksrad sind ebenso viele glückliche Gesichter zu erkennen wie am Buffet mit selbst gebackenem Kuchen und jeder Menge Gespräche. (Sabine Schramek)

In einer Kita in Frankfurt herrschte vor der Eröffnung Personalnot.

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