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Ein noch junger Stadtteil auf der Suche nach sich selbst

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Von: Gernot Gottwals

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Der neue Hauptsitz der FAZ, den die Zeitung noch in diesem Jahr beziehen will. FOTOs: rainer rüffer
Der neue Hauptsitz der FAZ, den die Zeitung noch in diesem Jahr beziehen will. © Rainer Rüffer

Die Nachbarn sind im Schnitt 33 Jahre alt

Das Europaviertel ist modern, weltoffen und facettenreich, findet Harald Stuntebeck. Doch betrachtet er frühere Werbebroschüren voller Bäume und Wiesen, dann denkt er auch an gesperrte, schadhafte oder noch nicht verwirklichte Grünflächen. Und Julia Schneider (12) bemängelt fehlende Bewegungs- und Freizeitmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche.

Rundgang durchs Quartier

Gemeinsam hatten jetzt der Geschäftsführer der "Pax & People-Kirche im Europaviertel" und die junge Nachbarin zu einem Rundgang durch ihr Quartier eingeladen. Und sprachen dabei mit rund 20 Bewohnerinnen und Bewohnern über Stärken und Schwächen des Viertels: Der Spaziergang gehörte zur Veranstaltungsreihe "Was macht das Gallus lebenswert?" und erfolgte gemeinsam mit der Demokratiewerkstatt der Volkshochschule Frankfurt: "Wir kommen raus zu den Menschen, die sich aktiv einbringen sollen", warb Antje Neumann für die Idee.

Das tut Julia bereits wenige Meter vor dem Treffpunkt in der Pariser Straße, verweist auf zu wenig Freiraum für ihre Generation und den wegen gartenbautechnischer Mängel immer noch geschlossenen Europagarten: "Die Kinder würden sich hier einen Streichelzoo wünschen oder im Winter gerne Schlitten fahren", sagt sie. Schließlich hatte der Kinderbeauftragte Dirk Schneider vor längerer Zeit angeregt, hier Schafe weiden zu lassen.

"Doch diese Wünsche sind leider nicht umsetzbar, da die Stadt Frankfurt und die Firma Aurelis eine Zwischennutzung während des laufenden Prozesses ablehnen", erklärt Christian Valerian Friesen von der CDU im Ortsbeirat 1 (Altstadt, Bahnhofsviertel, Europaviertel, Gallus, Gutleutviertel, Innenstadt).

Vom Europagarten aus gibt Stuntebeck einen Überblick über das Viertel entlang der rund 2,5 Kilometer langen und durch die Emser Brücke geteilten Europa-Allee mit aktuell 9300 Einwohnern: "Als ich 2011 zum ersten Mal hierher kam, war die Gegend noch weitgehend unbekannt und unbebaut", blickt er zurück.

Heute präsentiere sich das Viertel relativ jung und international: Die Menschen sind im Schnitt 33,1 Jahre alt, in der Rangfolge der Herkunftsländer der Bewohner, die zu 50 Prozent einen Migrationshintergrund haben, sind im Europaviertel und benachbarten Gallus vor allem China, Italien und die Türkei vertreten.

Während Stuntebeck über Frankfurts erstes Holzhochhaus Timber Pioneer neben dem FAZ-Tower spricht, stellt die Geschäftsführerin des Mehrgenerationenhauses Franca Schirrmacher die provokante Frage nach der Architektur entlang der Europa-Allee. Dabei spielt sie auch auf einen gelegentlich geäußerten Spottnamen in Anlehnung an die Berliner Karl-Marx- und Frankfurter Allee und deren früheren sowjetischen Namenspatron an. "Diesen Vergleich lehnen wir als einseitig und negativ ab", stellt Friesen klar. Schließlich sei die Bebauung im Europaviertel auch großzügig und aufgelockert geplant und gestaltet.

Doch man muss es sich leisten können, wie Stuntebeck anhand von aktuellen Wohnungsangeboten für 830 (46 qm) bis 1775 Euro (116 qm) veranschaulicht.

Nahtstelle zum Gallus

An der Nahtstelle zum Gallus in der Idsteiner Straße werden Erinnerungen an die Angst vor der Gentrifizierung mit Graffiti wie "Yuppies raus!" wach. Doch die Nachbarschaft habe sich entspannt, wie auch Bewohnerin Herta Weinlich findet: "Wenn man offen ist, kann man hier schneller neue Nachbarn kennenlernen wie in meinem vorherigen Umfeld im Ost- und Nordend."

Wünschenswert wären allerdings mehr einladende Geschäfte und ein Markt am Tel-Aviv-Platz. Und eine baldige Fertigstellung der Schulneubauten und der U-Bahn

Julia Schneider mahnt den häufigen Gebrauch des Kinderspielplatzes im Gleisfeldpark durch Jugendliche und den schadhaften Rasen auch am Lotte-Specht-Park an. Doch für eine Sanierung müsste der Park wieder lange geschlossen werden, gibt Friesen zu bedenken- und stellt dafür die baldige Gestaltung des Parks am Wasserturm in Aussicht. Gernot Gottwals

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