Seit 2007 ist Dietrich Volle Bariton-Solist an der Frankfurter Oper. Das Nichtstun in Pandemie-Zeiten hat den Opernsänger zu Auftritten in Alten- und Pflegeheimen inspiriert.
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Seit 2007 ist Dietrich Volle Bariton-Solist an der Frankfurter Oper. Das Nichtstun in Pandemie-Zeiten hat den Opernsänger zu Auftritten in Alten- und Pflegeheimen inspiriert.

Musik-Erlebnis

Ein Opernsänger, der zu seinem Publikum kommt

  • VonBrigitte Degelmann
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Frankfurter Bariton Dietrich Volle schmettert Arien im Hof

Frankfurt -Wer Opern-Arien live hören möchte, hat in diesen Lockdown-Wochen schlechte Karten. Schließlich sind Theater- und Opernhäuser seit Monaten geschlossen. Sehr zum Bedauern von Dietrich Volle: "Kulturunterbelichtete Zeiten" seien das, seufzt der 65-Jährige, der seit 2007 Bariton-Solist an der Frankfurter Oper ist.

Doch Jammern ist nicht seine Sache. Zumal er im Gegensatz zu vielen freiberuflich tätigen Künstlern in der komfortablen Lage ist, dass sein Einkommen weiterläuft. Aber, sagt er, "ich sehe es auch als meine Pflicht an, etwas dafür zu tun". Aber wie? Singen per Live-Stream, das sei nicht sein Ding, sagt er. Doch vielleicht könnte er ja vor Alten- und Pflegeheimen auftreten, überlegte er sich vor einigen Monaten - um dort den Menschen, die wegen der Pandemie oft schon seit Monaten von der Außenwelt isoliert sind, ein wenig Freude zu bringen.

Sicherheit steht an erster Stelle

So begann er zu recherchieren. Welche Einrichtungen kommen dafür in Frage? Und wie könnten solche Konzerte überhaupt funktionieren? Denn bei seinen Auftritten auf der Opernbühne wird er normalerweise von einem Orchester begleitet. Die Lösung kam, wie so vieles in diesen Tagen, aus dem Internet: Playbacks für Arien, wie beim Karaoke, die er auf sein Smartphone herunterladen konnte. Dann noch einen Lautsprecher samt Trolley, den er per Kabel mit seinem Handy verbindet, und schon war er bereit. Dank dem Akku brauche er nicht einmal eine Stromquelle, sagt er: "Ich kann auf die grüne Wiese gehen und dort Leute bespaßen."

Dutzende von Alten- und Seniorenheimen im Rhein-Main-Gebiet schrieb er daraufhin an und bot seine kostenlosen Auftritte an, samt vorherigem Schnelltest. Zwar ist er inzwischen schon zweimal geimpft, doch will er jedes Risiko ausschließen, zumal die Ansteckungsgefahr beim Singen wegen der entstehenden Aerosole besonders hoch sein soll: "Sicherheit steht an erster Stelle." Viele Heime reagierten schnell, erfreut über Volles Initiative. Manche lehnen zwar ab: Wegen Corona-Ausbrüchen hätten sie zu viele Probleme und könnten das nicht organisieren. Doch es kommen auch etliche Zusagen.

So hat Dietrich Volle im vergangenen November seinen ersten Auftritt - "bei Eiseskälte", erinnert er sich. Er steht im Hof eines Heimes, viele Fenster sind geöffnet, damit auch bettlägerige Bewohner zuhören können. Manche Bewohner und Pfleger lugen von Balkonen herunter, andere stehen oder sitzen an geöffneten Terrassentüren, gespannt auf das, was da kommen mag. Sie werden nicht enttäuscht. Viele bekannte Arien hat der Bariton in seinem Repertoire: das berühmte "Largo al factotum" aus Rossinis "Barbier von Sevilla", das fröhliche "Der Vogelfänger bin ich ja" aus Mozarts "Zauberflöte", das mitreißende "Toreador" aus Bizets "Carmen". Stücke, die Erinnerungen wecken, auch bei denjenigen, die vielleicht nie in der Oper waren. Mancher Zuhörer dirigiert bei Volles Auftritten fröhlich mit, einige stimmen sogar in seinen Gesang mit ein. Was schon mal irritieren könne, räumt er ein. Aber egal - Hauptsache, die Menschen hätten Freude. "Jetzt, wo sie nicht in die Oper können, kommt die Oper zu ihnen", sagt er.

Leuchtende Augen sind Lohn genug

30 bis 45 Minuten dauern seine Konzerte. Pannen bleiben dabei natürlich nicht aus. Einmal habe er vergessen, sein Smartphone vor dem Singen auf Flugmodus zu stellen, erinnert er sich. Prompt bimmelte es mitten in einer Arie los. Was ihm auch im Nachhinein noch ein wenig peinlich ist: "Aber das ist halt live."

Oft kommen hinterher Bewohner und Pfleger zu ihm, um sich zu bedanken. Mancher überreicht ihm sogar eine Flasche Wein. Aber das müsse gar nicht sein, sagt Dietrich Volle: "Die leuchtenden Augen sind Lohn genug." Gerade in diesen Pandemie-Monaten, in denen keine Opernaufführungen möglich sind. Nur im vergangenen September habe er an einer Produktion mit wenigen Vorstellungen mitwirken können, erzählt er und bedauert, dass er ausgerechnet in seiner letzten Spielzeit - im Sommer geht er in Rente - nicht mehr auf die Bühne kann.

Umso mehr freut er sich über seine Auftritte in den Einrichtungen: "Den Menschen für eine halbe Stunde etwas Gutes tun, das macht mich glücklich."

Brigitte Degelmann

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