1. Startseite
  2. Frankfurt

Ein Profi zeigt, wie es geht

Erstellt:

Von: Sarah Bernhard

Kommentare

Miryam Loewenstein bietet Menschen, die zumeist aus Altersgründen das Haus nicht mehr verlassen können, professionelle Zahnpflege zu Hause an. Dorith S. nimmt das Angebot gerne wahr. Kennengelernt haben sich die beiden zufällig auf der Straße.
Miryam Loewenstein bietet Menschen, die zumeist aus Altersgründen das Haus nicht mehr verlassen können, professionelle Zahnpflege zu Hause an. Dorith S. nimmt das Angebot gerne wahr. Kennengelernt haben sich die beiden zufällig auf der Straße. © Enrico Sauda

Hilda Miryam Loewenstein besucht in Frankfurt Senioren, die es nicht mehr zur Zahnpflege schaffen

Frankfurt -Dorith S. ist auf Hilda Miryam Loewenstein aufmerksam geworden, weil diese auf der Berger Straße mit ihren Kindern das Spiel "Ein Hut, ein Stock, ein Regenschirm" spielte. Die alte Dame sprach die Jüngere an, denn auch sie hatte das Spiel in ihrer Kindheit gerne gespielt.

Nun sitzt Loewenstein in deren Wohnzimmer. "So komme ich zu meinen Kunden", sagt sie und lacht. Rund herum stehen Regale mit Büchern, Schallplatten und Zeitungen, auch der Boden ist voll davon. "Ich misste gerade aus", sagt die 72-Jährige. Zwischendrin steht Loewensteins grüner Rollkoffer mit der Aufschrift "Häusliche Zahnpflege", darin Geräte und alle Arten von Zahnbürsten.

"Wie wärs mit gelb, gelb ist doch schön?", fragt Loewenstein gerade. "Na ja", antwortet Dorith S. und deutet auf ihre rote Hose, doch da ist die gelbe Bürste schon ausgepackt. Sie ist speziell für die Reinigung einzelner Zähne gedacht, die im letzten Lebensabschnitt wichtig für einen bequemen Sitz der Zahnprothesen sind. Die liegen bereits im Ultraschall-Reinigungsgerät und werden grundgereinigt. Die Bürste putzt effektiv, ohne dass man dafür Wasser braucht - und ist damit ideal für Menschen, die nicht mehr gut zu Fuß sind. "Bei mir liegt sie aber auch neben dem Bett", sagt Loewenstein.

Eine Patientin brachte sie auf die Idee

Die 46-Jährige ist gelernte Zahnarzthelferin, seit mehr als 20 Jahren arbeitet sie als Prophylaxe-Assistentin. "Mir war immer klar, dass ich mit meiner Arbeit Menschen helfen möchte. Und ich habe schon früh gemerkt, dass Prophylaxe und Zahnreinigung total meins ist", sagt sie. Im Moment ist sie noch in der Zahnarztpraxis Main-Smile in Bornheim angestellt, doch irgendwann will sie von ihrer Arbeit als mobile Zahnpflegerin leben können. "Ich bin immer nach meinem Herzen gegangen, nach dem, was mich ruft", sagt Loewenstein.

Ihr Herz meldete sich, als sie eine langjährige Stammkundin vor sich sitzen hatte. "Das ist wohl das letzte Mal", sagt diese zu ihr: Sie sei zu schlecht zu Fuß, um noch alleine in die Praxis zu kommen, und ihre Tochter habe zu wenig Zeit, um sie jedes Mal herzubringen. "In dem Moment habe ich gesagt: Dann komme eben ich", sagt Loewenstein.

Entzündungen im Mund drohen

Rund vier Millionen Menschen in Deutschland sind pflegebedürftig, so dass regelmäßiges Zähneputzen oder ein Zahnarztbesuch nicht mehr möglich sind. Hausbesuche böten viele Zahnärzte mittlerweile aber nur noch in Notfällen an, sagt Loewenstein. Diesen Menschen wolle sie wieder ein besseres Mundgefühl bieten. Denn wenn Zähne und Zahnfleisch nicht gepflegt werden, könne es zu Entzündungen kommen, die wiederum Lungenentzündungen begünstigten. "Außerdem ist eine Entzündung im Körper nie gut." Zweieinhalb Jahre ist die Begegnung mit der Stammkundin nun her. Als Loewenstein gerade so richtig mit der Selbstständigkeit loslegen wollte, kam die Pandemie. "Da in Wohnungen reinzukommen, war fast unmöglich." Dorith S. ist jedoch völlig entspannt. "Sie können die Maske ruhig auch absetzen", sagt sie freundlich. Dann plaudern die beiden erstmal über ihre Kinder und wie sie sie zum Zähneputzen animiert haben. "Oft haben Hochbetagte ja nur noch wenig soziale Kontakte", sagt Loewenstein später. "Die freuen sich, wenn jemand vorbeikommt, der sich nebenher auch noch um ihre Zähne kümmert."

Nachdem Loewenstein die verbliebenen Zähne der Seniorin kontrolliert hat ("die haben Sie sehr gut gepflegt"), zieht sie sich eine sogenannte Lupenbrille über den Kopf, um sich die Schleimhäute der Seniorin genauer anzuschauen. Mit weit geöffnetem Mund sitzt S. auf ihrem Esszimmerstuhl und lässt alles geduldig über sich ergehen. Am Kopf sei der Mensch besonders sensibel, bestätigt Loewenstein.

Das könne zum Problem werden, wenn Senioren eine Demenz entwickeln: Sie vergessen die nötigen Abläufe, wollen aber auch nicht, dass jemand anders ihre Zähne putzt, da das ihre Routine stört. "Pflegekräfte haben oft keine Zeit, sich damit auseinanderzusetzen und wissen manchmal auch nicht, was sie tun müssen", sagt Loewenstein. Sie hat sich vor Kurzem mit einem Demenzberater zusammengetan.

Dank der guter Mundhygiene der alten Dame können das Ultraschallgerät zur Entfernung von Zahnstein und der Polierer im Koffer bleiben, die Zahnpflege ist beendet. Zwischen 50 und 75 Euro kostet Loewensteins Besuch, je nach Anfahrt und Aufwand. "Wenn ich noch andere Hausbewohner überzeuge, bekommen wir dann Rabatt?", fragt Dorith S. Die Fußpflege mache das nämlich so. "Klar", Loewenstein strahlt. "Es ist ja auch für mich gut, wenn ich nur einmal herfahren muss." Zum Abschied plauschen die beiden noch kurz, dann macht sich Loewenstein zum nächsten Besuch auf.

Häusliche Zahnpflege

Hilda Miryam Loewenstein ist telefonisch unter (0176) 81 27 21 01 oder per Mail an mobile-zahnpflege@gmx.net erreichbar. Da sie keine Zahnärztin ist, übernimmt die Krankenkasse nicht ihr Honorar. Zahnärztliche Behandlungen und professionelle Zahnpflege zu Hause bieten laut Landeszahnärztekammer 17 der 497 Frankfurter Zahnärzte an (lzkh.de/patienten/zahnarztsuche). Dazu kommen mindestens zwei kieferchirurgische Praxen.

Auch interessant

Kommentare