Hat über ihre Großmutter, die in Auschwitz umgebracht wurde, ein Theaterstück geschrieben. Das zeigte die Schauspielerin Liora Hilb jetzt in mehreren Aufführungen an der Schillerschule. FOTO: faust
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Hat über ihre Großmutter, die in Auschwitz umgebracht wurde, ein Theaterstück geschrieben. Das zeigte die Schauspielerin Liora Hilb jetzt in mehreren Aufführungen an der Schillerschule.

Theater in der Schule

Ein Ring und sechs Millionen Opfer

  • VonKatja Sturm
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Einpersonenstück zum Holocaust beeindruckt Schiller-Gymnasiasten in Sachsenhausen

Der Gegenstand, um den sich alles dreht, findet sich im Titel: "remebeRING" hat Liora Hilb das 2016 entstandene Einpersonenstück genannt, in dem die in Frankfurt lebende Schauspielerin und Theatermacherin einen Teil ihrer Familiengeschichte erzählt. Selbst in Tel Aviv geboren, hat die Tochter eines jüdischen Auswanderers ihre während des Nationalsozialismus in Deutschland gebliebene Großmutter nie kennengelernt. Jenny Hilb, so ihr Name, wurde 1943 im Konzentrationslager ermordet, wie intensive Recherchen der Enkelin ergaben.

Drei mögliche Erklärungen

Das auffallende Schmuckstück, das sie am Finger trug, ist nach dem Krieg zu ihrer Familie in Israel zurückgekehrt. Irgendjemand klingelte an der Wohnungstür und überreichte ein Kästchen, in dem es sich befand. Wie der Ring den Weg aus Deutschland nach Israel fand, ist unbekannt. Hilb hat sich drei mögliche Erklärungen dafür ausgedacht, die sie in ihrer einstündigen Performance präsentiert.

In der Aula der Schillerschule herrschte gespannte, konzentrierte Stille, als Liora Hilb am Mittwochvormittag ihr Werk zeigte. Insgesamt viermal stand die Künstlerin in dieser Woche in dem Gymnasium auf der Bühne, spielte vor den Jahrgangsstufen 10 bis 13. Zum Abschluss sahen die Ältesten ihr zu und führten danach noch ein halbstündiges Gespräch mit dem Gast, bei dem sich schnell herauskristallisierte, wie bemerkenswert interessiert die Jugendlichen an den Hintergründen, aber auch dem Leben von Juden heutzutage in Frankfurt waren. "Das war toll erzählt" resümierte eine Schülerin. "Für mich ist das eine Geschichte, die überall in Deutschland hätte stattfinden können", aber von dem Leben Einzelner berichtet. Hilb bestätigte: Das Stück stehe für das Schicksal von sechs Millionen Juden, die von den Nationalsozialisten ermordet wurden.

Lückenlos ließ sich das letzte Stück Lebensweg der nahen Verwandten nicht aufklären. Erst mit Hilfe des Stadtarchivs in Ulm, dem früheren Wohnort der Familie, war es der Spurensucherin überhaupt möglich, herauszufinden, dass die Großmutter erst nach Theresienstadt und von dort nach Auschwitz gebracht wurde, wo sie vermutlich noch am Tag der Ankunft starb.

Dass Liora Hilb beim Zitieren der Mails mit den Informationen auch stets die "freundlichen Grüße" des zuständigen Stadtarchiv-Mitarbeiters mit einem kritischen Unterton las, fiel den Zuhörern sofort auf. "Mich haben diese E-Mails vor den Kopf gestoßen", erklärte Hilb. Sie hätte sich für derartige Berichte über die Deportation eines Menschen eine andere Form gewünscht. Vom eigenen Vater, dem Onkel oder anderen Verwandten habe sie wenig bis nichts erfahren. Diese "erste Generation" sei lange nicht in der Lage gewesen, von ihren Erlebnissen und den Grausamkeiten zu berichten. Selbst der zweiten Generation wie ihr falle noch vieles schwer. Für das sehr persönliche Stück habe sie Mut aufbringen müssen.

Eingebunden ist in dieses auch Tochter Stella, die in einem Video, das auf weiße Stoffbahnen projiziert wird, aus Dialogen vorliest, die Schüler mit Menschen auf der Straße zum Thema Stolpersteine führten. "Schockiert" zeigte sich einer der Frankfurter Abiturienten davon, dass die Gesprächspartner so wenig über deren Bedeutung wussten oder wissen wollten. Lob erhielt die Performerin dafür, dass sie Parallelen zieht zwischen den Nazi-Verfolgten und heutigen Flüchtlingen aus Afghanistan und Syrien. "Das habe ich so noch nicht gehört", sagte eine Schülerin.

Hilb gab die Komplimente zurück: "Das war ein ganz starkes Nachgespräch", sagte sie. "Die Fragen waren auf hohem Niveau. Ich fühle mich hier sehr aufgehoben." Das sei "nicht oft so". Bei ihren vielen Auftritten in Schulen habe sie feststellen müssen, dass der Antisemitismus wieder in der Gesellschaft angekommen sei. "Das macht mir große Sorgen." Katja Sturm

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