Annegret (l.) und Norina bei der Arbeit. Das Abschrauben war kein Problem, wohl aber der Transport. Bahn oder Taxi? foto: faust
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Annegret (l.) und Norina bei der Arbeit. Das Abschrauben war kein Problem, wohl aber der Transport. Bahn oder Taxi?

Innenstadt: Kino peppt den Saal auf

Ein Stück Frankfurter Nostalgie zum selbst Abschrauben

  • vonSabine Schramek
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220 Sessel waren schnell vergeben - Arthouse-Kino peppt seinen Saal auf

Auch wenn Kinos wegen Corona geschlossen sind, geben sie nicht auf. Arthouse-Kinos renovieren ihren größten Saal im Cinéma an der Hauptwache. Statt bei einer fetten Party mit der Rocky-Horror-Picture-Show konnten Kinofans am Wochenende lila Plüschsessel ergattern.

Wenn man nicht ins Kino gehen kann, helfen zumindest Kinosessel für zu Hause, die Corona-Zeit zu überbrücken. Und wenn man keine Filme zeigen kann, nutzt man die Zeit zum Renovieren, um nach Corona ein noch schöneres Erlebnis bieten zu können. So wird es zumindest im Arthouse-Kino Cinéma am Roßmarkt gehalten. Am Wochenende konnten sich Fans lila Kinosessel im großen Saal abmontieren und mit nach Hause nehmen. Inklusive Gebrauchsanleitung.

Nach 30 Minuten war alles vorbei

"Dass der Andrang so groß ist, hätten wir kaum gedacht", sagt Dimitrios Charistes. Er leitet normalerweise das Partnerkino Harmonie. "Wir haben die Aktion auf Facebook bekanntgegeben und nach 30 Minuten waren nicht nur alle Sessel reserviert, sondern wir hatten zusätzlich noch eine Warteliste aus mehr als 80 Fans beisammen", erzählt er. "Inklusive Terminvergabe, weil nur jeweils vier Leute gleichzeitig wegen Corona im Saal sein können." Zwei Tage lang kamen Fans mit Werkzeugkästen und Maulschlüsseln Größe 10 und 12, Kreuzschlitz- Schraubendreher PH2, die mindestens 12 Zentimeter lang sein mussten, und Inbusschlüssel Größe 5, um sich Nostalgie abzuholen. 50 Euro für zwei Stühle war der Schnäppchenpreis.

Marcel (62) blickt sich melancholisch in dem Saal mit lila Wänden, riesigen silbernen Wandleuchten und dem rot-orange beleuchteten Vorhang um. Leise Jazzmusik klingt durch den Saal, den der Vorbesitzer Harald Vogel designt hatte. "Ich war hier schon in den 70er Jahren im Kino", sinniert Marcel, während Norina (28) und Annegret (29) auf dem Teppichboden knien und Schrauben lösen. Die beiden Offenbacherinnen hatten den Tipp von einer Freundin bekommen. 20 Minuten schrauben sie, bis sie ihren Klappsessel gelöst haben. "Leider haben wir nur Platz für einen. Aber der andere kommt als Leseecke ins Wohnzimmer. Das Zimmer haben wir schon umgeräumt", erzählen sie stolz. Jetzt bleibt nur die Frage, ob sie ihren Sessel mit der Nummer 1 aus Reihe 2 mit der Bahn oder dem Taxi nach Hause bringen.

Bis Juli wird der Saal ein komplett neues Gesicht bekommen. "Neue Sessel, Tischchen und Lampen, Beleuchtung und eine neue Soundanlage werden ihn schicker, schöner, gediegener machen. Vielleicht kommt auch eine neue Leinwand rein", so Charistes. Wie genau der gemütliche Saal aussehen wird, verrät er noch nicht. "Das wird eine Überraschung und gut zum Foyer mit der Weinbar passen."

Mehr Plätze und bequemer

Statt bisher 220 Plätzen sollen 230 noch bequemere Sessel rein mit Tischchen, um Getränke abzustellen. Durch den Verkauf der lila Sitze bleibt den Betreibern Entsorgungs-Arbeit erspart. "Es wäre auch schade, wenn die guten Sessel nicht weiterverwendet würden", ist Charistes überzeugt. Arthouse Kinos haben bereits früher ähnliche Aktionen gemacht. Damals gab es Abrisspartys. Und die Rocky Horror Show auf der Leinwand. "Corona macht vieles anders, aber nicht unmöglich", grinst Charistes.

Seit November gibt es keine Kinobesuche mehr. Im Sommer 1956 lief im Cinéma der erste Film über die Leinwand. "Hoffentlich bald wieder. Jetzt ist die Zeit, zu investieren, weil wir ohnehin keine Filme zeigen können", sagt er. Mit Fördermitteln von Hessenfilm, die auch ohne Corona Unterstützung geben. Michael (40) und Natalie (30) freuen sich. "Wenn wir nicht gerade ein neues Sofa gekauft hätten, wäre Platz für mehr als zwei Sessel vor unserem Heimkino", so Michael. Auf 120 Zoll Durchmesser können die Gelnhäuser Filme auf Leinwand gucken. Seit 20 Jahren wünschen sie sich Kinosessel. Beide sind Kinogänger, fuhren vor Corona zweimal im Monat nach Frankfurt. Dorthin, wo sie sich näher gekommen sind. Im Arthouse-Kino nach einer Demo. "Wir sind gespannt, wie der Saal nach der Renovierung aussieht", sagen sie, während beide mit der Handytaschenlampe die Schrauben suchen. "Wir kommen wieder."

SABINE SCHRAMEK

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