Digitalministerin Kristina Sinemus diskutiert mit Kristina Mense und Celine Harting, Auszubildende Kaufleute im Einzelhandel, über digitale Lernformen. FOTO: mediacampus
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Digitalministerin Kristina Sinemus diskutiert mit Kristina Mense und Celine Harting, Auszubildende Kaufleute im Einzelhandel, über digitale Lernformen.

Mediacampus Frankfurt

Ein Update für die Pädagogik

  • Friedrich Reinhardt
    VonFriedrich Reinhardt
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Digitalministerin Kristina Sinemus besucht Seckbach

Mit der Pandemie hat die Digitalisierung im Mediacampus Frankfurt in den Turbo geschaltet. Smartboards, Kameras und Lautsprecher hängen nun in den Klassenzimmern. Eine sechsstellige Summe investierte die Aus- und Weiterbildungsschule der Buchbranche an der Wilhelmshöher Straße. Am Donnerstag steht nun Hessens Digitalministerin Kristina Sinemus (CDU) in einem Klassenraum und stellt die entscheidende Frage: "Wer findet den digitalen Unterricht besser?" Kein Finger geht nach oben. "Und den analogen?" Alle melden sich. Sinemus ist verdutzt, dankt freundlich und geht. Auf Nachfrage zeigt sich, Auszubildende und Staatsministerin haben aneinander vorbeigeredet.

"Analog ist besser, weil es schöner ist, wenn man gemeinsam lernt", sagt eine Auszubildende. Alle stimmen ihr zu. Sinemus meint mit digitalem Unterricht ein Lernen, das von Technik und Software unterstützt wird, gern in Präsenz. Die Auszubildenden aber denken an Homeschooling.

Im nächsten Klassenzimmer formuliert die Ministerin die Frage anders: Hätte Corona nicht den Digitalisierungsschub gebracht, was würdet ihr vermissen? Nun versteht man sich. Dass man mit dem Smartboard auch mal einen Film abspielen kann, sagt eine Auszubildende. Die Flexibilität, mal von zu Hause am Unterricht teilnehmen zu können, eine andere. "Plopp", schallt es aus den Lautsprechern. Auf dem Display erscheint eine Sprechblase. "Stichwort Bahnstreik", schreibt ein Schüler, der aus einem anderen Raum teilnimmt. Obwohl Dozenten und Auszubildende teilweise aus anderen Bundesländern kommen, musste während des Bahnstreiks kein Unterricht ausfallen.

Der Digitalisierungsturbo war für den Mediacampus ein Kraftakt. "Im März 2020 ist noch alles normal", erzählt die Auszubildende Celine Harting. "Das einzige technische Gerät im Klassenzimmer ist der Elmo", ein moderner Tageslichtprojektor. In der zweiten Märzwoche geht sonntags das Gerücht um, der Campus könnte wegen Corona geschlossen werden. Knapp 70 Schüler stehen gerade kurz vor der IHK-Prüfung. Der schlechteste Zeitpunkt für Unterrichtsausfall.

Drei Tage Crash-Kurs in Homeschooling

Techniker liefen hektisch von Klassenzimmer zu Klassenzimmer, erzählt Harting. Sie installierten Kameras, Lautsprecher und Smartboards. Die Auszubildenden bekamen einen Crash-Kurs in die Online-Programme "Adobe Connect" und "Moodle". Mit ersterem können sich die Auszubildenden und Dozenten in Video-Seminaren zusammenschalten, auf "Moodle" werden Dokumente hinterlegt oder Prüfungen abgenommen. Nach drei Tagen gibt es Unterricht nur noch zu Hause. Dank Moodle seien die Lerninhalte auch vergangener Unterrichtseinheiten verfügbar, erzählt eine Auszubildende. Das sei gut. Homeschooling hieß aber auch, acht Stunden vor dem Bildschirm sitzen.

Rund 600 Auszubildende werden pro Jahr in der Schule unterrichtet. "Für alle brauchte es einen technischen Support", sagt Simon Giani, Referent von Geschäftsführerin Monika Kolb. Das war nur eine der Herausforderungen, vor denen die Schulleitung stand. Die Geräte mussten finanziert werden. "In gewisser Weise war es da ein Glück, dass mit der Pandemie auch der Digitalpakt kam." Im "Förderdschungel Digitalpakt" habe man sich aber erst zurechtfinden müssen.

Mittlerweile nutzt die Schule die Programme und Geräte im Präsenzunterricht. Aber: Digitaler Unterricht brauche "eine neue Pädagogik"; mehrmals hakt die Digitalministerin hier nach. Eine Dozentin nickt. Sie erzählt, wie sie einmal ein Tafelbild gezeichnet hatte und es auf das Smartboard brachte. "Ich dachte, ich sei beim digitalen Unterricht ganz weit vorn. In der Supervision wurde mir das auseinander genommen." Es war die alte Methode mit neuer Technik.

Lernen für jeden Lerntyp

Giani erklärt, wie weit eine digitale Pädagogik darüber hinaus gehen kann. Für das Fach Rechnungswesen gebe es zum Beispiel ein Lernquiz. Die Auszubildenden können einstellen, dass sie ihr Wissen etwa zur Mehrwertsteuer trainieren wollen, und das Spiel beginnt. Quasi "Wer wird Millionär" ohne Günther Jauch, dafür kann man gegen andere Auszubildende antreten. "Gamifikation" heißt diese Form des spielerischen Lernens. Ebenso vermittelt der Mediacampus Inhalte per Podcast. Auszubildende können kochen, joggen, abwaschen und sich nebenbei den Inhalt der vergangenen Unterrichtseinheit noch mal erklären lassen.

"Wir heben die Trennung zwischen analog und digital auf", sagt Giani. Sie werde ersetzt durch die Unterscheidung zwischen synchronem und asynchronem Lernen. Im Unterricht mit dem Dozenten lernen die Auszubildenden zeitgleich, synchron also. Egal, ob sie im Klassenzimmer sitzen oder daheim vor dem Computer. Asynchrones Lernen meint die Formen des Lernens etwa beim Kochen oder Spielen.

Die Zahl der Möglichkeiten steigt ständig, sagt Giani. Darum müssten Dozenten stetig dazu lernen, experimentieren. Dafür brauche die neue Pädagogik eine gute Fehlerkultur und eine neue Haltung. In der IT-Branche sei ein Produkt nie fertig, immer kommt noch ein Update. So könne auch eine Unterrichtsmethode noch besser werden, die Pädagogik immer ein neues Update bekommen. Friedrich Reinhardt

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