OB Peter Feldmann mit seiner Frau Zübeyde.
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OB Peter Feldmann mit seiner Frau Zübeyde.

Awo-Skandal

"Ein ziemlich hohes Niveau von Albernheit"

  • vonSylvia Amanda Menzdorf
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Ein Kolumnist des großen Spiegel erklärt der kleinen FNP die Welt.

Frankfurt. Ein Sommermärchen! Ein schwindelerregendes, episches Werk wuchtiger Wortgewalt widmet der Spiegel,das große Nachrichtenmagazin aus dem noch viel größeren Hamburg, der vergleichsweise unbedeutenden Frankfurter Neuen Presse (FNP) aus dem aus Hamburger Sicht ziemlich piefigen Frankfurt.

Unter der Überschrift "Summer in the City" zieht ein Kolumnist mit beißender Ironie und erkennbarem Vergnügen diese Zeitung und deren aus seiner Sicht journalistisch insuffiziente Mitarbeiter durch den Kakao.

Es geht um OB Peter Feldmann

Es geht um den "Awo-Skandal", das teilt uns das Nachrichtenmagazin in einer in alarmistischem Rot gehaltenen Dachzeile mit - und hier speziell um einen vergleichsweise banalen Artikel der FNP, der sich mit einem Schreiben aus dem hessischen Justizministerium an den Innenminister des Landes beschäftigt hatte. Es geht in diesem Schreiben um Frankfurts Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD).

Er selbst hatte es öffentlich gemacht, erneut hübsch garniert mit der seit Monaten von ihm stoisch vorgetragenen Information, keinen Einfluss auf die ungewöhnliche Gehaltshöhe seiner Gattin Zübeyde als Leiterin der deutsch-türkischen Awo-Kita "Dostluk" genommen zu haben.

Allein der Vorgang, dass der Oberbürgermeister der größten Stadt Hessens - der seit vielen Monaten zu Fragen auch zu seinem persönlichen Werden und Wirken bei der skandalgeschüttelten Arbeiterwohlfahrt schweigt oder allenfalls nur einsilbig antwortet - ein banales Schreiben aus dem internen Behördenlauf mit Offenbarungseifer der Öffentlichkeit präsentiert, ist per se eine Nachricht. Jedenfalls für eine Lokalzeitung, wie die FNP nun einmal eine ist. Der Gestalt und Gestaltung des Schreibens nachzugehen, es zu beschreiben und zu versuchen, dessen Lauf nachzuvollziehen, das muss man nicht. Aber man kann es.

Es ist nämlich für Journalisten keineswegs so, dass die Auskunft der Staatsanwaltschaft "kein Verdacht derzeit", wie der mit erstklassiger juristischer Karriere ausgestattete Großkolumnist des Spiegeldiagnostiziert, "eigentlich gar nichts wert ist". Das Gegenteil ist der Fall. Auch darüber, dass ein Verdächtiger und/oder Verdächtigter derzeit oder auf immer von jeglicher rechtlich relevanten Beschuldigung frei ist, hat ein Journalist zu berichten.

Rigoroses Urteil zum Eigengebrauch

Aber geschenkt! Prekär wird es freilich, wenn der Kolumnist der geneigten Leserschaft diese seine Schlussfolgerung präsentiert, "dass dieselben Medien ihn kaum verhüllt verdächtigen, eine NEUE Straftat begangen zu haben, nämlich einen Verrat von ,Geheimnissen'". Zitatende. Mit "ihn" gemeint ist der SPD-Oberbürgermeister Peter Feldmann. Nur: Das steht in dem Artikel nicht, nirgends. Das rigorose Urteil des Kolumnisten "Das ist schon ein ziemlich hohes Niveau von Albernheit und Infamie" müssen wir hiermit leider zurückgeben, zum gefälligen Eigengebrauch.

Mit großem Einsatz von Fleiß und großen dramaturgischen Elementen hat sich der Spiegel-Autor in seinem vor Ironie triefenden, passagenweise lästig effekthascherischem ("Ja, Wahnsinn! Geheimdienst, Spionage, Staatsschutz, GSG 9, Generalbundesanwalt! OB in Handschellen: Hier versteckt er sich hinter einem Aktendeckel!") und leider nicht von Dünkel freien 20 000-Zeichen-Stück vor allem an der Frankfurter Neuen Presse abgearbeitet. Interessant hierbei ist die große Suggestivkraft, die sein Werk entfaltet.

Das Wort von der "Journaille"

Einer der über 200 Kommentare auf der Online-Plattform des Spiegelgeht prompt so: "Ich habe vor allem mitgenommen, wie die Frankfurter Presse aus einem Entlastungsschreiben eines Ministeriums einen klaren Fall für den Staatsanwalt macht. Insofern ist das Wort von der Journaille in diesem Fall gar nicht mal so unangebracht..." Der "Spiegel"-Autor, ansonsten durchaus diskussionsfreudig in diesem Forum, klärt nicht auf, dass einzig er es gewesen war, der den Staatsanwalt ins Spiel gebracht hat.

Auch bei manchem Frankfurter SPD-Funktionär entfaltet die Spiegel-Kolumne interessante Regungen. "Großartig geschrieben: ...Der Spiegelnimmt einen Artikel der FNP auseinander", juchzt etwa die Stadtverordnete Kristina Luxen auf Twitter, ihres Zeichens die Leitende Bezirksgeschäftsführerin der SPD Hessen-Süd.

Moralische Einparkhilfe

Etwas auseinanderzunehmen, ist nur dann von großer Kunst, wenn die Einzelteile nach dem Vorgang wieder zusammensetzbar sind, vielleicht gar Größeres, Schöneres, Funktionaleres daraus konstruiert wird. Dass der Spiegelnun der Frankfurter Neuen Presse gezeigt hat, wie wirklich "guter Journalismus" geht - so ist es unter anderem auf Facebook zu lesen -, oder ihr sonstige moralische Einparkhilfen gibt, leistet die Kolumne aus dem hohen Norden freilich nicht.

Es hat der Spiegel-Kolumnist vom Olymp des Nachrichtenmagazins, das in seiner Selbstverortung nicht weniger ist als das "Sturmgeschütz der Demokratie", und vor allem aus der Lufthoheit seiner unbestrittenen juristischen Expertise mitten im heißen August sein Mütchen gekühlt an der kleinen FNP. Deren Verdienst ist es freilich, exakt das, was über seiner Kolumne steht, nämlich den "Awo-Skandal", zuerst aufgedeckt zu haben. Nicht mehr, aber auch nicht weniger.

Zu bemerken bleibt indessen: Journalisten berichten nicht erst und nicht nur, wenn der Staatsanwalt kommt. Oft und wie hier im Awo-Skandal ist es genau andersherum: Erst wenn Journalisten berichten, kommt der Staatsanwalt. enz

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