Zwei Kinder bedeutet zwei Bobby-Cars und doppelt so viele Unfälle.
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Zwei Kinder bedeutet zwei Bobby-Cars und doppelt so viele Unfälle.

Doppeltes Glück, doppelter Stress

Einblick in das Leben einer Zwillingsmutter

Es ist Punkt 12 Uhr – Essenszeit im Hause Dietermann. Während Johanna sich am Griff des Backofens festhält und versucht, irgendwie den Topf mit den Nudeln vom Herd zu ziehen, rennt Jonathan mit einem

Es ist Punkt 12 Uhr – Essenszeit im Hause Dietermann. Während Johanna sich am Griff des Backofens festhält und versucht, irgendwie den Topf mit den Nudeln vom Herd zu ziehen, rennt Jonathan mit einem Holzauto bewaffnet brummend durch die Wohnung. Bis er sieht, was in der Küche passiert. Von einer auf die andere Sekunde kippt die Stimmung. Der junge Mann brüllt los, seine Schwester stimmt munter mit ein. Zum Ohren zuhalten habe ich keine Hand frei, ebenso wenig wie die Kinder zu beruhigen.

„Jürgen!“ brülle ich nur durch die Wohnung. Mein Mann kommt angerannt, er hat soeben das Chaos im Wohnzimmer beseitigt. Alle Bücher aus den untersten Regalen haben die Zwillinge ausgeräumt. Freudestrahlend. Gegen das Geschrei kann auch er nichts machen – es wird weiter gebrüllt, bis die 19 Monate alten Zwillinge in ihren Hochstühlen sitzen und den ersten Löffel Spaghetti Bolognese im Mund haben.

Plötzlich ist die Welt wieder in Ordnung. Mama und Papa können durchatmen. Wenigstens für die nächsten Minuten. Bis der Nachwuchs nach der Essensschlacht wieder saubergemacht werden muss. Die beiden Waschlappen liegen schon bereit. Die Rollen sind klar verteilt. Jeder kümmert sich um ein Kind. Das geht schneller. Und nimmt uns wenigstens ab und an das Gefühl, immer wieder von vorne anfangen zu müssen.

Seit 19 Monaten sind wir nun zu viert, binnen zwei Minuten haben wir uns Ende August 2015 verdoppelt. Auch wenn wir von Anfang an wussten, dass wir Zwillinge bekommen – vorbereiten kann man sich darauf nicht. Das ist bei unseren Kindern anders. Sie waren von der ersten Sekunde an zu zweit und werden es immer sein. Auch wenn sie sich gegenseitig die Bauklötze gegen den Kopf donnern, die Bilderbücher entreißen oder um die Gunst von Mama und Papa kämpfen. Wenn es drauf ankommt, dann halten sie zusammen. Wenn die Eltern sich streiten, dann rücken sie dicht zusammen und halten sogar Händchen. Das ist schön anzusehen und entschädigt für den Stress der vergangenen eineinhalb Jahre. Wenigstens ein bisschen.

Denn Stress gibt es bei uns stündlich. Nach dem Mittagessen geht es – wenn das Wetter mitspielt – auf den Spielplatz. Kinder müde machen, damit sie gut schlafen, lautet die Mission. Doch erst einmal sind die Eltern müde, denn jetzt müssen die Zwillinge angezogen werden. Zweimal Schuhe, zweimal Jacken, zweimal Mützen. Plus zwei Kinder, die es plötzlich vorziehen, Verstecken zu spielen, sich die Schuhe klauen und damit lachend über das Sofa tollen. Das ist Alltag.

„Ruhig bleiben“, sagt Jürgen nur, als er merkt, dass ich nervös werde. „Ab wann können wir sie noch mal im Internat anmelden?“, frage ich dann nur. Und das sicher nicht zum ersten Mal. Denn ich bin nicht selten mit meinen Kräften am Ende. Ein Jahr war ich mit den Kindern alleine zu Hause, ein Jahr, in dem ich jeden Tag zehn Windeln gewechselt, zwölf Fläschchen zubereitet und verfüttert und jeden Tag zwei Maschinen Wäsche gewaschen habe. Ohne die Hilfe unsere Babysitterin wäre ich durchgedreht. Da bin ich ganz ehrlich.

Heute ist es entspannt, die Kinder verhalten sich mustergültig. Wie meistens, wenn wir Besuch haben. Das Heruntertragen des Kinderwagens aus dem ersten Stock ist leicht – weil mein Mann da ist. Jürgen schnappt sich Jonathan und den Wagen, ich mir Johanna. Hoch kommen die Zwillinge die Treppe problemlos, alleine runter ist es noch zu gefährlich. Bin ich alleine, muss ich tricksen. Die Kinder werden im Hochstuhl mit Smarties abgelenkt. So habe ich wenigstens zwei Minuten Zeit, den Wagen aufzubauen. Anders geht es nicht. Es fehlt eben immer eine Hand.

Es wird immer besser

Trotzdem ist es mittlerweile viel einfacher geworden, mit jedem Tag, an dem die Kinder selbstständiger werden. Auf dem Spielplatz klettern sie alleine das Gerüst hoch, rutschen angstfrei und steigen auf die Wippe. Vor allem Johanna, immer und immer wieder. Während Jonathan in der Schaukel glücklich ist. Das ist gut, wenn man alleine mit den Kindern dort ist. So kann ein Kind nicht weglaufen.

Denn auch wenn Jonathan und Johanna Zwillinge sind – so sie sind doch sehr unterschiedlich. Das Mädchen ist wild, der Junge ist ruhig. Sie puzzelt, er wirft Autos durch die Gegend. Und sie sind eifersüchtig. Beide. Nur einer darf bei Mama oder Papa auf dem Schoß sitzen. Sonst wird der Platz mit allen Mitteln verteidigt.

Nach dem Spielplatz wird geschlafen, wie immer kümmert sich jeder um ein Kind. Denn der Mittagsschlaf ist ein Kampf. Was in der Kita gut funktioniert, läuft daheim gar nicht. Nicht selten schlafen die Kinder deswegen im Auto. Und was machen Mama und Papa? Die schauen Flugzeuge an der Landebahn West am Frankfurter Flughafen. Und genießen die Ruhe. Wenigstens für eine Stunde.

Im Bürgerhospital in Frankfurt sind Zwillinge schon an sich ein eher seltenes Phänomen. Aber Noel und Leon sorgen für eine besondere Überraschung.

Denn dann geht es weiter, beide Kinder wollen beschäftigt werden, jedes Kind möchte einen Elternteil für sich alleine haben, möchte im Mittelpunkt stehen. Das geht nur, wenn man sich aufteilt. Als der Papa die Seifenblasen auspackt, sind beide Kinder glücklich, Jonathans Augen beginnen zu strahlen, quietschend versucht er, die schillernden, durchsichtigen Bälle zu fangen. Seine Schwester interessiert sich mehr dafür, woher die Blasen denn nun kommen und versucht dem Papa die Dose zu entreißen.

Im Hamsterrad

Der Nachmittag geht vorbei, das Fertigmachen für die Nacht ist wieder ein Kampf. Ist das eine Kind fertig, kommt das nächste dran. Ich fühle mich wie im Hamsterrad und denke immer wieder: Wie machen das nur Eltern mit Drillingen, wenn Zwillinge schon so anstrengend sind? Auch wenn ich meine Kinder liebe, noch einmal möchte ich keine Zwillinge großziehen. Denn es zehrt an den Nerven, es geht an die Substanz. Auf der anderen Seite ist es wunderschön, wenn vier Augen einen anstrahlen, vier kleine Beinchen gleichzeitig auf einen zulaufen, vier kleine Patschehändchen klatschen und zwei Kinder lauthals rufen: „Mama, Mama!“

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