Joachim Stoll (58) vertritt seit bald zehn Jahren die Interessen der Frankfurter Einzelhändler.
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Joachim Stoll (58) vertritt seit bald zehn Jahren die Interessen der Frankfurter Einzelhändler.

Interview

Wie geht es weiter mit Zeil und Innenstadt? Einzelhandelschef betont: "Autofreie Innenstadt ist illusorisch"

  • Dennis Pfeiffer-Goldmann
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Der Frankfurter Einzelhandelschef Joachim Stoll spricht im Interview über die Lage der Zeil, Stadtpolitik und eine Idee von Stadtplaner Mäckler.

Frankfurt – Massiv trifft Corona den Einzelhandel in Frankfurt - immer mehr leerstehende Läden zeugen davon. Und die Pandemie ist nicht einzige Herausforderung, wie Joachim Stoll, Chef der Frankfurter Einzelhändler, im Interview mit Redakteur Dennis Pfeiffer-Goldmann erklärt. Zum Autoverkehr in der Innenstadt hat er eine überraschende Ansicht.

Wie kommt der Einzelhandel in Frankfurt derzeit mit Corona klar, Herr Stoll?

Das Bild ist gespalten. Der Lebensmittelhandel und einige wenige Teilbereiche des Handels wie Outdoorsporthändler - denken Sie an Fahrrad und Laufen - haben sehr gute Geschäfte. Das Gros der Nicht-Lebensmittelhändler hat allerdings eine sehr angespannte Situation. Die Lage auf dem Arbeitsmarkt im Bereich Handel ist dank der Kurzarbeit relativ ruhig, es wurden aber bereits sehr viele Minijobs abgebaut - bundesweit 20 000. Man sieht immer mehr Leerstände in den Seitenstraßen und auch auf der Zeil selbst.

Zeil Frankfurt: Wie es den Geschäften in der Innenstadt geht

Wie helfen Lösungen wie Abholungen aus Geschäften?

Click & Collect ist kein Umsatzbringer und kein Kostendecker. Click & Meet ist in kleineren Häusern schon ein Rettungsanker. Große Häuser können damit aber nicht einmal ihre Stromkosten decken, weil einfach die Frequenz fehlt. Man muss schon damit rechnen, dass Corona ein Zeitraffer von Veränderungen dergestalt ist, dass wir eine Acht-Jahres-Entwicklung in den nächsten zwölf Monaten machen.

Lassen sich durch einen solchen Wandel auch positive Ergebnisse erwarten?

Es sieht so aus, als würden Kunden in den Stadtteilen und den umliegenden Kleinstädten zurückkommen und wieder dort kaufen. Viele Menschen kommen durch das Homeoffice nicht mehr in die Stadt. Die Innenstadt wird zusätzlich gebeutelt durch fehlende Messebesucher, fehlende Touristen und geschlossene Hochhäuser. Das hat auch Auswirkungen auf Dienstleister wie die Gastronomie, weil einfach keine Leute in der Innenstadt sind.

Frankfurt: Welche Chancen den Händler durch Corona eröffnet werden könnten

Die Menschen sind nun anderswo: zu Hause.

In Stadtteilen, wo Menschen wohnen, wird nun vor Ort gekauft. Dadurch wird der Verfall der Stadtteile gestoppt. Ob das anhält, weiß aber noch niemand.

Welche Chancen bieten sich den Händlern durch die Digitalisierung, die von Corona stark vorangetrieben wird?

Viele kleine Händler kommunizieren inzwischen über Messenger und Social Media mit ihren Kunden. Wenn eine zwölf- oder 15-monatige Bindung aufgebaut wird, kann sie auch über diese Kanäle aufrecht erhalten werden. Eine solche Bindung verfällt nicht so schnell. Das ist die ganz große Chance der Stadtteile.

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Kritik an der Stadt Frankfurt – Zu wenig Kontrollen

Wie beurteilt der Handel die Arbeit der Stadt Frankfurt bei der Bewältigung der Corona-Herausforderungen?

Wir haben einen erhöhten Druck auf die Einkaufsstraßen durch aggressives Betteln und Hausieren vor geschlossenen Läden, ohne dass man Polizei sieht. Wir haben viele Maskenverweigerer, ohne dass man Kontrollen sieht. Das alles führt zu einem Downgrading von Höchst bis Innenstadt.

Wie viel Hoffnung haben Sie, dass sich das bessert, wenn wieder mehr Menschen in die Innenstadt kommen?

Ich habe die Hoffnung, dass wir jetzt anfangen zu diskutieren, wie sich Frankfurt verändern muss. Wir haben eine Zeitachse, in der das Karstadt-Gelände mit 38 000 Quadratmetern Verkaufsfläche neu entwickelt wird. Wir haben Seitenstraßen der Zeil, die entwickelt werden müssen. Wir haben eine Innenstadt, um die sich gekümmert werden muss. Das hat die Stadtpolitik früher nie gemacht, weil sich Frankfurt von alleine zu entwickeln schien. Es gab immer genügend Mieter. Das ist vorbei; jetzt muss sich Frankfurt, so wie alle Großstädte, um den Wandel kümmern.

Zeil in Frankfurt im Wandel – Doch wohin soll es gehen?

Wohin sollte der Wandel führen?

Die Wandlung der Innenstadt ist ein langfristiger Prozess. Es gibt noch keine Lösungen, aber wir müssen nun ein Bild bekommen, wo wir hinwollen. Es ist wichtig, dass alle Beteiligten nun in eine Diskussion darüber einsteigen. Städte werden digitaler, werden nachhaltiger, werden CO2-frei. Sie müssen angenehmer und bequemer werden.

In der Fachwelt geht man davon aus, dass mehr Wohnungen und Büros in den Einzelhandelsbereichen geschaffen werden müssen, damit diese Bereiche lebendig werden. Wie sehen Sie das?

Mixed use, gemischte Nutzung, ist in aller Munde, aber noch nicht ausentwickelt. Keiner weiß, wie die Städte nach Corona aussehen. Wir wissen aber, dass wir etwas gegen Aufheizung der Städte durch den Klimawandel tun müssen. Riesige Betonplätze ohne Bäume, ohne Brunnen, wie wir sie in Frankfurt haben, werden irgendwann so heiß, dass niemand mehr Lust hat, in die Stadt zu gehen. Das wird dann zum Problem für den Einzelhandel und die Gastronomie.

Wie wichtig wird das Wohnen in der Innenstadt?

Das wird ein starkes Thema. Dadurch kommen auch andere Bedürfnisse auf den Handel zu. Der Handel braucht zukünftig weniger Fläche, aber wir müssen aufpassen, dass der Handel nicht aus der Stadt herausgedrängt wird. Die Stadt braucht zusätzliche Attraktivitäten wie Kultur oder Bildungseinrichtungen. Wir müssen die jungen Leute wieder an die Innenstadt als Heimat gewöhnen, beispielsweise indem wir Schulen und Universitäten wieder innenstadtnäher ansiedeln.

Verkehr in Frankfurt: "Eine autofreie Innenstadt ist illusorisch"

Ein Gymnasium statt Karstadt in der Schäfergasse?

Das müssen wir sehen. Sicher nicht auf der Zeil, denn es ist ja am Ende eine Finanzierungsfrage. Wir dürfen nicht alles außen ansiedeln, was einen Anlass bieten könnte, in die Stadt zu gehen. Mit Abstand ist Shopping der wichtigste Anlass, warum Menschen in die Stadt kommen - auch während Corona. Sie gehen dann auch noch zum Anwalt, in die Gastronomie oder treffen sich. Der Handel ist seit Jahrtausenden das Entwicklungspotenzial der Innenstadt. Deshalb muss er unbedingt weiter funktionieren.

Es gibt derzeit sehr unterschiedliche Ideen, wie die Einkaufsbereiche und die Innenstadt vom Verkehr her entwickelt werden sollen - von der SPD, die alle Autos aussperren will, bis zu Stadtplaner Christoph Mäckler, der wieder Verkehr auf der Zeil vorschlägt. Welche Lösung ist die richtige?

Der Handel braucht eine Erreichbarkeit mit all den Verkehrsmitteln, die seine Kunden bevorzugen. Die autofreie Innenstadt ist genau so illusorisch, wie Autos auf der Zeil in Frankfurt effekthaschend falsch sind. Eine Katastrophe wäre eine reine Verschlechterung des Autoverkehrs ohne eine Verbesserung des ÖPNV und des Fahrradwegnetzes. Da müssen wir von der Angebotsseite rangehen. Wir brauchen Radschnellwege bis zur Zeil. Wir brauchen mehr ÖPNV, sicher, sauber und angenehm. Wir dürfen nicht einfach nur das Auto aussperren. Sonst treiben wir die Menschen in den E-Commerce oder in andere Orte.

Welches Minimum an Autoverkehr ist denn notwendig in der Innenstadt?

Weniger Blech auf der Straße wäre gut, also: ruhender Verkehr runter von der Straße. Die Autos müssen in die Parkhäuser. Dann haben wir auf der Straße mehr Platz für Fahrrad, für Fußgänger, Gastro, Grün, schattenspendende Bäume, kühlende Brunnen, Sitzgelegenheiten, Sicherheit, Sauberkeit. Also insgesamt eine schöne Stadt, wie wir sie uns auch im Urlaub wünschen. Wir müssen eine Innenstadt gestalten, in die die Menschen gern kommen. Sie muss aber von allen, die außerhalb wohnen, jederzeit gut erreichbar bleiben.

Autofahren in Frankfurt: Welche Chancen bieten Nebenstraßen und der Radverkehr?

Welchen Zweck sollen die Zeil-Nebenstraßen wie die Bleidenstraße denn für den Autoverkehr noch erfüllen, wenn die wenigen Parkplätze dort auch noch weggenommen werden?

Wir brauchen die Möglichkeit der Be- und Entladung für Handel und Gastronomie. Anwohner müssen angedient werden können. Auch Behindertenparkplätze sind weiter nötig. Wir werden bald ein System des autonomen Fahrens haben, auf das wir uns einstellen können. Deshalb wird es auch nie die autofreie Stadt geben. Der Verkehr wird bald CO2-frei sein, er wird aber nicht autofrei sein.

Wie bewerten Sie die Chancen durch mehr Radverkehr? In Einkaufsbereichen wie der Freßgass' und auf dem Opernplatz wirkt es oft eher wie Wildwest zwischen Fußgängern und Radfahrern.

Ich sehe noch viel Potenzial im Radverkehr. Wenn wir aber einen starken Anstieg des Fahrradverkehrs bekommen wie in Kopenhagen, werden sich Radfahrer an Straßenverkehrsregeln gewöhnen müssen. Auch Radverkehr wird strenger reglementiert werden müssen, wenn wir Mengen davon unfallarm managen wollen. Viele Radfahrer in einem Fußgängerbereich, das funktioniert nicht. Dann müssen wir die Fußgänger vor den Fahrradfahrern schützen.

Neue Regierungskoalition könnte Wandel nach Frankfurt bringen

Mit der nächsten Regierungskoalition dürfte einiger Wandel auf Frankfurt zukommen. Fürchten oder freuen Sie sich darauf?

Es ist die Zeit des Wandels. Fürchten kann man sich als Wirtschaft eigentlich nur vor Ideologie und Regelungswahn. Schlecht ist, wenn aus Prinzip schnell etwas verändert werden soll - etwa: Autos raus ohne Alternativen zu bieten. Wandel, in einer offenen Diskussion mit Bürgern und Wirtschaft entwickelt, eine Digitalisierung der Verwaltung, vielleicht sogar eine kleinere, flexible Frankfurter Verwaltung - darüber würde ich mich freuen!

Flexibel kann die Verwaltung durchaus sein, das hat sie bewiesen, indem wegen Corona recht spontan die Beschränkungen für die Außengastronomie ausgesetzt wurden. Sollte das beispielgebend sein?

Das ist eine sicher mit recht gelobte Flexibilisierung. Solche Vorgaben sollten nicht nur ausgesetzt, sondern abgeschafft werden. Wir haben in der Corona-Pandemie gesehen, dass die Regelungswut dazu führte, dass Impfdosen heimlich weggeworfen wurden aus Angst, sie dem vermeintlich Falschen zu geben. Das sagt eigentlich schon alles. Viele Betriebe sehen in der Frankfurter Regelungswut oft ohnmächtig ähnliche Verrücktheiten. (Interview von Dennis Pfeiffer-Goldmann)

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