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Hamidul Khan hatte die Idee zur Frankfurter Immigrationsmesse. Am Wochenende war es wieder mal soweit im Titus Forum.

Nordwestzentrum

Eine Buchmesse für Migranten

Zum vierten Mal öffnete am Wochenende die Frankfurter Immigrationsbuchmesse ihre Pforten. An knapp 20 Ständen wurden Werke von Autoren aus 30 Ländern präsentiert – ein kleiner, aber feiner Beitrag zur Multikulturalität der Stadt.

Von Wilke Bitter

Knapp 20 Verlagsstände, Werke von Autoren aus 35 verschiedenen Ländern und 40 Veranstaltungen – so sieht die Bilanz der Immigrationsbuchmesse aus, die am Samstag und Sonntag zum vierten Mal ihre Pforten im Saalbau Titus-Forum (Nordweststadt) öffnete. Während die diesjährige Bücherschau dem populären Friedensaktivisten Mohandas Karamchand Gandhi gewidmet war, wurde der letzte Messetag zum Ehrentag für den im vergangenen Jahr verstorbenen sizilianischen Einwanderer, Aktivisten und Autor Giuseppe Bruno erklärt.

Bruno kam im Alter von 16 Jahren von der bitterarmen italienischen Insel nach Frankfurt, fand Arbeit bei der deutschen Bundesbahn und lernte fast ausschließlich übers Radio Deutsch. HR-Journalist Franco Foraci, selbst Sizilianer, las Bruno zu Ehren aus einer seiner zwei autobiographischen Erzählungen. Der Autor sei ein guter Freund und ein Quell der Inspiration gewesen, erklärt Messeninitiator Khan. „Giuseppe hatte so seine Zweifel an der Messe, aber seine Idee, durch sein Buch noch in 500 Jahren zu leben, hat mich immer angefeuert. Aber die Messe wollte ich nur auf deutsch, ansonsten wäre der Integrationseffekt weg!“

Hamidul Khan, Vorsitzender der Deutsch-Bengalischen Gesellschaft Frankfurt, kommt gern zur Messe: „Unser Ziel ist nicht nur ein friedliches Neben- und Miteinander verschiedener Kulturen und ein Plädoyer für die friedliche Koexistenz der Angehörigen unterschiedlicher Nationen, sondern auch das Bewusstmachen, dass die deutsche Kultur durch die Immigration bereichert wird.“

Auch wenn das Publikumsinteresse an der kostenlosen Veranstaltung etwas zu wünschen übrig lässt, denkt Khan nicht ans Aufhören. „Im Gegenteil“, lacht der Vereinsvorsitzende. „Die Termine für 2016 und 2017 stehen heute schon fest. Aber in Zukunft wollen wir die türkischstämmige Bevölkerung stärker ins Boot holen, mit knapp 50 000 Menschen ist das eine der größten Kulturgruppen in Frankfurt.“

Georg Stein, Geschäftsführer des Heidelberger Palmyra-Verlags, war lange Zeit Journalist im Nahen Osten, traf Jassir Arafat, pflegte aber auch immer Kontakte in die Musikwelt. Heute stehen auf seinem Messestand neben Biographien der Rolling Stones auch Sachbücher über den Nahost-Konflikt „Das Potenzial von Musik in gesellschaftlichen Veränderungen wird einfach immer wieder unterschätzt. Wir haben Arian Fariborz’ Werk „Rock the Kasbah“ verlegt, da zeigt der Islamwissenschaftler, welche sozialen und politischen Funktionen Musik haben kann und im Nahen Osten schon hatte.“

Die Verlagsleiterin und Publizistin Annette Nünnerich-Asmus ist das erste Mal auf der Immigrationsbuchmesse vertreten, sie verlegt zum Beispiel die Sachbücher des Syrers Mamoun Fansa, der über die Kriegsschäden im syrischen Aleppo schreibt: „Interessant war für uns an dieser etwas kleineren Messe der Faktor Publikum: Wir publizieren Fachbücher in Geschichte, Archäologie und Kunst, aber mit den Leuten, deren Wurzeln in den Ländern sind, über die wir schreiben, hat man im Alltag zu wenig Kontakt.“

Volkhard Brandes, Geschäftsführer des Frankfurter Verlags Brandes und Apsel, veröffentlichte neben Ratgebern zur Sprachförderung bei Immigranten oder dem Kochbuch des Marokkaners Ghirmay Habton auch das Buch „Zuhause in Schwalbach – Eine Stadt erzählt“, das die Integrationsgeschichte der Stadt in 70 Episoden aus den Lebenswelten der Schwalbacher darstellt.

Ercan Yildirim berichtet von Kindheit, in der Hass auf Fremde und Gewalt an der Tagesordnung waren. „In meiner Jugend habe ich einfach eine positive Stimme vermisst, die mal entgegen aller Pauschalisierung sagt, dass wir Menschen mit Migrationshintergrund genauso viel wert sind wie die Leute, die hier schon lange leben.“ Sarmin Ullah, eine Frankfurter Studentin mit bengalischen Wurzeln, ist sicher: „All die Kulturen, die hier in Deutschland leben, könnten sich gegenseitig bereichern. Was die Leute nur mal machen müssen, ist aufhören, Debatten über Integration und fremde Kulturen zu führen, ohne tatsächlich mich oder meine Herkunft zu kennen. Ich hoffe, dass die Leute anfangen, sich zu fragen: Stimmt der Film, der da bei mir im Kopf abläuft, mit der Realität überein?“

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