Das Hickhack um die Beseitigung des gefährlichen Bahnübergangs an der Oeserstraße lässt Dr. Georg Speck nicht zur Ruhe kommen. Gemeinsam mit der BI macht er weiter Druck auf die Verantwortlichen. foto: Leo-
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Das Hickhack um die Beseitigung des gefährlichen Bahnübergangs an der Oeserstraße lässt Dr. Georg Speck nicht zur Ruhe kommen. Gemeinsam mit der BI macht er weiter Druck auf die Verantwortlichen.

Nied: Urteil des Experten

Eine Chronologie des Versagens am gefährlichen Bahnübergang

  • Michael Forst
    vonMichael Forst
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Bürgerinitiative gegen die Schranke wirft den Verantwortlichen schwere Versäumnisse vor

Einen wie Dr. Georg Speck in ihren Reihen zu haben, das betrachtet die Bürgerinitiative (BI) "Die Schranke in Nied muss weg" laut Initiatorin Heike Stoner als "Glücksfall". Denn der pensionierte Ingenieur kennt sich aus mit der Materie: Er absolvierte seine Ausbildung bei der Bundesbahn, leitete später das Eisenbahnreferat im rheinland-pfälzischen Verkehrsministerium und hat bis heute gute Verbindungen. Nicht nur zu den ehemaligen Kollegen. Sein Fachwissen und seine unaufgeregte Art bringt Speck seit längerem ein in den Kampf für eine schnelle und transparente Lösung an dem gefährlichen Bahnübergang, wo Anfang Mai 2020 eine junge Frau ums Leben kam.

"Das Mädchen wohnte in unserem Haus, wir kennen die Familie", sagt er beim Treffen mit dieser Zeitung an der Bahnschranke. Auch ihr tragischer Tod sei für ihn ein Grund, zusammen mit der BI "Druck auf die Verantwortlichen auszuüben - und dafür zu sorgen, dass die Verantwortlichen nicht wieder einschlafen." Dazu beitragen soll auch eine Chronologie, die er für die Fachzeitschrift "Eisenbahn-Revue International" verfasst hat.

Aufsatz ist jetzt für alle zugänglich

Es ist eine Publikation, die Wert darauf legt, dass sie von Bahnen und Industrie unabhängig sei - und deshalb offen für kritische Betrachtungen von Autoren wie Speck. Sein Beitrag "Staatsversagen an einem Bahnübergang in Frankfurt am Main?" ist gerade für die Öffentlichkeit freigegeben worden und steht in der Facebookgruppe der BI zum Herunterladen bereit.

In ihr zeichnet der Fachmann das ermüdende Pingpong-Spiel zwischen Stadt, Bahn und Behörden bis zum Unfall nach. Er kommt zu einem ernüchternden Fazit: "Aus dem langen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten seit der Erkenntnis, dass der Bahnübergang den Anforderungen nicht genügt, und der Tatsache, dass der Bahnübergang nicht beseitigt wurde, könnte auf eine pflichtwidrige Nichterfüllung der gesetzlichen Vorgabe und somit auf ein Staatsversagen unter Beteiligung mehrerer Stellen geschlossen werden."

"Offenbar fehlte es am Bewusstsein"

Unter anderem konstatiert Speck, dass oft mehrere Monate für Vorgänge vertan worden seien, "die auch in maximal einer Woche hätten erledigt werden können". Daraus schließt er: "Offenbar gab es kein Bewusstsein dafür, welche Anforderungen an Abläufe bei erkannten Gefahren bestehen."

Dabei hatte sich Speck schon selbst bemüht, eine Lösung voranzubringen: So schaltete er etwa im Jahr 2015 das Bundesverkehrsministerium ein. Es kann als "Anordnungsbehörde" immer dann tätig werden, wenn die "Kreuzungspartner", in diesem Fall die DB Netz AG und die Stadt Frankfurt, ihrer Pflicht zur Gewährleistung einer verkehrsgerechten und sicheren Anlage nicht nachkommen. Zunächst schien der Druck des Ministeriums auch zu helfen: Im Februar 2016 teilte ihm das Ministerium nach einem Ortstermin mit, dass die notwendige Kreuzungsvereinbarung zwischen Bahn und Stadt Anfang 2018 vorgelegt werden könne. Als Termin für die Fertigstellung stellte die Bahn schließlich das Jahr 2023 in Aussicht - davon ist bekanntermaßen längst nicht mehr die Rede.

Doch auch der Zeitplan für den von der BI begrüßten Drei-Stufen-Plan - unter anderem soll die komplette technische Erneuerung des Bahnübergangs mit Automatisierung der Schranken und Ampelregelungen an allen Straßen bis Ende 2021 umgesetzt werden - könnte jetzt gefährdet sein. Denn gerade wurde bekannt, dass sich die Präsentation der Vorstellung der Planungen von Bahn und Stadt um mehrere Monate verschieben dürfte (wir berichteten). Umso wichtiger ist es für Dr. Georg Speck nach eigenem Bekunden, dranzubleiben und nicht lockerzulassen.

Prozess wohl erst im nächsten Jahr

Nicht zuletzt könnte seine Chronik im vermutlich im nächsten Jahr beginnenden Prozess um das tödliche Unglück vom Mai 2020 herangezogen werden. "Zumindest, wenn die Staatsanwaltschaft aufgreift, dass die Maßnahmen zur Beseitigung des Bahnübergangs über Jahrzehnte nicht vorangekommen sind", sagt Speck. Zum Dranbleiben gehört für ihn aber auch, dass er seine Chronologie um den Nieder Bahnübergang weiter fortschreiben will. "Da geht es dann darum, was nach dem Unfall unternommen wird, also auch darum, wie der Drei-Stufen-Plan umgesetzt wird." michael forst

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