Frankfurts Katholischer Stadtdekan Johannes zu Eltz (63) gehört zu den mehr als 230 Teilnehmern der Vollversammlung des Synodalen Weges in Frankfurt.
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Frankfurts Katholischer Stadtdekan Johannes zu Eltz (63) gehört zu den mehr als 230 Teilnehmern der Vollversammlung des Synodalen Weges in Frankfurt.

Katholische Kirche

"Eine Diakoninnenweihe würde die Kirche nicht spalten"

  • Sören Rabe
    VonSören Rabe
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Der Katholische Stadtdekan Johannes zu Eltz spricht über den deutschen Reformprozess Synodaler Weg - und warum er die einzige Chance für die Katholische Kirche ist.

In ihrem Reformdialog auf dem Synodalen Weg wollen die deutschen katholischen Bischöfe und das Zentralkomitee der deutschen Katholiken (ZdK) über die Zukunft kirchlichen Lebens in Deutschland beraten. Ein Ziel ist, nach dem Missbrauchsskandal verlorengegangenes Vertrauen zurückzugewinnen. Oberstes Organ des Synodalen Wegs ist die Synodalversammlung, die vom 30. September bis zum 2. Oktober in Frankfurt tagt. Der Frankfurter Stadtdekan Johannes zu Eltz ist Mitglied der Versammlung. Redakteur Sören Rabe sprach mit ihm über Sexualmoral, die priesterliche Lebensform sowie die Rolle von Frauen in der Kirche.

Herr Stadtdekan, Sie sprachen vor kurzem im Dom davon, dass der Synodale Weg die letzte Chance für die katholische Volkskirche in Deutschland ist. Befürchten Sie, dass die Katholische Kirche die Basis verliert?

Das muss ich gar nicht mehr befürchten, das tut sie seit längerer Zeit mit steigender Geschwindigkeit. Den Erosionsprozess kann man nicht übersehen. Ich glaube, dass die Katholische Kirche nur als Volkskirche funktioniert. Daher müssen wir alles tun, um sie so zu erhalten und zu erneuern. Es kann uns nicht egal sein, ob wir uns krank schrumpfen zu einer Sekte oder ob wir breitenwirksam und tiefgestaffelt in der Gesellschaft verankert bleiben.

Kommt dieser Reformdialog nicht schon viel zu spät? Noch rund 580 000 Katholiken gehörten zum Jahresende 2020 zum Bistum Limburg - etwa 2,2 Prozent weniger als 2019. Knapp 8200 Menschen erklärten ihren Austritt.

Die vier Themenfelder, die beim Synodalen Weg verhandelt werden, sind bei uns schon vor 50 Jahren und länger markiert worden, durchaus in unterschiedlicher Intensität. Auch bei einer Weltkirche, der man eine langsamere Fließgeschwindigkeit zugesteht, wird es jetzt allmählich Zeit!

Was sind denn für Sie die wichtigsten Punkte im Reformvorhaben? Sie haben die vier Themenfelder gerade angesprochen: Macht, priesterliche Lebensform, Sexualmoral und Rolle der Frauen. Oder gibt es noch andere Punkte, die nicht im Mittelpunkt stehen?

Das, was Sie Sexualmoral genannt haben, das nennt sich genau: Leben in gelingenden Beziehungen. Das finde ich die richtige Überschrift, weil das die Sexualmoral mit einbezieht, aber sich nicht auf sie beschränkt. Das ist ein ganzheitlicher Blick auf die Beziehungen. Ich finde alle vier Themenfelder wichtig, aber ich halte es mit unserem Bischof Georg Bätzing: Die Frauenfrage ist richtig kritisch geworden, und die muss zuerst und beherzt angegangen werden.

Dass auch Frauen als Diakoninnen geweiht und als Priesterinnen zugelassen werden?

Mindestens die Diakoninnenweihe und den Dienst als Diakonin müssen wir schnell möglich machen. Da gibt's auch ausreichend biblische und kirchengeschichtliche Basis dafür. Und das Weiterkommen auf dem Weg zu einer Priesterweihe für Frauen, die das möchten, wenigstens nicht kategorisch ausschließen, was ja jetzt der Fall ist.

Der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer, ein Vertreter der konservativen Minderheit, betont, dass die Zulassung von Frauen zu kirchlichen Weiheämtern mit kirchlicher Lehre und biblischer Überlieferung unvereinbar sei.

Das sehen nicht wenige so, vor allem in kirchlichen Leitungspositionen. Sicherlich auch in anderen Ländern und Kulturen. Damit ist gleich eine Schwierigkeit angesprochen: In der Weihefrage Sonderwege zu gehen für einen Kulturraum, gar nur für Deutschland, das ist nach katholischem Verständnis schwierig. Zum sachgerechten Umgang mit dieser Frage gehört aber auf jeden Fall, dass man in den verschiedenen Regionen der Welt kultursensibel vorgeht. Und Dinge an der einen Stelle möglich macht, die sich an anderer Stelle nicht empfehlen.

In Deutschland kann man also anders agieren als zum Beispiel in Ländern Afrikas?

Die Weihe von Diakoninnen würde nach meiner festen Überzeugung in Deutschland die Katholische Kirche nicht spalten, sondern stärken. Anderswo in der Welt, wo noch patriarchalische Strukturen vorherrschen, würde das die Ortskirchen vielleicht zerreißen. Deshalb muss man anfangen, gleichzeitig dieselben Fragen an unterschiedlichen Orten unterschiedlich zu beantworten. Das geht durchaus, weil das zwar wichtige Themen sind, aber nicht direkt dran am Kern des Glaubens und am Heil der Menschen. Es sind bei aller Liebe doch nur Organisationsfragen.

Es gibt auch radikale Forderungen wie die Abschaffung der Priesterseminare und des Zölibats, aber auch gemäßigte Reformvorschläge, die eine weltoffenere Ausbildung und mögliche Ausnahmen vom Zölibat befürworten. Wo stehen Sie in dieser Frage?

Ich springe immer sofort im Sechseck, wenn die Abschaffung des Zölibats verlangt wird. Ich glaube, dass der Zölibat, der schließlich die Lebensweise Jesu war, soweit wir es sagen können, einen sicheren und geachteten Ort in der Mitte der Kirche haben muss. Mit viel Wertschätzung für diejenigen, die sich dazu berufen fühlen und das trotz aller Schwierigkeiten gut leben. Denn es ist ja auch eine schöne Lebensweise. Abzuschaffen wäre nach meiner Meinung der obligatorische Zölibat, der wahllose Zölibat, der jedem auferlegt wird, der zum Priester berufen wird. Da gilt es zu differenzieren.

Gibt es denn einen Zusammenhang von Zölibat und sexuellem Missbrauch?

Es gibt keinen direkten Zusammenhang, der wird auch nicht ernsthaft behauptet. Es gibt aber einen indirekten. Eine Kirche, die den Zölibat unverhandelbar für alle Priester vorschreibt, schafft einen kulturellen Raum, in dem menschliche Unreife oder eine Behinderung der Integration der eigenen Sexualität mehr begünstigt werden, als es dort der Fall ist, wo Geistliche in normalen Beziehungen leben können. Die Neigung zum Missbrauch ist nicht mit der Ehelosigkeit von Priestern als solcher gegeben. Es gibt ja ganz viele Menschen, die so leben und zur Reife gelangen. Wenn aber Zwänge zur Tabuisierung führen und Erwählungsbewusstsein sich mit Unreife mischt, dann steigt das Risiko stark an.

Es gibt ja immer weniger Menschen, die sich zum Priestertum berufen fühlen. Hofft man durch die Abschaffung des Zwangszölibats wieder mehr Nachwuchs zu bekommen?

Das kann nur eine begleitende Hoffnung sein, nicht der leitende Grund. Wir sind unter starkem Druck, weil wir wirklich zu wenige Priester haben. Da ist man immer geneigt, kurzsichtige taktische Dinge zu machen: Wie füllen wir unsere Priesterseminare wieder? Wir erlauben, dass alle heiraten dürfen, wenn sie wollen, und dann kommen sie in Scharen! Das wird so nicht funktionieren. Die Anforderungen müssen aus dem Inneren des Glaubens kommen, aus dem unverstellten Blick auf die Lebenswelt der Priester und ihrer Gemeinden.

Selbst wenn das Ergebnis aus dem synodalen Weg eine neue Aufbruchsstimmung bringt: Die Versammlung hat nur beratenden Charakter. Die Umsetzung kann durch die einzelnen Bischöfen erfolgen.

Wir haben in der deutschen Bischofskonferenz bekanntlich sehr unterschiedliche Bischöfe mit ganz verschiedenen Auffassungen zu den hier besprochenen Fragen. Das ist nicht nur ein Problem, sondern auch eine Chance. Wenn Rom uns nicht daran hindert, die Ergebnisse der Synode ad experimentum umzusetzen, dann geht man in dem einen Bistum, wo der Bischof und die Gläubigen so weit sind, frisch voran, und ein anderes steht skeptisch beiseite und guckt sich das erst einmal an. Es ist doch gut, dass wir kein Einheitsgebilde sind, wo es nur alles oder nichts gibt.

Nun gibt es auch positive Signale aus Rom. Für die Weltkirche will man ebenfalls einen Synodalen Weg vorbereiten.

Der Prozess, den die Gesamtkirche in Gang bringen will, ist nicht einfach die Übernahme des deutschen Synodalen Weges. Die einen sehen die weltweite Synode als ein hoffnungsvolles Zeichen; der Reformimpuls ist in Rom angekommen und der Papst möchte das für alle öffnen. Andere sagen, die Römer sind in 2000 Jahren nicht dumm geblieben und wissen, wie man so eine Bewegung elegant ausbremst - indem man selber etwas ganz Großes und Kompliziertes auflegt und alles so lange vorbereitet, bis auch dem allerletzten deutschen Reformer die Luft ausgegangen ist.

Sie sagten ja, vor 50 Jahren und länger wurde der Prozess angestoßen ...

Also vor Gott sind 1000 Jahre wie ein Tag, und die Kirche ist immer noch ein Dickschiff und hatte oft recht, wenn sie sich bei Manövern Zeit gelassen hat. Aber jetzt sehe ich das Heil unserer Gläubigen in Gefahr und ich spüre ihre an Verzweiflung grenzende Ungeduld. Ich lese die E-Mails derer, die gehen, weil sie uns als eine reformunfähige und nur am Erhalt der eigenen Macht interessierte Institution sehen. Die kehren nie mehr zurück. Sich das egal sein zu lassen und "Fort mit Schaden!" zu denken finde ich evangeliumswidrig. Wir dürfen den Leuten nicht so hochmütig das Stöckchen hinhalten. Wir müssen ihnen eine Form des Glaubens anbieten, die für sie glaubwürdig ist und die sie auch übernehmen können. Sonst halten wir den Glauben vielleicht rein und ordentlich, aber er erreicht das Herz der Menschen nicht mehr.

Und wenn der Reformprozess noch weitere 50 Jahre andauert?

Das werde ich mir dann hoffentlich von oben anschauen dürfen! Ich habe den Auftrag, mich jetzt um das zu kümmern, was Sache ist. Und jetzt diese unnötige Vertreibung von normalen Menschen aus der Kirche zu stoppen, die gerne Christen auch in der Kirche blieben, wenn man es ihnen nur möglich machen würde.

Die Missbrauchsskandale der vergangenen Jahre haben der Katholischen Kirche schwer geschadet. Hat man da falsch reagiert?

Der Missbrauch von Schutzbefohlenen ist immer Unrecht. Bei Geistlichen ist er besonders perfide, weil durch unsere Taten das Vertrauen der Missbrauchten zu Gott kaputtgehen kann. Schlimmeres kann man einem Menschen nicht antun, als die Hoffnung auf sein gutes Leben zu zerstören und so den Weg zur Seligkeit zu versperren. An diesen Taten ist nichts zu entschuldigen. Aber das, was die Leute uns wirklich übelnehmen, ist nach meiner Erfahrung nicht der Missbrauch selber, auch nicht in der Masse der vielen Einzelfälle, sondern das ist der institutionelle Umgang damit. Wenn der Eindruck entsteht, es geht der Kirche gar nicht um die Opfer, sondern darum, dass sie als Institution irgendwie unbeschadet aus der Geschichte herauskommt, dann ist das Vertrauen der Leute weg, und zu Recht. Sie denken: ,Euch geht's nicht um uns - euch geht's nur um euch selber!' Bischof und Bistum geben sich hier große Mühe, um die Kirche neu aufzustellen. Denn es ist klar: Wenn die Gründe für den Vertrauensverlust nicht behoben werden können, dann sind wir hier wirklich am Ende.

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