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Eine Frankfurter Küche für Paris

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Von: Oscar Unger

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Roswitha Väth und Peter Paul Schepp bei der Schrankmontage.
Roswitha Väth und Peter Paul Schepp bei der Schrankmontage. © emg

Schütte, Herd und Bügelbrett. Drei Dinge, die in keiner Frankfurter Küche fehlen dürfen. Vom der österreichischen Architektin Margarete Schütte-Lihotzky (1897 bis 2000) für das Neue Frankfurt erdacht, gilt ihr Ensemble bis heute als Mutter aller Einbauküchen, ist ein Stück Baugeschichte. Und in ihrer konsequenten Funktionalität eine Design-Ikone.

Die Museen dieser Welt

Das wissen auch die Museen dieser Welt. So findet sich die Küchen nicht nur in Frankfurter Ausstellungshäusern, sondern auch im Victoria and Albert Museum in London und dem berühmten Museum of Modern Art (New York). Und seit kurzem auch im Centre Pompidou in Paris.

"Die Franzosen wollten von uns unbedingt ein Exemplar aus dem allerersten Bauabschnitt", sagt Peter Paul Schepp. Bei der Ernst-May-Gesellschaft (emg) ist er nicht nur Schatz- sondern gemeinsam mit der Architektin Roswitha Väth auch Küchenmeister. Denn der Verein, der sich dem Erbe und Schaffen seines Namensgebers verschrieben hat, verfügt auch noch über einen kleinen Fundus ausgemusterter Schränke, Spülen und Schütten. Sie werden von dem handwerklich geschickten Duo ausgebaut und inventarisierst. "Wir wissen nicht, wie viele der einstmals über 10 000 Küchen noch existieren. Aber wir sind für jeden Hinweis dankbar", sagt Schepp. Über 15 Exemplare haben Roswitha Väth und er in den vergangenen fünf Jahren gesichert. Die meisten in einem bemitleidenswerten Zustand.

"Deshalb mussten wir die Küche für Paris auch von einer Restauratorin umfassend aufarbeiten lassen", sagt Schepp. Die Zusammenstellung der Teile und Vorarbeiten übernahm aber das Küchenduo.

Nun steht die Küche mit ihren rund 6,5 Quadratmetern Grundfläche fast eine wenig verloren im 6. Stockwerk des Centre national d'art et de culture Georges-Pompidou. So der offizielle Name des staatlichen Kunstzentrums, das die Franzosen ob seiner Architektur etwas despektierlich auch als La Raffinerie bezeichnen. Eingefasst in einen hellen Holzkubus aber halt doch nicht so schön, wie das Original im Musterhaus der Ernst-May-Gesellschaft, im Burgfeld 136. "Nur bei uns kann man die Küche in situ sehen, wie Kunsthistoriker sagen, also in der Originalumgebung, für die sie geschaffen wurde. Das ist ein ganz anderer Eindruck", sagt Roswitha Väth. Der kommt bei Bauteilen, die Anfang des Jahre an Frankfurts Partnerstadt Tel Aviv gingen, auch ein wenig kurz. Dennoch ist man in der Weißen Stadt begeistert. Ein großzügiges und einzigartiges Geschenk.

Und das Center Pompidou? Das hat für sein Exemplar bezahlt. Über den Preis schweigen beide Seiten. Den Versuch, einen kleinen emg-Aufkleber zu platzieren, wehrten die Franzosen aber entschieden ab. Da kennen sie als Eigentümer der taubengraublauen Küche mit einem Stich ins Grüne keine Zwischentöne.

Noch bis zum 5. September ist die Küche in der Ausstellung "Allemagne/Annees 1920/ nouvelle Objectivite" zu sehen, einer Objektschau über die Neue Sachlichkeit in Deutschland.

Dann reist sie gemeinsam mit einem knallorangefarbenen Schrank und einem Schuster-Stuhl - beides Leihgaben vom Main - weiter nach Dänemark. Wo sie eine Ausstellung im Louisiana Museum of Modern Art, 40 Kilometer nördlich von Kopenhagen gelegen, bereichern. Denn Schütte, Herd und Bügelbrett begeistern die ganze Welt.

Wo die Architektin irrte

Kürzere Wege und weniger Handgriffe um die Effizienz der Arbeit zu verbessern. Das war das Credo von Margarete Schütte-Lihotzky, die für ihre Frankfurter Küche die Mitropa Speisewagen als Vorbild nahm. Und immer dazulernte. Befanden sich die berühmten Schütten (bis zu 18) anfangs in Kniehöhe, wanderten sie nach Elterneinwänden nach oben. Zu leicht seien sie auch von Krabbelkindern zu erreichen. Zudem gab es eine abschließbare Besteckschublade. Standard waren auch das fest an der Wand montierte Bügelbrett und die Schiebeschränke. Nur bei der Höhe der Arbeitsplatte irrte die Architektin, die bis zu ihrem Lebensende - sie verpasste ihren 103. Geburtstag nur knapp - damit kokettierte, dass sie nie gekocht oder Küchenarbeit verrichtet habe. Sie legte 80 Zentimeter fest, davon ausgehend, dass man viel Arbeiten im Sitzen verrichten kann. Heute sind 88 Zentimeter der Standard. (Oscar Unger)

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