Wie aus dem Ei gepellt liegt die Seminarkirche zwischen dem alten und dem neuen Wohnheim an der Balduinstraße.
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Wie aus dem Ei gepellt liegt die Seminarkirche zwischen dem alten und dem neuen Wohnheim an der Balduinstraße.

Sachsenhausen: Einmaliges Bauwerk

Eine Kirche wie ein Ei

  • vonSabine Schramek
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Sankt Georgen bietet perfekte Oster-Architektur

Seit 28 Jahren steht auf dem Gelände der Philosophisch-Theologische Hochschule Sankt Georgen ein Gebäude, das auf den ersten Blick Rätsel aufgibt. Es ist schneeweiß, vollkommen glatt, wirkt rund und man sieht kaum Fenster. Erst bei genauerem Hinsehen oder einem Blick von oben erkennt der Betrachter ein Oval. Die Seminarkirche für das überdiözesane Priesterseminar ist komplett in Eiform gebaut.

Ein Raum der Ruhe

Vom Eingang des Geländes von Sankt Georgen sieht sie aus wie eine Burgummauerung in Weiß mit verglasten Schießscharten, die unten rund um das Gebäude führen. Von oben betrachtet wirkt sie wie ein riesengroßes Blatt, das vom Wind verweht und in einem Ei versteinert wurde. Innen ist sie ein Raum der Ruhe, der wohlige Wärme ausstrahlt und dabei puristisch ist: Die Eierkirche ist nicht nur zu Ostern erstaunlich in ihrer Perfektion. Sie ist der Ort, an dem katholische Priesteramtskandidaten neben ihrem Theologiestudium im Studentenheim ausgebildet werden und Erfahrungen für ihre Berufung sammeln.

Wendelin Köster (82) war als Leiter des bischöflichen Seminars dabei, als der Umbau der Philosophisch-Theologische Hochschule und der Bau der Eierkirche geplant und gebaut wurde. "Zum ehemals reinen eckigen Zickzack der Gebäude sollten Rundungen kommen und gleichzeitig sollten gerade Wege in ihnen entstehen. Das war eine Herausforderung", erinnert sich der Jesuit, der 1969 die Priesterweihe empfing und 1975 das Ordensgelübde ablegte. Er geht den Gang des kerzengeraden Wandelganges des hellen Priesterseminars entlang. Nur von hier gelangt man in den dunklen Übergang zur Kirche.

Dicke Glastüren, hinter denen es finster erscheint mit Edelstahlkreuzen als Griffen. Wer drückt, kommt nicht weiter. Man muss eines der Kreuze anfassen, um eine Türe aufzuziehen.

Ein dunkler gerader Gang, dessen Lapislazuli-blauen glatten Wände und die lila Decke, die wie extremer Rauputz gearbeitet ist, erkennt man zunächst nicht. Die nächste Doppelglastür mit gläsernen Billardkugel großen runden Griffen führen weiter. Das Auge fällt auf Licht. Auf ein gegenüberliegendes Fenster und Helligkeit, die von links kommt. Verschmitzt beobachtet Köster, wie Besucher auf dem dunklen Basaltboden automatisch nach links gehen, drei Stufen hinab. Hoch und hell ist der erste Eindruck des Halbrundes. Tageslicht fließt von oben erst auf glattes Weiß, dann auf eine rauere Struktur, die sienafarben wirkt, aber aus Putz mit einem Hauch Rot besteht.

Woher das Licht kommt, wird erst auf den zweiten Blick klar. Eine fast unsichtbare Glaswand am Rand der Decke sorgt für die Stimmung. "Je nach Wetterlage sind die Lichtspiele beschwingt oder auch leicht depressiv", weiß Köster. Er erklärt, dass der Putz per Hand aufgetragen wurde und wie sanfte Wolken wirken soll. "Rot wurde beigefügt, weil Glas grün färbt." Das Dach der Eierkirche ist plan und leicht schräg, damit Regenwasser ablaufen kann.

Meisterwerk der Brüder

13 Jahre lang hat es gedauert, bis alle Gebäude in Sankt Georgen in die jetzige Form gebracht wurden. Zwei Jahre lang wurde die Eierkirche gebaut. Die Architektenbrüder Ernst und Gottfried Studer aus Zürich haben das Meisterwerk, das bis ins kleinste Detail stimmt, gebaut. Es war eines ihrer letzten Projekte. Sie wurden in den 1970er Jahren international bekannt für ihre ausgefeilten Konzepte bei Kirchen, Schulen und Gewerbegebäuden. "Die Seminarkirche ist wohl auch ihre beste Arbeit", ist Köster überzeugt. Der Altar ist schlicht auf den ersten Blick. Köster lacht. "Es besteht aus Anröchter Dolomit", sagt er wie nebenbei. Ein grünlicher Kalkstein aus der Soester Börde, der 120 Millionen Jahre alt ist, grünlich scheint und winzige Quarze einschließt. Fossilien sind ebenso erhalten, wie die Bohrlöcher, mit denen die Steinblöcke mit Keilen zum Springen gebracht wurden. "Extravaganz total" beschreibt es Köster.

Alt ist auch das lombardische Kruzifix, das aus dem 16 Jahrhundert stammt und bereits in der früheren Kapelle stand. Ebenfalls aus der vorherigen Kapelle ist die weiße Orgel mit silbernen Pfeifen aus dem Jahr 1956, die den Kirchenraum mit seinen luftigen und fast durchsichtigen Gebetsbänken von der Sakristei trennt. Ein paar Schritte weiter, quasi in der Spitze des Eis, findet sich das Tabernakel auf Anröchter Dolomit in dunklem Stahl. Innen ist es mit schwarzem Filz ausgeschlagen, der die goldene Hostienschale besonders hervorhebt.

"Die Schale ist das Einzige aus Gold in der Kirche", so Köster, der 13 Jahre lang in die Ordenszentrale nach Rom berufen wurde und danach wieder nach Sankt Georgen zurückkehrte, dort bis 2014 als Rektor wirkte.

Seither ist er freischaffender Künstler und lebt im Ignatius-Haus des Ordens im Westend. "Eigentlich bin ich längst im Rentenalter", sagt er und lächelt mit funkelnden Augen. "Das machen Jesuiten nicht."

Leichtfüßig verlässt er die Helligkeit der einzigartigen Eierkirche in den dunklen Übergang, bevor er zurück in den freundlichen hellen Wandelgang des Priesterseminars von Sankt Georgen geht.

SABINE SCHRAMEK

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