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Eine Liebeserklärung

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Von: Brigitte Degelmann

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Roland Kaehlbrandt hat vor gut zwei Jahrzehnten sein erstes Buch über die deutsche Sprache veröffentlich. Gestern ist das neue Werk des Sprachwissenschaftlers erschienen.
Roland Kaehlbrandt hat vor gut zwei Jahrzehnten sein erstes Buch über die deutsche Sprache veröffentlich. Gestern ist das neue Werk des Sprachwissenschaftlers erschienen. © Rainer Rüffer

Roland Kaehlbrandt über Vorzüge der deutschen Sprache

Frankfurt -Kritikpunkte an der deutschen Sprache gibt es viele: zu umständlich, zu kompliziert, zu viele Ausnahmen. Das Leben, befand einst der amerikanische Humorist Mark Twain, sei zu kurz, um sich all das anzueignen. Stimmt nicht, hält der Frankfurter Sprachwissenschaftler Roland Kaehlbrandt (68) dagegen: „Die deutsche Sprache ist ein durchaus gut erlernbares, schönes Gut.“ Diese These belegt er mit seinem neuen Buch unter dem Titel „Deutsch - eine Liebeserklärung. Die zehn großen Vorzüge unserer erstaunlichen Sprache“, das am Donnerstag erschienen ist.

Zum Beispiel die geschmeidige Wortbildung. Schließlich, sagt Kaehlbrandt, könne man im Deutschen einfach zwei selbstständige Wörter zu einem Begriff zusammenschweißen. Etwa „Eisen“ und „Bahn“ - Ergebnis: „Eisenbahn“. Neue Begriffe zu formieren, das funktioniere im Deutschen ganz unkompliziert: „Das ist ein großer Vorteil.“ Auch der gelenkige Satzbau ermögliche mit wenig Aufwand einen großen Nuancenreichtum. Denn „gestern Abend habe ich sie am Bahnhof gesehen“ ist zwar genauso korrekt wie „am Bahnhof habe ich sie gestern Abend gesehen“, betont aber unterschiedliche Tatsachen und sorgt somit für mehr Klarheit über die angestrebte Aussage. Kommata und Großschreibung wiederum erleichterten das Lesen komplexer Sätze, erklärt der Sprachwissenschaftler, der bis Ende September als Vorsitzender der Stiftung Polytechnische Gesellschaft fungierte.

Nicht zu vergessen Füllwörter wie „wohl“, „genau“, „freilich“, „etwas“ oder „denn“, die zwar keine semantische Bedeutung haben, aber für feine Abstufungen und freundliche Zwischentöne sorgen. „Wie heißt du denn?“ klinge schließlich viel netter als ein sprödes „wie heißt du?“, sagt Kaehlbrandt: „Wir geben den Sätzen damit eine Tonalität.“ Selbst den gerne vorgebrachten Vorwurf, dass Deutsch viel zu langatmig sei, entkräftet er. Gerade in den vergangenen Jahren hätten sich durchaus witzige Formulierungen entwickelt, die in wenigen Worten viel ausdrückten: „echt jetzt?“, „aber hallo!“, „dein Ernst?“. Eine Lässigkeit, die er schätzt. „Deutsch“, resümiert er, „ist eine alte, aber keineswegs verstaubte Sprache; ihre Flexibilität ist großartig.“

Die Begeisterung, mit der er sich seiner Muttersprache widmet, hängt mit seiner Zeit in Frankreich zusammen. Sechs Jahre lang lebte Kaehlbrandt in Paris, wo er unter anderem die Deutsche Stiftung Maison Heinrich Heine leitete. Wie Franzosen ihre Sprache pflegen und feiern, welch große Bedeutung sie deren Beherrschung beimessen - das habe ihn tief beeindruckt und auch geprägt, sagt er.

Sprache ist ein ständiger Wandel

Irgendwann begann er damit, kleine Sprachbeobachtungen und -kolumnen zu verfassen. Eine Beschäftigung, die vor gut zwei Jahrzehnten in sein erstes Buch „Deutsch für Eliten“ mündete, in dem er amüsant und mit spitzer Feder Wortmüll-Ballons wie „zentraler Eckpfeiler“ oder „intuitive Eingebung“ zerstach.

In weiteren Werken wie dem „Lexikon der schönen Wörter“ und dem „Logbuch Deutsch“ widmete er sich mehr den Ressourcen des Deutschen. Ein Thema, das er in seinem neuen Buch noch vertieft. Darin geht er auch auf den Sprachwandel ein, der zwischen Berlin, Wien und Bern zu beobachten ist. Ständig entstünden neue Wörter - „und trotzdem verstehen wir uns in der deutschen Sprachgemeinschaft; bei aller Vielfalt behält die Sprache ihre Einheit“. Obwohl es, anders als im Französischen, keine staatliche Institution gebe, die ein Auge darauf habe. Schon aus historischen Gründen. Schließlich sei das Deutsche „aus der Mitte der Gesellschaft heraus entstanden und nicht von oben her verfügt worden“, sagt Kaehlbrandt und verweist darauf, dass der Klerus einst hauptsächlich Latein sprach, während im Adel Französisch dominierte. Erst ab der Frühen Neuzeit sei der starke Wille zu beobachten, eine Sprache für alle zu schaffen, die jeder verstehen konnte. „Ein aufklärerischer Impetus, das finde ich sympathisch“, sagt der Wissenschaftler.

Womit er andere Sprachen jedoch keineswegs herabsetzen wolle, betont er: „Jede Sprache hat ihre eigene Weltansicht, die uns das Denken und das Miteinander-Sein ermöglicht. Jede ist ein Faszinosum.“

Das Buch „Deutsch - eine Liebeserklärung“ ist im Piper-Verlag erschienen, umfasst 256 Seiten und kostet 12 Euro. Über sein Buch spricht Roland Kaehlbrandt in den nächsten Wochen bei mehreren Lesungen, unter anderem in Frankfurt: am Dienstag, 18. Oktober, 19 Uhr, im Deutschen Romantikmuseum, Großer Hirschgraben 23-25; am Donnerstag, 20. Oktober, 16 Uhr, bei „Open Books“ im Haus am Dom, Domplatz 3; und am Donnerstag, 10. November, 19.30 Uhr, in der zentralen Stadtbibliothek, Hasengasse 4.

Brigitte Degelmann

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