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Pferdepflege am Griesheimer Mainufer auf Höhe der ehemaligen Fähre: Das Foto aus dem Archiv des Geschichtsvereins Griesheim ist das Juli-Blatt des neuen Kalenders "Griesheim in alten Ansichten 2021", der gerade erschienen ist. Foto: Archiv Geschichtsverein Griesheim

Griesheim: Historie

Eine Reise in die Vergangenheit

  • Holger Vonhof
    vonHolger Vonhof
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Neuer Foto-Kalender des Geschichtsvereins ist jetzt im Stadtteil zu haben

Pferde waren Gebrauchstiere, sie waren bei der Feldarbeit im Einsatz, beim Transport von Waren, zum Antrieb von Maschinen. Dabei schwitzten sie, wurden schmutzig, die Mähnen und Schweife verfilzten - wer sein Pferd nach getaner Arbeit pflegen wollte, kam mit Striegeln allein oft nicht hin. Ab und an musste ein Pferd gewaschen werden. In Nied gab es dafür eine seichte Stelle am Niddaufer, in Höchst, Sindlingen oder Griesheim führte man das Tier an den Main und schöpfte das Wasser mit Eimern. Einen solchen Moment hat der Fotograf festgehalten, der um 1965 eine Pferdewäsche am Griesheimer Mainufer abgelichtet hat: Der Gaul, der an einem Eisenring für Boote festgemacht ist, wird von seinem Besitzer abgeschrubbt, der mehrere Eimer dabei hat. Zwei Buben in abgewetzten Lederhosen, wie sie früher jeder Steppke getragen hat, schauen zu. Dass der eine kein Hemd unter den Lederträgern hat, zeigt, dass es heiß ist: Die Fotografie ist deshalb vom Geschichtsverein Griesheim für den neuen Kalender "Griesheim in alten Ansichten 2021" zum Kalenderblatt für Juli gewählt worden.

So weit die Erinnerung reicht

Der Kalender enthält wieder faszinierende Ansichten aus der Historie des Dorfes, das anno 1928 - wie auch die Stadt Höchst mit ihren Stadtteilen Unterliederbach, Sindlingen und Zeilsheim sowie den Dörfern Nied, Sossenheim, Schwanheim und Fechenheim - zu einem Frankfurter Stadtteil wurde. Die Mitglieder des Griesheimer Geschichtsvereins haben ein paar der schönsten Schätzchen aus ihrem Foto-Archiv zusammengestellt. Es sind meist jüngere Aufnahmen als die, die in den vergangenen Jahren in den Kalender Einzug hielten: Die Interessen der Käufer und ihre eigenen Erinnerungen reichen, so hat man festgestellt, von den späten 1930er bis in die frühen 1960er Jahre, als die Pferdewaschung fotografiert wurde.

Was nach Dezember kommt

Auf eines ist aber Verlass: Das sogenannte "14. Kalenderblatt", also das Blatt hinter dem Titelbild und vor den zwölf Monatsblättern, nimmt den Betrachter wieder mit in die Zeit vor 100 Jahren - mit einem ausführlichen Text, in dem beschrieben wird, was Griesheim 1921 so bewegt hat.

Es waren unruhige und unsichere Zeiten. Der "Griesheimer Anzeiger" gibt den Stadtteilhistorikern Einblicke. Der Krieg war kaum drei Jahre her, es fehlte weiterhin an Nahrung und Kohle. Gleich zu Beginn des Jahres wird der Landrat des Kreises Höchst, zu dem Griesheim gehört, von der Interalliierten Rheinlandkommission ohne Begründung des Amtes enthoben.

Der Griesheimer Geschichtsverein führt aus: "Wenig später steht zwar ein Dementi im ,Anzeiger', aber dieser Vorfall ist exemplarisch. Die Franzosen verbieten Zeitungen und Zeitschriften wie den ,Kladderadatsch' und ,Deutschlands Erneuerung', in denen ,ein die Besatzungsmacht beleidigendes Bild' gezeichnet wird."

Gleichzeitig wird der Bevölkerung untersagt, Wein an die afrikanischen Soldaten in französischen Diensten zu verkaufen.

Die Beliebtheit der Franzosen stieg nicht, als sie alle Fahrräder, Pferde, Maulesel, Automobile und Motorräder erfassen ließen; die Griesheimer mussten dafür auf den Mainwiesen am Stadtweg zwischen Backhausstraße (Am Brennhaus) und Friedrichstraße (August-Bebel-Straße) erscheinen. Im April 1921 wurden zudem Zollkontrollen eingeführt; Züge von Höchst nach Frankfurt mussten in Griesheim halten und selbst die Sendungen im angehängten Paketwagen wurden gefilzt. Die Stimmung, so schreibt der Griesheimer Geschichtsverein, drohte zu kippen.

Aus der Not wurde gestohlen wie selten zuvor: Stallhasen, Hühner, Fahrräder, Werkzeug - alles, was nicht doppelt und dreifach gesichert war, verschwand. Die Preise zogen rasant an. Alles wurde teurer: Gas, Wasser, Bahnfahren. Der US-Dollar stand inzwischen bei 264 Reichsmark (RM); ein Brot kostete 6 RM. Die große Inflation zeichnete sich ab.

Es herrschte Wohnungsmangel und in der Griesheimer Gemeindevertretung diskutierte das sozialistische mit dem bürgerlichen Lager um den Bau der neuen Lindenwaldsiedlung (heute: Foockenstraße).

Die SPD, die im Gemeinderat die Mehrheit hatte, meldete Anspruch auf den Bürgermeisterposten an. Seit dem Dreikaiserjahr 1888 leitete Joseph Wolff die Geschicke der Gemeinde, doch er galt als autoritär und als Relikt der Kaiserzeit. Als der Gemeinderat die Stelle ausschrieb und vorschrieb, sie mit einem Sozialisten zu besetzen, griff der Regierungspräsident ein: Es zähle bei der Ernennung eines Bürgermeisters die Fähigkeit und nicht die Parteizugehörigkeit . . .

Der Kalender kostet 12,50 Euro und ist bei Zeitschriften Grazyna Brauer (Waldschulstraße 5 a), dem Griesheimer Schlüsseldienst Richard Freeman (Alte Falterstraße 23 a), Zeitschriften und Tabakwaren Nuri Aslan (Linkstraße 27) und in "Joannas Glückslädchen" (Jägerallee 23) zu haben. Bestellen kann man ihn - zuzüglich Verpackungs- und Portokosten von 3,50 Euro - per E-Mail unter dennis.blum@geschichtsverein-griesheim.de. Holger Vonhof

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