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Eine Schürze erzählt von Not und Vertreibung

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Von: Brigitte Degelmann

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Der Architekt Raimund Reidl mit seinem Enkel Andreas Eichstaedt im Oktober 1952 in Frankfurt. In Reidls Schicksal und in der Familiengeschichte spielt die Schürze eine große Rolle.
Der Architekt Raimund Reidl mit seinem Enkel Andreas Eichstaedt im Oktober 1952 in Frankfurt. In Reidls Schicksal und in der Familiengeschichte spielt die Schürze eine große Rolle. © privat

Die Geschichte eines nur scheinbar alltäglichen Objekts.

Frankufrt -Auf den ersten Blick wirkt das neue Ausstellungsstück im Historischen Museum Frankfurt recht unspektakulär: eine Haushaltsschürze zur Aufbewahrung von Wäscheklammern, gefertigt aus blauweiß gestreiftem Stoff, an den Seiten sorgfältig mit leuchtendrotem Garn paspeliert. Der Begleittext verrät jedoch, dass in diesem harmlos wirkenden Textil jede Menge Geschichte steckt. Eine Geschichte, die von den Schrecken des Krieges, von Not, Leid und Vertreibung erzählt. Denn der grobe Wollstoff, aus dem die Schürze kurz nach dem Zweiten Weltkrieg geschneidert wurde, war ursprünglich ein Häftlingsanzug, der eine lange Reise hinter sich hatte.

Die Schürze stammt von Andreas Eichstaedt, der viele Jahre lang in Frankfurt politisch gewirkt hat und einst Geschäftsführer der städtischen Saalbau GmbH war. Mit dem Schicksal seines Großvaters Raimund Reidl ist diese Schürze eng verknüpft. Der Architekt, geboren 1893 in Brünn, das damals noch zu Österreich-Ungarn gehörte, hatte schon im Ersten Weltkrieg auf österreichisch-ungarischer Seite kämpfen müssen. Später unterrichtete er als Dozent an der Technischen Hochschule in Brünn. Die Stadt war mittlerweile Teil der Tschechoslowakischen Republik, die 1939 vom Deutschen Reich annektiert wurde. Als 50-Jähriger wurde Reidl 1943 in die Wehrmacht einberufen, an die Ostfront abkommandiert und geriet im März 1945 in sowjetische Gefangenschaft. Durch Unterernährung und Misshandlungen sei er herzkrank geworden und habe sämtliche Zähne verloren, weiß Eichstaedt.

Wegen seines schlechten Gesundheitszustands wurde der Architekt im August 1946 aus der Kriegsgefangenschaft entlassen und kehrte in seine Heimatstadt zurück, die mittlerweile wieder in der Tschechoslowakei lag. Dass seine Ehefrau und die beiden Töchter längst in den Westen geflohen waren, wusste er nicht.

Die Verhaftung des Großvaters

Als er nachts in Brünn ankam, quartierte er sich für eine Nacht in ein Hotel ein, um die Familie nicht zu stören. Sein Verhängnis: Raimund Reidl gehörte - wie viele in Brünn - der deutschen Volksgruppe an, was wiederum die tschechoslowakische Polizei auf den Plan rief. Noch in der ersten Nacht habe sie seinen Großvater verhaftet und schließlich in ein Abschiebelager verfrachtet, erzählt Andreas Eichstaedt.

Zwar waren die "wilden Vertreibungen", bei denen Tausende ums Leben gekommen waren, vorbei. Nun aber wurden Angehörige der deutschen Volksgruppe offiziell abgeschoben, als Vergeltung für die deutsche Besetzung. Das sollte in "ordnungsgemäßer und humaner Weise" erfolgen, wie Eichstaedt in der "Potsdamer Erklärung" nachgelesen hat, auf die sich die USA, Großbritannien und die Sowjetunion im August 1945 geeinigt hatten. Das bedeutete, dass die Vertriebenen mindestens 50 Kilogramm an Hausrat und Bekleidung mitnehmen sollten, schließlich fehlte es auch in der US-amerikanischen Besatzungszone an allem. Falls die Betroffenen zu wenig oder gar nichts hatten, wie im Fall von Raimund Reidl, war die Tschechoslowakei dazu verpflichtet, Gepäck bereitzustellen.

Ein Koffer mit seltsamen Inhalt

So wurde für ihn schließlich ein Koffer vollgestopft, mit eher zweifelhaftem Inhalt. Ein alter österreichischer Tschako, also eine militärische Kopfbedeckung, habe sich darin ebenso befunden wie Unterwäsche, die offenbar von Prostituierten stammte, erzählt Eichstaedt. Und eben jener blauweiße Häftlingsanzug. Mit dieser sonderbaren Habe reiste Raimund Reidl über einige Umwege bis nach Frankfurt-Höchst, wo - wie er zuvor erfahren hatte - seine Familie inzwischen bei Verwandten lebte. Und weil in der kargen Nachkriegszeit alles, was halbwegs brauchbar schien, auch genutzt wurde, fertigte man aus dem gestreiften Wollstoff einfach eine Haushaltsschürze, die man jahrzehntelang verwendet habe, sagt Eichstaedt. Seit Kurzem ist sie nun Teil der Ausstellung "100 x Frankfurt" im Historischen Museum - als Erinnerung an das Schicksal der Vertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg.

Brigitte Degelmann

Andreas Eichstaedt (re.) übergibt Museumsleiter Jan Gerchow die Schürze für die Objektgalerie "100 x Frankfurt".
Andreas Eichstaedt (re.) übergibt Museumsleiter Jan Gerchow die Schürze für die Objektgalerie "100 x Frankfurt". © HMF_Petra_Wel...

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