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Eine Tramfahrt in Frankfurts ÖPNV-Vergangenheit

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Von: Friedrich Reinhardt

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Schimmeldame Censi zieht den 2,5 Tonnen schweren Wagen von 1872. FOTOs: Friedrich Reinhardt
Schimmeldame Censi zieht den 2,5 Tonnen schweren Wagen von 1872. FOTOs: Friedrich Reinhardt © Friedrich Reinhardt

Beim Tag der Verkehrsgeschichte zeigen die VGF und der Verein Historische Straßenbahnen der Stadt Frankfurt die Evolution des ÖPNV während der vergangenen 150 Jahre.

Frankfurt -Ein Ruck, da gleitet die grüne Straßenbahn gleichmäßig über die Schienen im Eckenheimer Depot - gezogen von einem PS mit dem Namen Censi. Beim Tag der Verkehrsgeschichte trottet die 17 Jahre alte Schimmeldame, als würde es sie es langweilen, mit dem Wagen im Schlepptau vorbei an den Gästen, die ihr Handys und Kameras vor die Nase halten. Ein Schaffner greift zur Klingel. Riiiing. Das Signal für Ali Talha Daniel Kaya am hinteren Teil des Wagens. In seiner historischen Schaffnermontur kurbelt er an der Bremse. Der Wagen hält. „Da ist ein Stein auf der Schiene.“ Fuß tritt Stein, die Fahrt geht weiter.

1872 beginnt in Frankfurt die ÖPNV-Revolution

1872 waren solche Pferdewagen die ersten Straßenbahnen auf Frankfurter Straßen. Eine Revolution des Nahverkehrs. In den 1890er Jahren fuhren die Pferdebahnen mit 14 Sitz- und 12 Stehplätzen von der Hauptwache bis Rödelheim, bis Bornheim und den Lokalbahnhof. Pro Wagen ein Pferd, alle drei Stunden wurde es ausgewechselt, erklärt Kaya.

Die Bahnen waren Revolution und Beginn einer Evolution. Die Wagengeschichte der Straßen- und U-Bahnen steht im Depot aufgereiht. Dort der C-Triebwagen von 1919, ein 2,06 Meter schmaler, sandfarbener Kasten, dessen Querbänke nach innen gerichtet sind. Mit dem ebenso schmalen F-Wagen gibt es erstmals gepolsterte Sitze. 1968 kommen die U-Bahnen hinzu. Der erste Wagen, der U1-Triebwagen vom Hersteller Düwag, hatte 64 Sitz- und 162 Stehplätze und wog knapp 30 Tonnen.

„Das kann nicht jedes Pferd“

Der Pferdewagen vom Hersteller Herbrand, den die Schimmeldame Censi zieht, wiegt nur 2,5, mit Fahrgästen 4,5 Tonnen. „Sicher, dass kann nicht jedes Pferd“, sagt Besitzer Rigo Fried. Aber Censi habe alles, was ein Pferd für die Aufgabe braucht. Sie sei stark, „es ist ja nur das Anziehen, wenn der Wagen einmal rollt, ist es nicht so schwer“. Und ganz wichtig: „Censi lässt sich nicht aus der Ruhe bringen.“ Besucher wimmeln um sie herum. Kinder fassen ihr ins Gesicht. „Die juckt nichts“, sagt Fried, „sie steht nur ruhig da wie eine Kuh“.

Was der Tag der Verkehrsgeschichte auch in Erinnerung rief: Die Bahnen werden nicht nur von Schaffnern, Pferden und Strom bewegt, sondern auch von Monteuren, die das Verkehrsnetz am Laufen halten, Monteuren wie Amir Skoric. Er sitzt im 343er Turmwagen von 2015. Neben dem Lenkrad gibt es zig Konsolen mit Knöpfen und Schaltern, über die Skoric tagelang reden könnte, ohne dass ein Laie etwas versteht. Daneben noch ein kleiner Computer. Auch bei den Fahrzeugen für die Instandsetzung läuft die Evolution der Technik weiter.

Wehmut und Faszination beim Frankfurter Tag der Verkehrsgeschichte

Aber Skoric ist Mechaniker, er liebt seinen Job und darum den 161er Turmwagen von 1993 mehr als den neuen Wagen mit seiner ganzen Elektronik - obgleich dessen Hebebühne flexibler ist. „Es ist wie eine alte C-Klasse, die fährt und fährt. Ein modernes Auto dagegen fährt heute keine Million Kilometer mehr.“ Er werde wehmütig werden, wenn der alte 161er bald ausgetauscht wird. Wehmut ist beim Tag der Verkehrsgeschichte der kleine Bruder der Faszination. Denn der Tag zeigt auch, welche Schönheit vergangen ist.

Ali Talha Daniel Kaya vom Verein Historische Straßenbahn der Stadt Frankfurt erklärt den Gästen, wie die Straßenbahnen vor mehr als 100 Jahren funktionierten.
Ali Talha Daniel Kaya vom Verein Historische Straßenbahn der Stadt Frankfurt erklärt den Gästen, wie die Straßenbahnen vor mehr als 100 Jahren funktionierten. © Friedrich Reinhardt
Fahrleitungsmonteur Amir Skoric mag den alten Turmwagen lieber als den neuen.
Fahrleitungsmonteur Amir Skoric mag den alten Turmwagen lieber als den neuen. © Friedrich Reinhardt

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