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Einen Blick in den Wasserturm geworfen

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Von: Gernot Gottwals

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Wohl keiner der Besucher ließ sich die Gelegenheit entgegen, auch einmal ins Innere des Wasserturms zu schauen. Doch dafür hieß es zuvor anstehen. FOTO: rainer rüffer
Wohl keiner der Besucher ließ sich die Gelegenheit entgegen, auch einmal ins Innere des Wasserturms zu schauen. Doch dafür hieß es zuvor anstehen. FOTO: rainer rüffer © rüffer

Nachbarschaftsfest in und um das Wahrzeichen - Auch Verbindung stellt sich vor

Am frühen Abend wird die Schlange vor dem Wasserturm immer länger. "Viele Jahre habe ich hier gewohnt und auf diesem Turm geschaut, nun kann ich ihn mit meiner Familie endlich besichtigen", freut sich Anna Lauer, die gleich mit ihrer neunköpfigen Familie und Verwandtschaft gekommen ist. "Denn irgendwie hat dieses leicht verwunschene Gemäuer meine Fantasie immer beflügelt."

Moeno-Franconia und Tortuga

Wenige Minuten später gewährt Kuwe Fritz vom Projekt "Tortuga Eschersheim Gemeinschaftsgarten am Wasserturm" Einlass sorgt erst einmal für Staunen: Denn im Inneren des Turms grüßen keine Geringeren als die Heiligen Väter der jüngeren Zeitgeschichte mit ihren Wandporträts: Denn hier tagt die Katholische Deutsche Studentenverbindung Moeno-Franconia, zusammen mit Tortuga Gastgeber beim gemeinsamen Nachbarschaftsfest unter dem Motto "Summer Time".

Die Festlichkeiten, zu denen die Partner im Frühling, Sommer und Herbst einladen, kommen dem Wunsch vieler Eschersheimer und der "Bürgerinitiative Wasserturm" entgegen, das Gelände um den Turm und den benachbarten Gemeinschaftsgarten stärker in das Quartier um die Allendorfer Straße einzubinden. "Unser Heimbauverein hat den Turm bis 2027 gepachtet, unsere Türen stehen für gemeinsame Aktionen gerne offen", erklärt Lennart Gärtner, Fuchsmajor der Moeno-Franconia.

"Als Wasserturm wurde das hohe Bauwerk mit dem großen Druckbehälter übrigens nur von 1901 bis 1910 genutzt", erläutert Fritz bei seiner Turmführung. Während weitere Gruppen über steile Leitern die immer enger werdenden Räumlichkeiten erkunden, die die Verbindung in den unteren Stockwerken für kleinere Zusammenkünfte und Partys nutzt, wehen über den Innenhof aromatische Gemüse-, Fleisch- und vor allem intensive Kaffeedüfte aus der Jabana, wie man die traditionelle Kaffeekanne in Eritrea und Äthiopien nennt.

"So eine Kaffeezeremonie kann bei uns bis zu einer Stunde dauern", dämpft ein schmunzelnder älterer Herr allzu ungeduldige Erwartungen. So lange dauert es freilich nicht, doch das ausgiebige Rösten der frischen Bohnen, Wasserkochen, ständige Hin- und Hergießen will Weile haben und bleibt für rastlose Besucher schneller Espresso-Bars wohl ein unergründliches Geheimnis. Ebenso wie die Gewürzmischungen der pikanten Fleisch- und Gemüsesoßen, die die Eritreerinnen Tsehainesh Tesfaldet und Azeb Zemuey zum Fladenbrot Injera servieren.

Viel Ruhe und Zeit braucht auch Boris Bornheim, der sich im Repair Café gerade einen Radiorecorder vorgenommen hat. "Die Lazer-Abtaster sind verdreckt, aber das kriegen wir wieder hin", macht er Judith Picard Mut. Mit feinem Händchen macht sich der frühere technische Koordinator bei Hewlett Packard, der zuvor schon das ein oder andere Fahrrad versorgt hat, ans Werk- und bald darauf spielt tatsächlich wieder die Musik.

Mangold, Kresse und Kohlrabi

Wer gerade mal nicht mit Essen und Trinken beschäftigt ist, vergnügt sich nebenan auf der Kleider-Tauschparty: "Ein paar Kleider aus Polyester habe ich mitgebracht, dafür habe ich ein paar schöne Röcke aus Baumwolle bekommen", freut sich Helena mit ihrer Tochter Florentina (3). Oder lässt sich von Anna Palm durch den Gemeinschaftsgarten Tortuga führen: "Hier bauen wir in mehreren Beeten unter anderem Erdbeeren, Mangold, Kresse und Kohlrabi an und kooperieren über das Projekt Solidarische Landwirtschaft mit dem Birkenhof in Egelsbach", erklärt sie.

Tortuga ist spanisch, leicht auszusprechen und bedeutet Schildkröte - ruhig und langlebig, wie man sich das für den Gemeinschaftsgarten wünscht, der 2018 mit Unterstützung des Transition Network entstanden ist. Wenn hier die Feldfrüchte geerntet und getauscht werden, dann geht es um die Eigenproduktion gesunder Lebensmittel und das gemeinschaftliche soziale Miteinander.

Nach und nach gesellen sich rund um den Wasserturm weitere Mitglieder der Moeno-Franconia mit schwarz-gold-roten Bändern hinzu. Die "Mainfranken" wurden 1955 als katholische Männerverbindung gegründet, zählen derzeit 15 aktive und rund 100 ehemalige Studenten, genannt Alte Herren. "Wir wollen unsere Traditionen vor allem locker und offen leben", sagt Gärtner, während die Gläser beim Anstoßen klirren. Klar, dazu gehören feuchtfröhliche Kneipveranstaltungen ebenso wie gesellige Nachbarschaftsfeste. Und dafür steht das Hoftor am Wasserturm gerne offen. Gernot Gottwals

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