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Einfach mal abhängen

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Von: Michelle Spillner

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Probe eines Unart-Ensembles: Carlotta Laumann versucht verzweifelt, den Fuß in den Gummistiefel zu bekommen, der an der Wäscheleine hängt. Marlena Nebe, Lara Seeger und Laurie Hergenhahn (von links) hängen ab und sind doch gestresst.
Probe eines Unart-Ensembles: Carlotta Laumann versucht verzweifelt, den Fuß in den Gummistiefel zu bekommen, der an der Wäscheleine hängt. Marlena Nebe, Lara Seeger und Laurie Hergenhahn (von links) hängen ab und sind doch gestresst. © Michelle Spillner

Bei "Unart", dem Wettbewerb für multimediale Performances, zeigen Jugendliche, was sie bewegt

Laurie, Carlotta, Marlena und Lara haben eine Wäscheleine durch den Probenraum an der Berger Straße gezogen und vier T-Shirts mit Wäscheklammern daran befestigt. Jetzt schlüpfen sie in die fixierten Shirts und hängen im nächsten Moment selbst an der Leine. Sie beäugen sich, fast argwöhnisch, bis die Erste sich löst, ein neues Kleidungsstück holt, an die Leine pinnt und reinschlüpft. Die anderen machen es ihr nach - immer wieder. Mit jedem Kleidungswechsel sortiert sich ihre Reihung auf der Wäscheleine neu. Dann hängen sie Gummistiefel und Leggins auf und schaffen es aber nicht, hineinzuschlüpfen. Und nach einer Weile sind sie - eine nach der anderen - raus, setzen sich mit in den Zuschauerraum und blicken mit ihrem fiktiven Publikum auf die Szenerie der Anziehsachen, die ohne sie bedeutungslos sind. Man könnte sie abhängen.

Theater gespielt haben Laurie Hergenhahn, Carlotta Laumann, Marlena Nebe und Lara Seeger schon öfter - aber nie gemeinsam. Gemeinhin gibt es Rollen, sie lernen die Texte und füllen die Rollen aus. Aber die eigenen Gedankenwelten und Themen in eine Performance umzusetzen und auf die Bühne bringen zu dürfen, diese Möglichkeit gibt es selten. Aber genau das ist es, was den vier 17-Jährigen so gut an der Initiative "Unart - Jugendwettbewerb für multimediale Performances" der BHF Bank Stiftung gefällt, "dass wir zeigen können, was uns beschäftigt", sagt Laurie Hergenhahn.

Sich klarzumachen, was einen beschäftigt, ist das eine. Das dann auch noch in einer 15-minütigen Performance auf die Bühne zu bringen und die passenden Bilder zu schaffen, die fesselnd erzählen, worum es geht - das ist die Kunst, in doppeltem Wortsinn.

In "Abhängen", so nennen die jungen Damen ihre Darbietung, geht es um die Rolle der Kleidung, darum, wie man sich mit Klamotten ausdrücken kann und muss, wenn man dazugehören will. "Es entstehen Gruppen", macht Marlena klar. Wenn die Kleidung nicht mehr passt, dann passt man auch nicht mehr in die Gruppe, "hängt nicht mehr gemeinsam ab".

In nicht einmal 15 Minuten erzählen die Mädchen ganz ohne Worte noch so viel mehr: Wie anstrengend es ist, unter diesen Bedingungen dazugehören zu wollen, sich immer wieder neu sortieren zu müssen, verschoben zu werden. Wie sehr Kleidung Freiheit und Mittel des Ausdrucks der Individualität ist und wie sehr sie auch fixieren und unbeweglich machen kann. Ausgangspunkt ist der Gedanke "Ich will zur Masse gehören, aber nicht die Masse sein", an den sich Fragen anschließen: "Wie individuell kann man sein, bis man komisch wird? Wie anders, bis man nicht mehr dazugehört?"

Bühnenerfahrung ist für die Teilnahme an dem Projekt keine Voraussetzung, hilft aber. Lauri, Carlotta, Marlena und Lara sowie Paula Skird, die dieses Mal bei der Probe nicht dabei sein kann, sind Darsteller, führen Regie und treffen alle künstlerischen Entscheidungen selbst. Es gibt einen Coach. Ihrer, der Performer Leander Ripchinsky, steht ihnen behutsam beratend zur Seite. Die Jugendlichen genießen ihren unbegrenzten künstlerischen Spielraum. Am Ende der rund vier Monate dauernden Probenarbeit wird nicht die perfekte Darbietung erwartet, sondern mehr eine ästhetische Erfahrung. Die Authentizität der Agierenden und ihrer Themen birgt allein genügend Strahlkraft für berührende Theatermomente.

"Abhängen" ist nur eine von mehreren Performances, die in Frankfurt im Entstehen sind. Drei 14 Jahre alte Mädchen erarbeiten ein Bühnenerlebnis zum Thema "Isolation", drei andere setzen sich unter dem Titel "Romeo oh Romeo" künstlerisch mit der Liebe auseinander, und eine Sechsergruppe wird das Publikum mit Fragen der Wahrnehmung konfrontieren. Das Projekt läuft auch mit Gruppen in Hamburg und Dresden und gipfelt mit einer Auswahl von Ensembles im "Best of Unart", das am 17. Mai im Staatsschauspiel Dresden stattfinden wird.

Alle Gruppen konnten in einem Bewerbungsverfahren die Juroren des Schauspiels Frankfurt, des Thalia Theaters Hamburg und des Staatsschauspiels Dresden von ihrer Idee überzeugen. In kurzen Filmen stellten die Jugendlichen ihre Idee und ihre Motivation dar.

Motiviert sind Laurie, Carlotta, Marlena und Lara, sonst würden sie sich nicht ein bis zwei Mal in der Woche und an einem sonnigen Samstag zu Proben treffen und Ideen spinnen. Die Ausdrucksformen sind unbegrenzt: Texte, Hip Hop, Musik, Tanz, Dialoge, Gesang, Filme, Poetry-Slam-Formate, Projektionen... . "Mal schauen, vielleicht arbeiten wir noch mit Geräuschen oder mit eingesprochenen Texten", überlegen die Mädchen. Wie die fertige Performance schließlich aussehen wird, kann man - gemeinsam mit den anderen Frankfurter Unart-Produktionen - am Mittwoch und Donnerstag, 23. und 24. März, jeweils 20 Uhr in den Kammerspielen des Frankfurter Schauspiels sehen.

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