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Die ?Einhausung?, die den Kopf der Vibrationsramme auf einem Teil ihres Arbeitswegs verdeckt, ist unscheinbar, halbiert aber den Lärm.

Riederwaldtunnel

Einhausung soll die Tunnelbaumaschine leiser machen

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Weniger laut als bei den Proberammungen vor fast fünf Jahren soll der Bau der Grube für den Riederwaldtunnel werden, verspricht Hessen Mobil. Gestern führte die Straßenbehörde des Landes Bürgern die dazu eingesetzten Maschinen vor.

Die orangefarbenen Warnwesten und Helme sind Pflicht auf der Baustelle neben dem Gleisdreieck Erlenbruch. Das gilt auch für die rund 50 Besucher, die Jürgen Semmler, der Leiter des Dezernats Riederwaldtunnel der Landesverkehrsbehörde Hessen Mobil, über die Baustelle führt. Um „den Bürgern zu ermöglichen, persönlich den Baulärm vor und hinter der Lärmschutzwand sowie die auftretenden Erschütterungen wahrzunehmen“, so die Einladung. Genau darüber wird seit Jahren heiß diskutiert.

Zunächst erklärt Bauleiter Kai Eglinger von der Wayss & Freytag Ingenieurbau AG, dass hier ein Teil des „Deckels“, also der Decke des künftigen Riederwaldtunnels, entsteht: Ein vier Meter dickes, hohles Bauwerk, durch den Versorgungsleitungen über den Tunnel geführt werden. Dazu entsteht eine Baugrube – und um aus ihr das Wasser herauszuhalten, wird eine Spundwand aus Stahlplatten zwölf Meter in die Erde versenkt. Auch baut die Firma 15 „Primärstützen“ unter die Leitungsbrücke, die 25 Meter tief hinabreichen – bis auf den künftigen Boden des Autobahntunnels.

Später erklärt Kai Pies vom gleichnamigen Ingenieurbüro, wie detailliert er den Baulärm misst, hier, am Erlenbruch und an der Pestalozzischule. Derweil geht 50 Meter weiter die Arbeit weiter: Dort steht die Vibrationsramme, eine fast 20 Meter hohe Maschine auf Raupenketten. Ein großer silberner Kasten, der an Seilen am Haken eines Autokrans hängt, umgibt den hohen Arm der Maschine. Drei Männer halten ihn mit langen Seilen in Position. Ein leises Geräusch ist zu hören, ähnlich den Motoren der Frachtschiffe auf dem Main.

Es wird lauter, der große blaue Kopf der Ramme taucht unten aus der „Einhausung“ auf, wie besagter silberner Kasten heißt. Letztere sei ein Prototyp, wird Eglinger später erklären, innen versehen mit demselben Material wie eine Schallschutzwand. Zehn Dezibel leiser werde es so, wird Pies erklären – was den Lärm gefühlt halbiere. Der Kopf der Maschine ist inzwischen aus der Einhausung heraus. Bald übertönt die Maschine die nahe Straße. Eine Dame unterbricht Pies: „Entschuldigung, wir hören nichts mehr. Könnten Sie warten, bis der Baulärm vorbei ist?“

Pies spricht weiter. Die Autos, Flugzeuge, der ganze Umgebungslärm müsse aus den Messungen herausgerechnet werden. Denn jede Schallquelle, Autos, Flieger, Gespräche, selbst Freizeitsport, müsse laut Gesetz separat bewertet werden, der eigentliche Baulärm mit komplizierten Formeln herausgerechnet werden. Ungläubig schütteln einige Besucher den Kopf. „Aber wir erleben das doch alles zusammen, das potenziert sich doch“, widerspricht eine Dame. Pies zuckt mit den Schultern, nickt verständnisvoll. „Sie haben Recht. Aber so sind die gesetzlichen Vorgaben.“

Erst am nächsten Morgen erhalte Hessen Mobil die Lärmmessdaten, den „Bewertungspegel“ des Vortags. Bislang, sagt Pies, lägen die Messungen deutlich unter den zulässigen Grenzwerten. Auch an der Pestalozzischule, wo er mit 55 dB noch niedriger sei als am Erlenbruch. Und wenn es zu laut sei? Dann werde gehandelt, sagt Semmler und rasselt eine lange Liste möglicher Maßnahmen herunter – bis hin zum vorübergehenden Baustopp.

Beim Besuch der Baustelle mag mancher an die Proberammungen vom Herbst 2013 denken. Hessen Mobil testete verschiedene Verfahren zum Einbringen der Spundwände für die Tunnelbaugrube. Bis zu 90 Dezibel war es laut, Anwohner gingen auf die Barrikaden. Seitdem ist der Schutz vor Baulärm das Top-Thema, das immer wieder hochkocht – auch weil Hessen Mobil noch immer nicht sagen kann, wie sie an der Pestalozzischule die Grenzwerte eingehalten können.

Jürgen Semmler führt die Besucher zur Vibrationsramme. Um den Lärm, wie er sagt, direkt zu erleben. Dann geht es hinter die acht Meter hohe, silberne Schallschutzwand. „Unglaublich, wie schön ruhig es hier ist“, sagt Mathias Hellig zu seiner Frau Christiane. Daheim am Esstisch haben sie das auch schon anders erlebt, erst vorgestern beim Abendessen. Trotz der Wand: Vor allem die Vibrationen seien dort, am Engelsplatz, zu spüren.

„Wir haben aus den Proberammungen gelernt“, betont Semmler: Weil die Proberammungen so laut waren, habe man andere Verfahren geändert, setzt nun die Vibrationsramme ein, samt Schallschutzwänden und „Einhausung“ des Kopfes der Ramme. „Und beim Bau der Grube für den eigentlichen Tunnel werden die Spundwände eingepresst.“

Nun geht es hinüber zum Haus Am Erlenbruch 80, wo der Baulärm drei Meter vor dem Haus gemessen wird, in neun Metern Höhe. Der Autolärm ist deutlich lauter als die Baustelle, noch lauter ist nur das Flugzeug, das über die Köpfe der Gruppe hinwegzieht. Doch in einer kurzen Pause, die Ampeln sind wohl rot, dringt das Dröhnen der Ramme hinüber, wird lauter. Langsam setzt es sich im Kopf fest, nicht laut, aber doch irgendwie störend wie ein dumpfer Kopfschmerz – um mit dem ersten vorbeifahrenden Auto wieder zu verschwinden.

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