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„Einige unserer Besucher haben geweint“

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Von: Friedrich Reinhardt

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Sabine Lauer, Kulturmanagerin beim Fechenheimer Kunstverein PolymerFM, vor einem Bild der jüngsten Ausstellung, die nur noch bis Sonntag zu sehen ist. FOTO: enrico sauda
Sabine Lauer, Kulturmanagerin beim Fechenheimer Kunstverein PolymerFM, vor einem Bild der jüngsten Ausstellung, die nur noch bis Sonntag zu sehen ist. © Enrico Sauda

Umbau der Totenhalle zu einem Kulturpavillon wird gut angenommen - Die Initiatorin erinnert sich

Auf dem Fechenheimer Friedhof ist die kleine Totenhalle zum Kunstpavillon geworden. Initiiert hatte das Sabine Lauer, Kulturmanagerin beim Fechenheimer Kunstverein Polymer FM, der dafür nun mit dem Bürgerpreis der Stadt Frankfurt ausgezeichnet wurde. Mit Redakteur Friedrich Reinhardt sprach Lauer über das Wagnis, den Friedhof zu einem Veranstaltungsort zu machen.

Frau Lauer, als Sie mit der Arbeit begonnen haben, die alte Totenhalle auf dem Fechenheimer Friedhof zu einem Kulturpavillon zu machen, wussten Sie da, dass das gelingen wird? Dass nicht doch irgendjemandes Trauergefühl gestört wird?

Die Bedenken wegen der Pietät gab es bei uns im Verein, auch das Grünflächenamt, das für Friedhöfe verantwortlich ist, hat danach gefragt. Das habe ich in meinem Konzept allerdings berücksichtigt.

Wie genau?

Es ist gut, die Menschen sehr früh einzubinden. Noch während das Konzept entsteht, sollte man darüber sprechen, ob sich andere das auch vorstellen können. Und es ist wichtig, die Gegebenheiten vor Ort mit einzubeziehen. Ein Beispiel: Die beiden Freiflächen vor dem Pavillon, die wir für Konzerte nutzen können, waren nie mit Gräbern belegt. Sonst würde ich dort auch keine Musik spielen lassen. Auch kommt es darauf an, was für Veranstaltungen man auf dem Friedhof organisiert.

Was geht Ihrer Meinung nach und was geht nicht?

Erotische Akt-Malerei würde ich im Kulturpavillon nicht zeigen. Und wollten wir dort ein Rock-Konzert veranstalten, müssten wir ganz feinfühlig sein. Es könnten allenfalls Balladen gespielt werden. Wenn überhaupt. Wahrscheinlich nicht einmal die. Die Künstler müssen wissen, wo sie auftreten, und es gibt Regeln zu beachten. Dazu gehört das leise Reden. Oder dass wir nicht an Tagen öffnen, an denen eine Beerdigung stattfindet.

Sie haben sich in Ausstellungen auch mit dem Umgang mit dem Tod und mit verstorbenen Fechenheimern auseinandergesetzt. Wie haben die Besucher reagiert?

In der ersten Personen-Ausstellung hatten wir uns mit Heinz Hauser auseinandergesetzt. Von ihm gibt es ein Gedicht, das beschreibt, wie die Toten die Bäume nähren. Viele fanden das Gedicht ungemein tröstlich. Andere Werke von Hauser sind dem Tod mit einem Schmunzeln begegnet.

Kunst und die Auseinandersetzung mit einem Verstorbenen kann den Trauerprozess unterstützen. Wie macht die Kunst das?

In der Ausstellung um den Tod habe ich den Trauerprozess mit Texten und Kunstwerken thematisiert und dem Raum einen sakralen Charakter verliehen. Durch diese Stimmung konnte man sich auf das Thema einlassen. Einige unserer Besucher haben geweint. Es wurde manchmal sehr emotional. Ein Besucher meinte, er könne nun endlich mit seinem Abschied abschließen. Wenn ein Hinterbliebener die Dinge eines Verstorbenen aufräumt, sortiert und aussortiert, kommt er dem Verstorbenen noch einmal sehr nahe. Das war auch bei der Auseinandersetzung mit Heinz Hauser so. Noch einmal die Texte zu lesen, die er geschrieben hat, war für die Familie eine andere Form der Trauer. Auch Menschen aus dem Stadtteil haben Hauser durch seine Texte neu kennengelernt. Dass er Denker, Dichter, Philosoph war, das haben viele nicht gewusst, weil er das nicht nach außen getragen hatte.

Noch mal zur Eingangsfrage: War Ihnen klar, dass der Pavillon derart positiv aufgenommen wird?

Ich habe 16 Jahre lang in Thüringen auf einem Friedhof Kunst gemacht, wir haben dort auch Theater gespielt. Würde ich auf dem Fechenheimer Friedhof Kunst zeigen, die mit großem Namen daherkommt, aber nicht im Stadtteil verankert ist, dann würden es die Fechenheimer ganz anders aufnehmen. Aber dass die kritischen Stimmen so leise waren, hat mich auch überrascht.

Woran liegt das? Was denken Sie?

Ich glaube, das hängt auch mit dem Gebäude zusammen. Es hat eine ungemein positive Ausstrahlung. Wenn Menschen den Spätbiedermeier-Bau sehen, mögen sie ihn. Viele haben sich gefreut, dass einfach das Gebäude erhalten wird. Hätten wir sämtliche Wände in dem Häuschen abgeschlagen oder die Fassade neu verputzt, dann hätte es einen Teil seines Charmes verloren.

Sie haben angestoßen, dass das Gebäude ein wenig renoviert wird.

Insgesamt sind in das Gebäude 32 000 Euro geflossen. Davon haben wir 21 000 Euro beigesteuert. Dafür haben wir Geld gesammelt bei Stiftungen, Unternehmen und Privatpersonen, auch der Ortsbeirat hat das Projekt unterstützt.

Was bedeutet es für Polymer FM, dass der Verein den Bürgerpreis der Stadt Frankfurt für den Kulturpavillon erhalten hat?

Es ist eine Anerkennung, die zeigt, dass wir in der Stadt wahrgenommen werden. Wir sind der östlichste Stadtteil, wir sind näher an Offenbach als am Römer. Der Preis zeigt, dass Fechenheim wahrgenommen wird. Und mit dem Kulturpavillon haben wir etwas, das es in der ganzen Stadt sonst nicht gibt.

Aktuelle Ausstellung

Noch bis zum Sonntag, 16. Oktober, ist die Ausstellung „In Memoriam - In Gedenken an ... über den Tod hinaus“ zu sehen, Öffnungszeiten: Samstag und Sonntag von 15 bis 18 Uhr.

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