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Für Jens (rechts) war es ein guter Start in den Tag. Kutten-Paule, der Jens Meißner heißt, gibt ihm eine Tüte mit Lebensmitteln. Eintracht-Fans hatten die Aktion an der Hauptwache organisiert. Damit wollen sie Menschen, die auf der Straße leben helfen und auch den Ruf von Fußball-Fans etwas aufpolieren.

Eintracht-Fans helfen Obdachlosen

Eintracht-Fans zeigen Herz: Aktion für Obdachlose an der Hauptwache

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Das Leben auf der Straße ist nicht leicht – vor allem nicht, wenn es bitterkalt ist, wie zurzeit. Eintracht-Fans wollten mit ihrer Aktion an der Hauptwache zeigen, dass jemand an die Obdachlosen denkt.

Vier Pullis trägt Jens übereinander. So friere er nicht. Der heiße Kaffee, den er in den Händen hält und mit kleinen Schlucken trinkt wärme ihn zusätzlich von innen, sagt er. Sein Körper ist mittlerweile vieles gewohnt. Auch Temperaturen von 8 Grad minus, wie am Wochenende in Frankfurt. Als Obdachloser im Winter muss man sich eben schnell an die Temperaturen anpassen, Strategien gegen das Auskühlen entwickeln und immer wissen, wo man zur Not Hilfe bekommt.

Am vergangenen Samstag gibt es die an der Hauptwache. Der kleine Eintracht-Fanclub „Soccer Kutten Friends Frankfurt“ (SKFF) und befreundete Vereine schenken warme Getränke und Suppen an Menschen aus, die die Nacht auf der Straße verbracht haben. Wie Jens sind die meisten dick eingepackt. Es ist 8.30 Uhr. Die Stimmung ist gut. Es wird zwar nicht viel geredet, aber dafür viel gelächelt.

Die meisten bewegen sich langsam: Die Kälte hemmt das Geschehen. Nach und nach kommen die Hilfesuchenden an den improvisierten Stand. Die meisten steigen aus der B-Ebene hoch. Dort haben viele die Nacht verbracht. Ein Zugeständnis der Stadt, die die Obdachlosen hier im Winter schlafen lässt. Kältetote will keiner.

Auch Jens fand hier Unterschlupf. Er hat nur einen Sommerschlafsack und hätte es draußen wohl nicht ausgehalten, wie er erzählt. Doch deprimiert wirkt er angesichts der Lage nicht. Für ihn ist das ein guter Start in den Tag. Kaffee und ein belegtes Brötchen bekommt er sonst nicht gleich nach dem Aufstehen. Und am Wochenende ist es besonders schwierig, an Essen zu kommen, wie er sagt.

Doch was tun er und Gleichgesinnte bei der Kälte? „In Bewegung bleiben“, meint einer verschmitzt, der lieber anonym bleiben möchte. Zudem müsse man immer wissen, wo man etwas zu essen bekäme, ergänzt Jens. Die Bahnhofsmission stünde heute auch noch auf ihrem Plan.

Dass es für Jens ein guter Morgen ist, hat auch mit der Art der Fußballfans zu tun, die hier Essen verteilen. „Wir werden nicht von oben herab behandelt“, meint der Leipziger. Seit einer Woche hält er sich in der Mainmetropole auf und hofft auf eine neue Chance. Er will sein Leben in den Griff bekommen. Zuhause ist er bei dem gleichen Versuch gerade schmerzlich gescheitert. Aus der Obdachlosigkeit hatte er es in Leipzig schon heraus geschafft und mit Hilfe von anderen eine Wohnung bezogen. Doch der neue Lebensabschnitt währte nicht lange. Wegen seiner Alkohol- und Spielsucht landete er, wieder auf der Straße. Hilfe suchen Zuhause, wollte er nicht. „Ich wollte mir die Blöße nicht geben“, gesteht der 54-Jährige.

Mit den Konflikten, die jemand auf der Straße ausstehen muss, kennt sich auch Jens Meißner aus. Er wird Kutten-Paule genannt, ist Chef des SKFF und Initiator der Aktion. „Mein Motto ist: Vergiss nie, wo du herkommst“, sagt der 42-Jährige. Ein Dreivierteljahr habe er auf der Straße gelebt. Das sei ein Abstieg in einer Woche gewesen, sagt er trocken. Zunächst habe er den Führerschein, dann den Job und zum Schluss die Freundin verloren: „Dann musste ich raus und wusste nicht wohin.“ Dass er nicht länger obdachlos blieb, hatte Meißner einem Bekannten zu verdanken. Der ließ ihn erst in seinem Wohnwagen schlafen und dann bei sich arbeiten. Lang ist das her. Mittlerweile arbeitet Meißner als Lkw-Fahrer und hat sich hier in Frankfurt ein neues Leben aufgebaut.

Weil er anderen bei genau dem auch helfen will, hat er sich vor drei Jahren diese Aktion ausgedacht, mit der er Obdachlosen helfen möchte. Unterstützung hat er heute von rund 20 Helfen und den Johannitern, die wenn nötig,

Wunden versorgen

, den Kreislauf checken oder Erste Hilfe leisten.

Da es derzeit so kalt ist, hat „Kutten-Paule“ neben dem Essen auch Decken, ein paar Schlafsäcke, Fleecepullis und Schuhe für die Obdachlosen besorgt. Das Essen und die Sachen kommen von Sponsoren. Zwei Mal im Jahr machen die SKFF das für die Obdachlosen. Damit wollen sie auch einen Beitrag leisten, um auf die Situation von Menschen aufmerksam zu machen, die auf der Straße leben – am Main sind das derzeit schätzungsweise 5000 Menschen. Die SKFFler wollen aber auch den Ruf der Eintracht-Fans verbessern.

Mit ihrer Aktion am Samstag haben sie sich sicher auch Freunde bei der Polizei gemacht. Beamte waren nämlich dienstlich an der Hauptwache im Einsatz, wo eine Demonstration stattfand. Damit sie nicht hungern mussten, verteilten Kutten-Paule und seine Unterstützer Äpfel, die übrig geblieben waren an sie.

Jens und einige seiner Leidensgenossen zogen zufrieden von dannen. Jens hat einen neuen Schlafsack im Gepäck und ist so noch besser gewappnet für die kommenden Wochen.

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