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Die Stimmung war super bei den SGE-Fans.

Europa League Halbfinale

So erlebten Eintracht und Chelsea-Fans das legendäre Spiel in Frankfurt

So erleben Eintracht Frankfurt und Chelsea London Fans das legendäre Halbfinale in Frankfurt. Das Protokoll eines Abends. 

20.55 Uhr: Das New Backstage in der Rothschildallee, das jeder nur „Backstage“ nennt, ist rappelvoll – selbst Stehplätze sind in der Kultkneipe Mangelware. Dicht gedrängt sitzen die Eintracht-Fans zwischen roten Wänden und leuchtendem runden Neon-Eintracht-Adler. Ruhig wird diskutiert: „2:1“, „das packen die nie“, „doch, wir schaffen das“, „schau mer mal“. Etwa ein Drittel sind Frauen, viele mit schwarz-roten oder schwarz-weißen Schals. „Wenn man nicht im Stadion ist, muss man im Backstage sein“, sagt Ramon (53). „Hier gibt’s alles. Fußball, Schnitzel, Rock’n’Roll.“ 

Chelsea: Der Irish Pub O’Reilly’s am Hauptbahnhof ist voll

Er muss es wissen, war er doch Mitgründer der Band „Bornheim Bombs“, die den gleichnamigen Song fürs Backstage schrieb. Der Irish Pub O’Reilly’s am Hauptbahnhof ist voll. Eintracht-Fans haben sich einen der vorderen Tische vor dem riesigen Bildschirm gesichert, umgeben von Chelsea-Fans – „Feindesland“? Ach was, winkt ein älterer Engländer ab: Käme ein Fan des Londoner Erzrivalen Arsenal her, würde es ungemütlich. Aber Eintracht-Fan zu sein, zumal in der eigenen Stadt, „das ist okay“. Zum Anpfiff stimmen die Chelsea-Fans ihre Auswärts-Hymne an. „Carefree, carefree“, dröhnt es kurz durch den Pub. „Sorgenfrei“ heißt das, also: Wir haben keine Angst vor Euch!

21.09 Uhr, Backstage: „Weiter, weiter, jawoll“, erklingt es aufmunternd. Die Zuschauer sind voll konzentriert, manche beißen die Zähne zusammen. „Ahhh“, raunt es, „oh ja, ohhh, sch...“ – gefolgt von verhaltenem Szenenapplaus. 

21.15 Uhr, O’Reilly’s: Schnell wird ein Kulturunterschied klar: Die Eintracht-Fans, die auch hier in der Mehrheit sind, und einige Engländer folgen gebannt dem Spiel. Doch viele Chelsea-Fans stehen einfach rum, ein Bier in der Hand, und unterhalten sich: Erklingt ein „Ahhh“ oder Ohh“, widmen sie sich kurz dem Spiel, dann quatschen sie weiter. 

SGE: Erzürnte Schreie mit aufgerissenen Auge

21.19 Uhr, Backstage: Böses Foul an Rode, die Eintracht-Fans sind sauer, reißen die Hände hoch, schlagen sie über den Köpfen zusammen. Erzürnte Schreie mit aufgerissenen Augen: „Nur auf’m Knochen, eyyyy!“ 

21.23 Uhr, Backstage: Ein Vulkan bricht aus. „Jaaa!“ tönt es langanhaltend durch die Kneipe: Die Eintracht führt. Arme schnellen in die Höhe, geballte Fäuste, lachen, jubeln. „Wie geil!“ Frauen fallen einander um den Hals. Sekunden später haben fast alle Männer ihre Handys in der Hand, chatten und starren dabei auf die Übertragung. 

21.23 Uhr, O’Reilly’s: Auch hier wird laut gejubelt, aber doch verhaltener. Ein paar jüngere Eintracht Fans lachen, „Wahnsinn“, „ein geiles Tor“. Die Engländer schütteln den Kopf, wenden sich ab. 

21.38 Uhr, Backstage: Schrille Schreie, mitfiebernd: Die Eintracht startet einen Entlastungsangriff. „Ja, weiter, ahh, nein, huuuu, Blödmann“, schallt es durch den Raum. Frauen drücken ihre Schals vor das Gesicht, beißen in die Plastik-Wolle. Verschränkte Arme, Nägel knabbern, eine Frau kratzt nervös ihren Nagellack ab. 

21.45 Uhr, O’Reilly’s: Die Gespräche sind verstummt, die Spannung ist im ganzen Pub zu spüren: Chelsea macht mächtig Druck. Nur kurz werden Spielszenen kommentiert, dann geht der Blick zurück zum Bildschirm. Willian trabt zur Ecke, schießt. Hälse recken sich, einige Chelsea-Fans hopsen bei jedem Ballkontakt ihrer Spieler im Eintracht-Strafraum aufgeregt hoch. Dann ist der Ball im Netz. Es wird laut, sehr laut sogar. Die Engländer springen, schreien, einige rempeln ihre Nachbarn an, andere breiten schreiend die Arme aus: Extase pur! 

21.45 Uhr, Backstage: Ein einziger enttäuschter Schrei, der in kollektives Stöhnen übergeht: Ausgleich. Arme werden erst über Köpfen zusammengeschlagen, bevor die geballten Fäuste in den Hosentaschen verschwinden. Kopfschütteln, stöhnen. Dann ist Halbzeit. 

Eintracht- und Chelsea-Fans wollen an die frische Luft

21.50 Uhr, O’Reilly’s: Erst fünf Minuten nach dem Halbzeitpfiff ebbt das dröhnende „Carefree, carefree“ der stimmgewaltigen Chelsea-Fans ab. Langsam leert sich jetzt die Kneipe, Eintracht- und Chelsea-Fans wollen an die frische Luft. 

21.51 Uhr, Backstage: „Das geht 2:1 aus“, „die gewinnen noch. Wart mal ab“, orakeln die Eintracht-Fans. „Wir geben jetzt alles, wir schaffen das“, ruft ein Mann und boxt einer Puppe in Radlerkleidung im Hof an die Schulter. 

22.03 Uhr, Backstage: Das Spiel geht weiter. Frisch gestärkt singen einige Fans, andere chatten am Handy mit Kumpels. 

22.15 Uhr O’Reilly’s: Das Spiel plätschert vor sich hin. Zwei Engländer, offenbar beide auf Montage in Deutschland, stoßen an der Bar an und reden lieber über ihre Jobs als aufs Spiel zu achten. Hasebe hat Chelseas Willian gefoult und dafür Gelb gesehen. „Frankfurt spielt schmutzig“, schimpft ein Chelsea-Fan kopfschüttelnd auf dem Weg zur Bar. „Rode ist ein Kampfschwein“, meint hingegen ein Eintracht-Fan anerkennend. 

22.28 Uhr, Backtage: Die Rufe sind weniger geworden, die Blicke werden hoffnungsloser. Ein Mann wendet sich ab, dreht sich mit frustriertem Blick eine Zigarette. „Das wird nix mehr“, sagt er und gähnt. W 22.30 Uhr, O’Reilly’s: „Er hat ihn gehalten, oder? Trapp war noch dran?“, fragt ein Engländer aufgeregt und hofft auf eine Ecke – die Chelsea auch bekommt. 

Europa-League-Halbfinale: Die Stimmung kippt jetzt im Sekundentakt

22.33 Uhr, Backstage: Die Stimmung kippt jetzt im Sekundentakt: „Jetzt spielt doch weiter.“ „Diese blöden Diskussionen bringen doch nix“, „Unsere Jungs sind so geil drauf“, „Oh neiiin!“ 

22.40 Uhr, O’Reilly’s: Ein Blick durchs Fenster zeigt: Der Pub ist umstellt. Draußen ist Bereitschaftspolizei aufmarschiert. Noch schauen die Beamten aber entspannt auf die Bildschirme im Innern. 

22.45 Uhr, Backstage: Arme gehen hoch, die 90 Minuten sind um. „Yeah, alles ist gut“, ruft ein Eintracht-Fan, andere klatschen und jubeln. Bis klar ist, das fünf Minuten nachgespielt wird. 

22.52 Uhr, Backstage: Noch zehn Sekunden. Alle halten den Atem an. Abpfiff, jetzt ist Schluss. Die Gesichter sind neutral, die Fans erschöpft. Nur langsam löst sich die Anspannung der Fans. Ramon ist zufrieden. „Was unsere Jungs da leisten, ist sensationell. Das 1:1 ist mehr als verdient. Ein 1:0 wäre mehr als ein Traum gewesen. Jetzt geht’s zum Rückspiel.“ 

22.52 Uhr, O’Reilly’s: Das Spiel ist aus, enttäuscht-entspannte Gesichter auf allen Seiten. Ein Engländer gibt einem neben ihm stehenden Eintracht-Fan wortlos die Hand, sie umarmen sich, klopfen einander auf die Schulter. „Wir Engländer sind gerne in Deutschland zum Fußballschauen. Wir sind uns ja durchaus ähnlich.“

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