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Ihr Auto haben die Stadtpolizisten geparkt. Dort gab es eine Überraschung für den Obdachlosen.

Medien aus der ganzen Republik berichten

Eisenbahn-Reiner: Stadt rudert zurück

Ganz Deutschland blickt nach Frankfurt und auf Eisenbahn-Reiner. Stadtpolizisten hatten die Spielzeugeisenbahn des Obdachlosen konfisziert. Die Ordnungshüter um ihren Dienstherrn, Ordnungsdezernent Markus Frank, sind nun das Gespött der Nation. Doch jetzt will das Amt offenbar einlenken.

Nervös hampelt Eisenbahn-Reiner von einem Bein aufs andere. Immer wieder zieht er dabei hektisch an einer seiner geliebten Zigarillo. Der Stress der vergangenen Tage ist nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Er wirkt angestrengt, sieht müde aus. Quasi über Nacht ist der 45 Jahre alte Obdachlose zum Medienstar geworden. Reporter reißen sich darum, ihn interviewen zu dürfen – Süddeutsche Zeitung, Deutsche Presse Agentur, Hessischer Rundfunk, RTL und auch diese Zeitung befragten ihn m Mittwoch. Für Donnerstag hat sich SAT 1 angekündigt.

Der Hype um seine Person ist dem unscheinbaren kleinen Mann mit Baseballkappe und Vollbart aber unangenehm. „Ich bin froh, wenn der Rummel vorbei ist und ich meine Eisenbahn wieder habe“, sagt er. Denn kaum eine ruhige Minute bleibt ihm. Ständig wird er von Passanten angesprochen. Die meisten würden quatschen, ohne zu wissen, was Sache sei. Einige klopfen ihm aber auch aufmunternd auf die Schulter und stecken ihm Kleingeld vor seinem Stammplatz in der Liebfrauenstraße zu.

Etwa zwei Mal zwei Meter misst das verbleibende Reich von Reiner Schaad, wie Eisenbahn-Reiner mit vollem Namen heißt. Es war schon mal größer, aber dann haben Stadtpolizisten am vergangenen Donnerstag Reiners Eisenbahn und weitere Spielsachen beschlagnahmt. Weil er keine Sondernutzungserlaubnis vorweisen konnte. Die Spielsachen breitete der Obdachlose schon seit sechs Jahren in der Liebfrauenstraße aus in der Hoffnung auf milde Gaben. Zwar hatte die Ordnungshüter ihn mehrmals darauf hingewiesen, dass er zu viel Platz in Anspruch nehme und mit Konsequenzen gedroht. Doch nun war das Ein und Alles von Schaad plötzlich futsch.

Egon Ernst (62), ein guter bekannten von Eisenbahn-Reiner, hatte daraufhin die seiner Meinung nach bodenlose Ungerechtigkeit auf Facebook gepostet. Daraufhin war ein Sturm der Entrüstung in den sozialen Netzwerken losgetreten worden. Von fehlendem Fingerspitzengefühl war die Rede oder es gebe genug in Frankfurt zu tun, was Aufmerksamkeit verdient hätte, als dieser eine arme Mann. Behördenwillkür wurde angeprangert, und es bildeten sich Gruppen, die die Sondernutzungserlaubnis für Schaad bezahlen wollen. Peter Postleb, ehemaliger Leiter der Stabsstelle Sauberes Frankfurt, sprach davon, dass der Vorgang hart an Rechtsbeugung grenze.

Für Medien aus der ganzen Republik war das Verhalten der Stadtpolizisten ein gefundenes Fressen. Und die Stadt Frankfurt wurde zum Gespött. Bettlerbanden aus Osteuropa lasse man gewähren, aber unbescholtene Menschen wie Eisenbahn-Reiner, der niemandem etwas Böses wolle, würden schikaniert.

Die Sprecherin des strengen Ordnungsdezernenten Markus Frank (CDU), Andrea Brandl, verteidigt das Vorgehen der Stadtpolizisten. Man habe viele Beschwerden bekommen und könne nicht in gute und schlechte Bettler einteilen, sondern müsse auf die Einhaltung der Vorschriften achten. Wenn sich einer über das normale Maß im öffentlichen Raum ausbreite, müsse er einen Antrag auf Sondernutzung beim Amt für Straßenbau- und Erschließung stellen.

Für dieses Amt ist Verkehrsdezernent Klaus Oesterling (SPD) zuständig. „Sollte Eisenbahn-Rainer einen Antrag stellen, würde seine Behörde den Antrag wohlwollend prüfen“, versichert Oesterling. Gleichzeitig kritisiert er das Vorgehen des Ordnungsdezernenten: Bei der Beschlagnahmung sei der Grundsatz der Verhältnismäßigkeit nicht eingehalten worden „und auch nicht der Grundsatz des menschlichen Miteinanders“. Er forderte, „Reiner die Spielsachen zurückzugeben.“

Nach so viel Kritik von allen Seiten hat Frank gestern Nachmittag dann die Reißleine gezogen. Stadtpolizisten baten Schaad am frühen Nachmittag, sie zur Kleinmarkthalle zu begleiten. „Ich habe schon einen Schock bekommen, was die von mir wollen“, sagt er. Aber gutmütig wie er ist, ging er mit. Dort angekommen, händigten die Ordnungshüter ihm seine Spielsachen aus und erklärten ihm, er solle seine Spielsachen künftig dort aufbauen.

Frank spricht von einem Kompromiss, bis Schaad eine Sondernutzungserlaubnis erhalten hat. Denn das Gelände vor der Halle sei Eigentum der HFM Managementgesellschaft für Hafen und Markt mbH und somit keine öffentliche Fläche. Er als Hafendezernent erteile Schaad die Erlaubnis, seine Spielsachen vor der Kleinmarkthalle aufzubauen. Davon hält Eisenbahn-Reiner allerdings nicht viel. „Was soll ich vor der Kleinmarkthalle, in der Liebfrauenstraße habe ich Stammkunden“, sagte er achselzuckend.

Sogar Oberbürgermeister Peter Feldmann (SPD) schaltete sich noch ein. Eisenbahn-Reiner müsse seine Spielsachen zurückbekommen, forderte er, ohne zu wissen, dass Oesterling und Frank schon verhandelt hatten.

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