Comic

Das Ende der russischen Zarenfamilie als Graphic Novel

In „IKON“ schildert Simon Schwartz die bizarre Geschichte um die Zarentochter Anastasia. Auf seiner Lesereise stellt der Erfurter Comiczeichner sein neuestes Werk heute Abend im Frankfurter „Orange Peel“ vor.

Der Regen fällt schwer an dem Februartag im Jahr 1920, als eine junge Fabrikarbeiterin sich im Berliner Landwehrkanal das Leben nehmen will. Ein Schutzmann rettet sie; als Selbstmörderin wird sie in die Nervenheilanstalt Dalldorf eingeliefert. Dort wird die junge Frau das erste Mal als Anastasia Romanowa, Tochter des ermordeten Zaren Nikolaus II., identifiziert. Erst mehr als 70 Jahre später widerlegt eine Überprüfung des Erbguts der mittlerweile Verstorbenen zweifelsfrei jegliche familiäre Verbindung mit der Zarenfamilie; eine Verbindung, über die deutsche Boulevardblätter ebenso wie „Der Spiegel“ noch in den 50er Jahren ausführlich spekulierten. Simon Schwartz hingegen zeigt in „IKON“, seiner Fassung der Geschichte in Form einer Graphic Novel, früh, dass die Zarentochter und die Arbeiterin nicht identisch sind, dass aber der Glaube an das Überleben der jungen Großherzogin Anastasia für alle Beteiligten eine Bedeutung hat, die mit der Wahrheit nur bedingt etwas zu tun hat.

Da sind die Journalisten, die 1920 wie auch 1956 mit der Schlagzeile von der Prinzessin, die das Massaker an ihrer Familie überlebt hat, ihre Zeitungen besser verkaufen; da ist die Cousine der Prinzessin, die mit der vermeintlichen Anastasia in der New Yorker High Society um Aufmerksamkeit heischt; und da ist der Esoteriker Gleb Botkin, der

Sohn des Leibarztes

der Zarenfamilie, der selbst dem Massaker entging und im Glauben an das Überleben seiner Jugendfreundin einen neuen Lebenssinn findet.

Botkin ist die eigentliche Hauptfigur des Comics, zuerst ein schüchterner junger Mann, Sohn eines dominanten Vaters, der seine scheue Verehrung für die junge Großherzogin Anastasia in Zeichnungen für sie und ihre Geschwister zum Ausdruck bringt, der später im amerikanischen Exil als Illustrator arbeitet und die neuheidnische „Kirche der Aphrodite“ gründet. Als der selbsternannte Aphrodite-Priester der angeblichen Anastasia in New York begegnet, weiß der Leser bereits, wie die griechische Liebesgöttin in Botkins angeblicher Vision aussah: Sie gleicht Anastasia bis auf die Perlenkette. Ob er die Identität der falschen Prinzessin wider besseres Wissen bestätigt oder von der eigenen Sehnsucht nach Anastasia geblendet wird, hält der Comic seinen Lesern vor, doch von nun an ist Botkin der falschen Anastasia verfallen. Sie ist das Sinnbild einer verlorenen Epoche, sie wird zur lebenden Ikone. Ob Original oder Fälschung, ist dabei einerlei.

Simon Schwartz zeichnet in seinen Comics außergewöhnliche Lebenswege nach. In seinem Debüt „drüben!“ (2009) schildert er die Flucht seiner Eltern aus der DDR, in „Packeis“ (2012) das Leben des lange Zeit totgeschwiegenen schwarzen Entdeckers des Nordpols. „Vita Obscura“ (2014) ist gleich eine ganze Sammlung ausgefallener Biografien. Für „Das Parlament“, eine Ausstellung im Deutschen Bundestag im Auftrag von Ex-Bundestagspräsident Norbert Lammert, stellte Schwartz das Leben von 20 Parlamentariern zwischen 1848 und 1933 in Comicform dar. Als Historiker versteht er sich trotzdem nicht. „Meine Comics erzählen historische Stoffe, aber ich schreibe keine Geschichtsbücher. Eine Geschichte muss einen erzählerischen Mehrwert für die Gegenwart haben, die reine Zugänglichkeit des Stoffes reicht nicht aus.“

Daher verweigert Schwartz seinen Figuren eine historische Wortwahl, ihre Sprache ist zeitlos-modern, zugänglich. Einen alten Sprachduktus zu imitieren komme ihm prätentiös vor, erklärt er. „Die Erzählung ist subjektiv, die Zeichnung ist es ebenfalls, da muss ich keine vermeintliche historische Sprache übernehmen.“

Mit schwarzem Buntstift und Tusche verleiht er „IKON“ die harten Kontraste, die bisweilen an die Ästhetik des Expressionismus erinnern, der zur Zeit der Geschichte die deutschen Kinos eroberte. Die Filmplakate im Comic legen Zeugnis davon ab. Doch bisweilen wird die reale Historie auch den Anforderungen der Fiktion unterworfen, die Figur Gleb Botkin verschmilzt im Comic mit dem historischen John Eacott Manahan, einem Freund des realen Botkin, der die falsche Prinzessin am Ende ihres Lebens heiratete, um für sie sorgen zu können, als Botkins Gesundheit schwand. Ein zusätzlicher Charakter ist hier unnötig, die Erzählung ist sorgsam komponiert. Schwartz arrangiert den Wechsel der Zeitebenen minutiös, springt von der Ära der Zarenfamilie ins Berlin der Weimarer Republik, in die Republik Adenauers und wieder zurück.

Das Wechselspiel der Zeiten wird immer wieder unterbrochen von Erläuterungen zur Kunst und Geschichte russisch-orthodoxer Ikonen, zu ihrer Bedeutung und Tradition, und zum Verständnis, das in der Verehrung der Ikone nicht das Bild, sondern die durch das Bild repräsentierte Wahrheit verehrt wird. Diese Erklärungen erfährt der junge Gleb in einem russischen Kloster, kurz nach seiner Flucht aus der Gewalt der Mörder der Zarenfamilie. Wie ein roter Faden ziehen sie sich durch den Comic, doch auch hierbei ist Simon Schwartz nur scheinbar vorrangig ein Vermittler historischer Fakten. Vielmehr liefert der Künstler den Schlüssel zur erzählten Geschichte: Der Gegenstand der Verehrung verweist auf die tiefere Wahrheit. Ob Prinzessin oder nicht, spielt keine Rolle. Der Glaube ist entscheidend.

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