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Das Alter der Bäume lässt sich über ihren Umfang errechnen.

Mehr Schutz für Enkheims Eichen

Enkheim: 350 Jahre alte Bäume sind noch keine Naturdenkmale

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Welche Naturschätze in Frankfurts Stadtwald stehen, wissen viele Frankfurter gar nicht. 51 alte Eichen hat Dr. Olaf Kaltenborn kartiert. Er schlägt vor, sie zum Schutz zu Naturdenkmalen zu erklären.

Alte Bäume haben es Dr. Olaf Kaltenborn angetan. Seit Juni ist der Journalist im Wald von Enkheim auf der Suche nach alten Eichen. 51 stattliche Exemplare mit einem Stammumfang von mindestens drei Metern haben er und sein Sohn Alexander (9) seit Juni identifiziert. „Das ist doch etwas ganz Besonderes“, sagt Kaltenborn. „Die Bäume sind mindestens 250 Jahre alt.“ Und er wundert sich, dass sie nicht längst als Naturdenkmale ausgewiesen sind.

Auf dem Weg zu seinem Lieblingsbaum kommt Kaltenborn am Gelände der Germania Enkheim vorbei. „Alex kickt dort“, sagt er und fügt an: „Hier diese Platane, ein Allerweltsbaum, ist höchstens 60 Jahre alt.“ Dennoch trägt sie in der Höhe von gut zwei Metern eine kleine Metallmarke mit einer Zahl. „Die alten Eichen haben nicht einmal eine solche Nummer.“

Manche der mächtigen Bäume stehen unweit des Nachtigallwegs, südöstlich des Riedteichs, andere am Dammweg, am Gänseweiher, am Wagenweg, am Schwarzen Weg und an der Berger Warte. Die Waldwege sind in keiner Straßenkarte verzeichnet. Kaltenborn, Sprecher der Goethe-Universität, hat jedoch die GPS-Koordinaten der wichtigsten Bäume in einem    eingegeben. „Wir wollten, dass auch andere Menschen die Chance haben, die Bäume zu finden und sich an ihnen zu erfreuen.“

Seit Juni sind Kaltenborn und sein Sohn dabei, den Wald zu inventarisieren. „Wir fahren hier Fahrrad, gehen Joggen, haben auch schon Hüttchen gebaut“, sagt der verheiratete Vater zweier Söhne. In einem Brief an den zuständigen Ortsbeirat 16 schrieb er: „Weil ich wissen wollte, wie alt die Bäume wirklich sind, habe ich zusammen mit meinem Sohn Alexander ein Public Science-Projekt gestartet mit dem Titel ,Enkheimer Alteichen‘. Nach intensiver Einarbeitung in forstwirtschaftliche Literatur zur Altersbestimmung von Bäumen sind wir seit Juni 2016 an mehreren Wochenenden – ausgestattet mit Karten, Messinstrumenten, Taschenrechner und Kartierungslisten – in den Wald gegangen und haben Bäume vermessen.“

Die dickste der 51 Eichen, die die beiden bis jetzt gefunden haben, steht tief im Wald. Vom Weg aus ist sie jedoch leicht zu sehen. Kaltenborn holt ein Maßband aus der Tasche: „Jetzt messen wir mal.“ Auf 4,46 Meter Umfang bringt es der Stamm in Brusthöhe. „Bei einem Umrechnungsfaktor von 0,8 ergibt das ein Alter von mehr als 350 Jahren“, sagt er. Der Umrechnungsfaktor, erläutert Kaltenborn, ergibt sich aus der Baumart, den Standortbedingungen – sandiger Boden, wasserreich – und richtet sich auch danach, ob der Baum ein Solitär ist oder ein Waldbaum. „Solitäre wachsen doppelt so schnell.“ Hier jedoch, im Enkheimer Ried entlang des Riedgraben, des alten Mainbetts, war immer Wald. Das sagen die Quellen. „Viel wurde nach dem siebenjährigen Krieg in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts aufgeforstet. Aber dieser Baum“ – er deutet auf die Eiche – „muss damals schon gestanden haben.“ Er keimte kurz nach dem 30-jährigen Krieg und hat alle durchziehenden Heere seitdem überlebt – Soldaten, die Feuerholz schlugen oder Baumaterial für Festungen. „Man muss die alten Bäume doch als Naturdenkmale ausweisen!“, fordert Kaltenborn.

Dr. Tina Baumann, Leiterin des Forstamts, versichert: „Wir wissen, was da für tolle Bäume stehen.“ Nicht jeder alte Baum werde als Denkmal ausgewiesen, aber sie werden natürlich besonders geschützt. Soll heißen, sie werden in der Regel nicht gefällt, mit Sicherheit nicht, wenn sie als Habitat für Tiere gelten können, weil sie zum Beispiel Höhlen haben.

Beim Umweltamt der Stadt, als Untere Naturschutzbehörde für die Ausweisung von Naturdenkmalen zuständig, versichert der Leiter Peter Dommermuth: „Wir sind gerade dabei, das Thema Naturdenkmale etwas genauer ins Auge zu fassen. Wir sind dankbar, wenn die Bürger uns informieren.“ Den Antrag, einen Baum dergestalt zu schützen – oder auch ein Ensemble oder ein Gebiet – kann Dommermuth zufolge jeder stellen. „Wir prüfen es dann“, so Dommermuth.

Dirk Bönsel vom Senckenberg-Institut ist vom Wert der Bäume überzeugt: „Es gibt ähnlich alte Eichen meines Wissens nur noch im Schwanheimer Wald.“ Sein Kollege Andreas Malten weiß: „Etwa 1000 Tierarten leben auf und von Eichen. Rund die Hälfte davon ist auf die Eiche spezialisiert, was sich schon häufig im Namen ausdrückt, wie Eichen-Heldbock, Eichen-Gallwespe, Eichen-Prozessionspinner, Blauer Eichen-Zipfelfalter.“ Und nicht zu vergessen Eichhörnchen, Eichelhäher, Eichenschrecke, die jedoch nicht auf die Eiche angewiesen sind.

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