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Die Schublade stand randvoll mit Wasser, noch immer mistet Norbert Sammer seinen Keller aus.

Aufräumarbeiten laufen, nicht alle Keller sind trocken

Enkheim nach dem großen Regen

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Auch zehn Tage nachdem durch einen Jahrhundertregen mehr als 300 Keller vollliefen, sind viele Enkheimer noch mit den Folgen beschäftigt.

Wenn Helene Welker an den 18. Juni zurückdenkt, steigen der Rentnerin die Tränen in die Augen. Allein an jenem Sonntag fielen in Enkheim 68 Millimeter Regen, so viel wie sonst im Monatsdurchschnitt. Keller liefen voll, mehr als 300 Einsätze hatten THW und Feuerwehr im Stadtteil. „Bis 21 Uhr war die Feuerwehr im Einsatz, wir haben danach noch Tage lang geputzt.“ Nachbarn halfen zum Glück mit. „In der Not stehen die Menschen Gott sei Dank noch zusammen.“ Die Türen schleifen, vergammelte Holzregale durch solche aus Metall ersetzen, nasse Schränke müffeln vor sich hin.

Bei Petra Schaper floss das Wasser durch den Garten direkt ins Wohnzimmer im Tiefparterre. Mit Sandsäcken verbarrikadierte sie die Türen – vergeblich. Noch immer laufen die Entfeuchter. Im Hof liegen Schläuche für den nächsten Regen bereit, drei Pumpen hat sie gekauft.

Bei Norbert Sammer drückte das Wasser ein Rücksperrventil am Kanal einfach raus, „die kleinen Splinte hielten dem Druck nicht stand“. Heizung und Trockner überlebten auf Stelzen. „Schubladen liefen voll, viele Möbel musste ich wegwerfen, eingelagerte Kleidung ist nun total muffig.“ Nachbarn erzählen, dass bereits trockene Wände am nächsten Tag wieder nass sind. Auch bei Roland Seger, letzter Leiter der Wasserwerke des unabhängigen Bergen-Enkheim, stand Wasser im Keller: Vor der Kellertür ist nun ein tiefes Loch, aus dem eine Pumpe rund um die Uhr Wasser fördert, um es vom Keller fern zu halten.

So schlimm sei es noch nie gewesen, sagen viele Enkheimer. Ihrem Ärger Luft machten mehr als 100 von ihnen in der vergangenen Ortsbeiratssitzung, in der die Stadt ein geohydrologisches Gutachten präsentierte. Eigentlich, um zu erläutern, wie es im Baugebiet „Leuchte“ weitergeht, wo wegen des hohen Grundwasserstandes die Erschließung (siehe Infokasten) stockt. Doch die Meisten interessierte mehr, was jene erwartet, die hier schon lange wohnen.

Seit 1951, bevor es den 2011 stillgelegten Brunnen im Enkheimer Ried gab, stieg der Grundwasserspiegel um etwa zwei Meter, erläutert Dirk Brehm vom Büro für Geohydrologie und Umweltinformationssysteme in Bielefeld. Dabei habe das Wasserwerk den Grundwasserspiegel 20 bis 60 Zentimeter, punktuell um 80 Zentimeter abgesenkt. „Nach der Stilllegung ist das Wasser entsprechend wieder gestiegen.“ Das klinge nicht nach viel, „aber bei starkem Regen kann das Wasser einen weiteren halben Meter höher stehen.“ Am 20. Juni, zwei Tage nach dem Jahrhundertregen, habe es im Baugebiet Leuchte nur knapp unter der Oberfläche gestanden.

Der gestiegene Grundwasserspiegel könne nicht die alleinige Ursache für volle Keller sein, sagt Seger. „Würde die Stadt ein großes Rückhaltebecken bauen, wäre das Problem gelöst.“ Und die Brunnen hätte man „nie stilllegen dürfen“.

Die Kanalisation sei gar nicht dafür gedacht, das ganze Regenwasser aufzunehmen, sagt Holger Krier vom Stadtentwässerungsamt. „Dafür müssten die Kanäle so groß sein, dass sie gar nicht unter die Straßen passen.“ Die Kanalisation leite primär das Schmutzwasser der Häuser zum Klärwerk in Niederrad – und das Regenwasser sei hundert Mal so viel wie das Schmutzwasser. Bei heftigen Regen, wie er alle drei bis fünf Jahre vorkomme, staue sich das Wasser „planvoll“ in den Kanälen, erklärt Krier. Falle mehr Regen, sei vorgesehen, dass die Straßen voll laufen. Reiche das nicht, fließe es auf die angrenzenden Grundstücke. „Für einen Jahrhundertregen wie diesen kann die Stadt einfach nicht vorsorgen.“ Das sei viel zu aufwendig und teuer.

Doch das könne keine Lösung sein, so Michael Reiß, CDU-Fraktionsvorsitzender im Ortsbeirat. Vor gut zehn Jahren, als viele Keller voll liefen, vertrat er einige Enkheimer vor Gericht. „Die meisten Häuser stammen aus den 1960er Jahren. Wasserdichte Keller gibt es aber erst in den 1970er Jahren.“ Enkheims Häuser hätten meist ein Streifenfundament. „Und zwischen den Streifen dringt das Wasser durch.“ Ein Erklärung dafür, dass bei vielen Enkheimern zwar die Rückschlagventile am Kanal hielten, stattdessen aber das Wasser buchstäblich durch die Wände in die Keller lief.

Der Schutz der Häuser sei eine Sache der Eigentümer, so Krier. Ganz aus der Verantwortung ziehen will sich die Stadt aber nicht, sagt Verkehrsdezernent Stefan Majer (Grüne). „Deshalb haben wir auch erste Ideen gesammelt für ein künftiges Grundwassermanagement.“ Doch bis diese geprüft und in ein Konzept eingearbeitet sind, dürfte noch viel Wasser durch Enkheim fließen.

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