Die Schüler der IGS West präsentierten kurze Sketche.	Fotos: Holger Menzel
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Die Schüler der IGS West präsentierten kurze Sketche. Fotos: Holger Menzel

Kulturprojekt „Tusch“

Vom Entdecken des Wir-Gefühls

  • VonThorben Pehlemann
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Das Kulturprojekt „Tusch“ bringt seit acht Jahren Frankfurter Schulen und Theater zusammen, braucht für eine erfolgreiche Zukunft aber mehr Geld. Beim Plenum im Schultheater-Studio der Ernst-Reuter-Schule gewährte man erste Einblicke in diesjährige Aufführungen.

Ein sprechender, magischer Baum, der weiß, wo es große Abenteuer zu erleben gibt, aber nicht, wer die Playstation erfunden hat. Ein dunkelhäutiges Mädchen, das sich für den forschen Jugend-Slang ihrer hellhäutigen Freundin mit den Worten „Sie ist erst seit elf Jahren in Deutschland“ entschuldigt. Dazu ein gutes Dutzend Kinder, die sich nicht auf Alter, Geschlecht, Größe, Haarfarbe oder Herkunft reduzieren lassen. Die Fünftklässler der Integrierten Gesamtschule (IGS) West zeigten gestern auf der Bühne des Schultheater-Studios der Ernst-Reuter-Schule, wie selbstbewusst, phantasievoll und ironisch man schon als Theaterknirps sein kann, wenn die Kreativität nur von Theaterprofis in die richtigen Bahnen gelenkt wird.

Neugierde wecken

Genau darum geht es nämlich dem Kulturprojekt „Tusch“: Schüler und Theatermacher zusammenzubringen. „Neugierde auf das Fremde und andere wecken und Dinge machen, die man sonst nicht im Schulalltag mitbekommt“, so beschreibt Projektleiterin Gundula van den Berg den Sinn von „Tusch“: „Schüler setzen sich mit verschiedenen Figuren auseinander und erlernen mit Künstlern Teamfähigkeit, Kreativität und ein Bewusstsein für Ästhetik.“ Jede Kooperation – in diesem Jahr sind es 16 Schulen und Theater – ist auf drei Jahre angelegt; viele davon bleiben darüber hinaus bestehen.

Ein „Familientreffen“

Joachim Reiss, Leiter des Schultheater-Studios, übertrieb daher offenbar nicht, als er das gestrige „Tusch“-Plenum, zu dem Schüler, Eltern, Theatermacher, Lehrer und Sponsoren kamen, als „Familientreffen“ bezeichnete. Das Plenum dient alljährlich zum Austausch über Sinn und Unsinn von Theater, künstlerischen und pädagogischen Positionen und natürlich einem ersten Einblick in aktuelle Aufführungen, die heuer das Thema Diversität behandeln: „Vielfalt in der Theaterarbeit an Schulen – Wer ist Wir?“. Was die Fünftklässler der IGS West unter Anleitung der „Theaterassoziation_grenzART“ in wilden und witzigen Szenen begannen, setzten danach Schüler der beruflichen Gutenbergschule fort: Sie zeigten einen Ausschnitt aus dem „Projekt Defekt“, das sie mit der Bockenheimer Theaterperipherie erarbeiteten und das die Schule als eine Art Fließbandproduktion für Konformität, Desinteresse und negative Gefühlswelten darstellt.

Zu guter Letzt präsentierten auch vier Schauspieler der Theaterperipherie eine Szene aus dem Stück „Kamelions“: Vier junge Männer spielten da erheiternde Gespräche über den Wunsch beruflicher Selbstverwirklichung und familiären Drucks in Richtung Medizinstudium, die so oder so ähnlich wohl in jedem Kulturkreis vorkommen, was wiederum das Thema Diversität ansprach. „Identität besteht aus vielen Aspekten, kulturelle und nationale Herkunft sind nur Teile davon“, sagte Gundula van den Berg. Die Auseinandersetzung mit „Herkunft, Ankunft, Zukunft“ und „Transkulturalität“ solle die Selbstreflexion der Schüler befördern. „Ohne dass Dinge anders sind, wäre Theater nicht möglich. Dann wäre alles gleich“, meinte van den Berg, die sich indes eine Änderung ihrer Anerkennung wünscht – und zwar finanzieller Art. Da die vom Land Hessen abgestellte Lehrerin die zeitaufwendige Projektleitung seit acht Jahren als „One-Woman-Show“ betreibe und seit Januar schon wieder 80 unbezahlte Überstunden anhäufe, brauche es für weitere Nachhaltigkeit auch eine bessere Verhältnismäßigkeit: „Wenn das Projekt so erfolgreich weiterlaufen soll, muss jetzt was passieren“, sagte sie in Richtung des Hessischen Kultusministeriums, das „Tusch“ mit dem Hessischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst, dem Frankfurter Kultur- und dem Stadtschulamt sowie der Dr. Marschner Stiftung finanziert. Joachim Reiss sieht das Projekt deswegen sogar gefährdet: „Es geht nicht, dass das Kultusministerium das Projekt nicht im richtigen Umfang unterstützt.“

(peh)

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