Uniklinik Frankfurt

Epilepsiezentrum gegründet

  • Thomas J. Schmidt
    vonThomas J. Schmidt
    schließen

Jeder dritte Epileptiker wird durch Medikamente nicht anfallfrei. Patienten können sich jetzt in ein eigens für sie gegründetes Zentrum überweisen lassen, das erst zweite dieser Art in Hessen. Dort ist Hilfe möglich.

Peter Tchaikovsky, Napoleon Bonaparte, Thomas Alpha Edison und Leonardo da Vinci litten an Epilepsie, auch Fjodor M. Dostojewski und DJ Ötzi – und doch ist Epilepsie eine oft verschwiegene Krankheit. Denn viele Patienten leiden massiv unter den Einschränkungen, die die Hirnerkrankung ihnen auferlegt. In ganz Hessen soll es 36 000 Epileptiker geben. Rund 12 000 von ihnen werden durch Medikamente nicht frei von Anfällen. Um ihnen besser helfen zu können, hat die Uniklinik ein Epilepsiezentrum gegründet. Patienten können sich ab sofort unter der Rufnummer (069) 63 01 85 0 65 beraten lassen.

Prof. Felix Rosenow leitet das neue Zentrum. Er hatte das Epilepsiezentrum in Marburg aufgebaut und geleitet, ehe er sich nach Frankfurt abwerben ließ und mehrere Mitarbeiter mitnahm. „Die Arbeit in Marburg geht aber weiter“, versichert er. Zuletzt wurden in Marburg rund 2500 Patienten pro Jahr untersucht. Es war bis vor kurzem das einzige Epilepsiezentrum in Hessen.

Die Ärzte werden in Frankfurt in wenigen Wochen beginnen, fächerübergreifend zusammenzuarbeiten: Prof. Volker Seifert bringt die Kompetenz der Neurochirurgen ein, Prof. Helmuth Steinmetz die der Neurologen, Prof. Friedhelm E. Zanella diejenige der Neuroradiologen an der Uniklinik. Für die Kinder- und Jugendmedizin ist Prof. Matthias Kieslich am neuen Epilepsiezentrum beteiligt.

„Jeder Patient in Südhessen, bei dem die Medikamente nicht wirken, sollte bei uns vorgestellt werden“, sagt Rosenow. Denn mit modernen bildgebenden Verfahren des Gehirns können Schäden entdeckt werden, die, glaubt Neuroradiologe Zanella, „in neun von zehn Arztpraxen übersehen werden.“ Ist eine solche Schadstelle im Gehirn entdeckt, können die Chirurgen sie entfernen. Das bringt etwa in der Hälfte der Fälle völlige Befreiung von der Epilepsie. Bei vielen der anderen Patienten bringt die Operation zumindest eine Erleichterung, so dass die Medikamente reduziert werden können. Epilepsie-Medikamente haben viele Nebenwirkungen, können bei schwangeren Frauen den Fötus schädigen.

In Frankfurt sollen im neuen Epilepsiezentrum bis zu 5000 Patienten pro Jahr untersucht werden können. Die Behandlung beginnt bei Beratungsgesprächen, geht über die Diagnose bis hin zum chirurgischen Eingriff. Sechs Betten sollen bis Juli eingerichtet werden. Das erscheint nicht viel.

Doch die Patienten, die hier aufgenommen werden, haben ein aufwendiges Monitoring vor sich. Den Kopf beklebt mit Sensoren, warten sie tagelang auf einen Anfall. Wenn er kommt, wird die Quelle aufgezeichnet. Ist es die eine einzelne Stelle im Gehirn, dann kann eine Operation helfen.

In Frankfurt sollen Patienten jedes Alters behandelt werden. „Viele Kinder leiden an Epilepsie, die sie oft ein Leben lang begleitet und beeinträchtigt“, sagt Prof. Matthias Kieslich, der Leiter des Schwerpunktes Neurologie in der Klinik für Kinder- und Jugendmedizin. „Wenn sie aus dem Jugendalter heraus sind, können wir nichts mehr für sie tun.“ Das ist im Epilepsiezentrum anders.

Prof. Helmuth Steinmetz fürchtet, dass mit dem demographischen Wandel auch neurologische Erkrankungen zunehmen werden. Alzheimer, Schlaganfälle und eben auch Epilepsie. An ihr erkranken viele Patienten erst im höheren Alter. Der Bedarf an Epilepsiezentren wächst.

Bundesweit leiden etwa 600 000 Patienten an Epilepsie. Das Zentrum in Frankfurt wird deshalb auch Patienten aus Bayern und Rheinland-Pfalz aufnehmen. Dort und auch im nahen Saarland gibt es gar kein solches Zentrum, in Baden-Württemberg gleich sieben. Fachgesellschaften für Epilepsie halten ein Zentrum für je zwei Millionen Einwohner für sinnvoll.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare