Steinige Spurensuche: Harald Pinhack beim Ortstermin zwischen dem 1913 erbauten Amtsgericht und den Neubauten, die nach dem Abriss des alten Gefängnisses 2015/2016 hier als Konversionsprojekt errichtet wurden. foto: maik reuss
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Steinige Spurensuche: Harald Pinhack beim Ortstermin zwischen dem 1913 erbauten Amtsgericht und den Neubauten, die nach dem Abriss des alten Gefängnisses 2015/2016 hier als Konversionsprojekt errichtet wurden.

Höchst: Dunkle Geschichte

Er will das Rätsel um den Knast knacken

  • Michael Forst
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HÖCHST Stadtteilhistoriker forscht über das alte Gefängnis während der Nazizeit

Niemand hat behauptet, es würde leicht werden. Aber mit der Forschung über die ehemalige Höchster Justizvollzugsanstalt mit Schwerpunkt auf der nationalsozialistischen Zeit zwischen 1933 und 1945 hat sich Stadtteilhistoriker Harald Pinhack selber eine Nuss besonders harten Kalibers zum Knacken gegeben. Denn die Recherche gestaltet sich zäh, die Dokumente und Unterlagen sind rar gesät, wie der 57-Jährige Hobby-Geschichtsforscher beim Ortstermin berichtet.

Denn nicht genug, dass von dem ehemaligen, 1911 erbauten Höchster Gefängnis an der Gerlachstraße / Hospitalstraße nichts mehr zu sehen ist: Auf der Fläche stehen nur noch das Amtsgericht und neun Häuser mit über 100 Eigentumswohnungen, die auf den Ruinen des im März 2011 geschlossenen und später dann abgerissenen Gefängnisses als Konversionsprojekt erbaut worden sind.

Namenswirrwarr erschwert Recherche

"Ursprünglich hatte ich ein Buch geplant", räumt Pinhack ein und fügt hinzu: "Jetzt geht es mehr in Richtung Broschüre oder Webseite." Ein Großteil der Akten aus den Jahren der braunen Diktatur, so hat er von der hessischen Justizministerin Eva Kühne-Hörmann erfahren, sei vernichtet, vermutlich, wie in der Preungesheimer JVA, von den Nazis selbst, um Verbrechensspuren zu vernichten. Und die Suche nach dem verbliebenem Material im Staatsarchiv in Wiesbaden erweist sich schon wegen des Namenswirrwarrs als schwierig: "Die Bezeichnungen reichen von JVA, Gefängnis über Zuchthaus bis hin zur Verwahranstalt", erzählt Pinhack.

Seiner Faszination für diesen Ort, besonders in seiner dunkelsten Ära, tut das keinen Abbruch. Ungewöhnlich klingt, wie er zum Thema fand: Der gebürtige Fuldaer Pinhack wohnt seit gut zehn Jahren gleich neben der JVA Preungesheim und war schnell auf die Gedenktafel für die 500 dort hingerichteten Nazi-Opfer aufmerksam geworden. Für eine poetische Anthologie über Frankfurter Orte verfasste er darüber ein Gedicht. Außerdem besuchte er diese und andere Gefängnisse lange Zeit beruflich: "Ich habe sanitäre Einrichtungen für Justizvollzugsanstalten verkauft", erzählt er. In vielen Gesprächen von der Leitung über den Schließer bis zum Häftling sei sein Interesse an diesen Orten gewachsen. "Jedes Gefängnis ist anders, hat seinen ganz eigenen Charakter", weiß er. Auf das in Höchst wurde er ironischerweise erst aufmerksam, als es längst abgerissen war.

"Mir fiel auf, dass es an dieser Stätte keine Erinnerungstafel wie in Preungesheim gibt", sagt Pinhack. Nur an den 1942 im KZ Theresienstadt umgekommenen Richter Dr. Emil Lehmann erinnert eine Plakette, die die Arbeitsgemeinschaft Geschichte und Erinnerung hat anbringen lassen.

"Mein Ziel ist eine Plakette für die Opfer"

Von den mutmaßlichen Opfern zwischen 1933 und 1945 fand Pinhack jedoch keine Spur - das will er mit seiner Arbeit als Stadtteilhistoriker ändern. "Ich möchte erreichen, dass hier eine kleine Plakette an die Menschen erinnert, die hier gelitten haben", erklärt er.

Denn so viel ist für ihn gewiss: Hinter den hohen Mauern geschahen Unrecht und Elend: "In den ersten Jahren der Naziherrschaft, saßen Männer hier ein, darunter auch politische Gefangenen", erzählt er. Von 1937 an sei der Ort bis Kriegsende ein Gefängnis für sogenannte "gestrauchelte Frauen" gewesen.

So schwer die Recherche sein mag - manchmal hilft der Zufall: Als Pinhack im Oktober 2020 vom Areal Fotos machte, gesellte sich eine alte Dame zu ihm und fasste schnell Vertrauen zum Hobbyforscher. "Sie hat ihr Leben lang in der Gerlachstraße, gegenüber vom Gefängnis verbracht, wie sie mir erzählte", berichtet Pinhack begeistert. "Im Luftschutzkeller des Amtsgerichtes lernte sie laufen. Und später, als kleines Mädchen, hat sie zu Weihnachten und Ostern für die Gefängnisinsassen gesungen". Ein anderer Zeitzeuge ist da bislang leider weniger redselig: Der internationale Schlagzeilen machende Börsenspekulant Nick Leeson verbrachte 1995 in Höchster mehrere Monate in Auslieferungshaft. Pinhack bat ihn in einer E-Mail um Details zu seinem Aufenthalt. Geantwortet hat der wohl prominenteste "Knacki" des Höchster Gefängnisses bislang noch nicht. michael forst

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