Sepp'l Niemeyer an der Weseler Werft im Ostend. Die Leute, sagt er, lechzten nach Live-Kultur, zur Not eben auch mit Masken, Abstand und Sitzzwang.
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Sepp'l Niemeyer an der Weseler Werft im Ostend. Die Leute, sagt er, lechzten nach Live-Kultur, zur Not eben auch mit Masken, Abstand und Sitzzwang.

Kultur

Er will die Bühnen wieder beleben

  • VonDetlef Kinsler
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Wie Sepp'l Niemeyer trotz Corona um Live-Konzerte kämpft

Frankfurt -Als im vergangenen Sommer dank ausgetüftelter Hygienekonzepte die "Sommerwerft" dann doch stattfinden durfte, war Sepp'l Niemeyer zunächst skeptisch. "2019 gab es am Mainufer noch ein großes Theaterzelt und das magische Beduinenzelt. Das Gelände war frei zugänglich und die Besucher kamen aus allen Teilen der Welt zusammen, um Straßenkultur zu genießen", erzählt Niemeyer, wie er all die Jahre davor genossen hat.

Denn da streifte er als Zeremonienmeister über den Platz, um die Besucher zu dem von ihm zusammengestellten Musikprogramm ins kuschelige Zelt zu locken. Ein Ort voller Poesie. Da passte ein komplett eingezäuntes Sommerwerft-Gelände mit nur einem Eingang und einem komplizierten Einlasssystem nicht ins Bild. "Die Menschen mussten sich in Liegestühle oder auf nach einem speziellen System aufgestellte Bänke setzen. Es gab überall Security, die ermahnte, wenn man zu nahe zusammenstand", skizziert Niemeyer die Einschränkungen.

"Als dann aber die Sommerwerft anfing und die Leute kamen, um endlich nach langem Lockdown wieder Live-Kultur zu erleben, haben sich meine Befürchtungen zerstreut", gibt Niemeyer unumwunden zu. "Wie glücklich alle waren, trotz Masken, trotz Abstandsregeln, trotz des Sitzzwangs bei den Konzerten - da hatte ich das Gefühl, dass unser Kampf um Live-Kultur trotz Corona-Maßnahmen möglich zu machen, wichtig und richtig war."

Die Planungen für die

Weseler Werft laufen

In diesem Jahr wurde das Festival für die Zeit vom 23. Juli bis 8. August terminiert. "20 Jahre Sommerwerft" gilt es zu feiern. Die Planungen laufen seit langem. Die Weseler Werft ist indes nur eine Adresse, an der man den omnipräsenten Kulturschaffenden in all den Jahren vor Covid-19 antreffen konnte. Schon seit 1990 lenkt Niemeyer die Geschicke der Musikerinitiative VirusMusik e.V. vom Kulturbunker in der Germania-straße 89 im Nordend aus, um die regionale Musikszene zu fördern und Musikern in allen Fragen zur Seite zu stehen. Nicht zuletzt will er ihnen eine Plattform in seinen VirusMusikRadio-Sendungen bei Radio X oder bei unterschiedlichsten Konzertformaten geben, sei es auf der jährlichen Musikmesse, der Bühne auf dem Museumsuferfest, bei den "NewcomerTV-Nächten" oder der "VirusMusikRadio Show" immer zum Jahresende. Die Pandemie ließ 2020 wenig davon zu. Vieles musste ins Netz verlagert werden, um wenigstens weiter in Kontakt miteinander bleiben zu können.

"Das Coronavirus hat unser gesellschaftliches Leben verändert. Der im März 2020 verhängte Lockdown hat das kulturelle Erleben runtergefahren und Künstler:innen, Musiker:innen und Menschen aus der Veranstaltungsbranche in krasse Existenznöte gebracht", sah sich Niemeyer vor allem mit unzähligen SOS-Signalen aus der Kulturszene konfrontiert. "VirusMusik versuchte in Verbindung mit anderen Musik- und Kulturinitiativen nach Möglichkeiten, Betroffenen zu helfen oder zumindest in Form von Radiosendungen oder neuen Videoformaten ein Sprachrohr zu geben." So konnten die so wichtigen Diskussionen über die System- und wirtschaftliche Relevanz von Kultur in unserer Gesellschaft in Gang gehalten werden.

"Selbst in der Pandemie möchte VirusMusik im Jahr 2021 natürlich an der Weiterentwicklung der Frankfurter Musikszene arbeiten", verspricht Niemeyer. Es gilt, Auftrittsorte wieder zu beleben und Veranstaltungen unter Auflagen in kleinen Rahmen möglich zu machen. An einem runden Tisch will man gemeinsam mit der Politik realisierbare Projekte diskutieren. 2020 gab es zum Beispiel die "Frankfurter Kultursommergärten" vor den Frankfurter Clubs Tanzhaus West, Das Bett und Batschkapp. Dort spielte Niemeyer, selber Musiker, als Schlagzeuger mit der Hausband um Batschkapp-Chef Ralf Scheffler, The Terrible Noises. Das hat ihm "super viel Spaß gemacht" wie auch ein Livestream im März aus der legendären "Kapp".

"Natürlich können Online-Konzerte nicht den physischen Kontakt mit dem Publikum ersetzen, aber es ist eine Möglichkeit für die Fans sichtbar zu bleiben", weiß Niemeyer. "Ich wünsche mir sehnlichst, dass wir ganz schnell aus unserer durch Corona verursachte Isolation herauskommen."

DETLEF KINSLER

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