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Luana Velis und Michael Schütz spielen Vater und Tochter. Dürfen sie der dem Untergang geweihten Erde Richtung Mars entkommen?

Frankfurter Schauspiel

Die Erde ist nicht mehr zu retten

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Marius von Mayenburg inszenierte sein Werk „Mars“ in Uraufführung am Schauspiel Frankfurt als Fest popkultureller Versatzstücke.

Der Pudding beweist sich beim Essen, das Drama auf der Bühne. Wenn eine Regie, wie diese durch den Autor selbst, szenisch funktioniert, verweist das schwächere Leseeindrücke eben auf den zweiten Rang.

Für „Mars“, nicht zu verwechseln mit dem Achtziger-Jahre-Kultbuch Fritz Zorns, gilt zwar auf Anhieb: Alles schon mal gesehn, gehört, gelesen. Denn wie in vielen Science-fiction-Filmen ist dem Überleben der am Abgrund krebsenden Menschheit eine Test- und Wettstreit-Situation vorgeschaltet. Wer unter vier Kandidaten, das sind Luana Velis und Michael Schütz als Tochter Johanna und ihr Vater, sowie Nils Kreutinger und André Meyer als ungleiche Zwillinge Edgar und Oskar, darf der in die Sonne taumelnden Erde Richtung Mars entkommen?

Nicht ohne kulturkritisches Theater-Gerede („Wir haben uns aufgebraucht. Unsere menschlichen Ressourcen sind erschöpft“) häufen sich die Scifi-Topoi im Detail. Als da wären: das Isolations-Experiment in Bunkern zwecks Planeten-Kolonisation. Der lyrisch-philosophische Androide Yannik (Torsten Flassig) mit dem Albino-Effekt seines sektenhaften weißen Anzugs („Bladerunner“) nebst zerfetztem Roboterarm („Terminator“). Der unheilvolle rote Knopf („Dr. Seltsam“; Polit-Folklore). Die weisen Primaten der Zukunft („Planet der Affen“) am Höhlen-Ort („Die Zeitmaschine“). Und jene sinistre „Organisation“, die alle Strippen zieht („Resident Evil“). Das Auswahlverfahren lässt auch an jene Shows für muntere Analphabeten denken, die der Masse heute einbläuen, dass sie ohne teure Bildung besser dran sei.

Zum Glück zerfällt das nicht zu Bühnenstaub, sondern bündelt sich zu einer Geschichte mit unverhofftem Sieg Oskars: ein Tor wie Parzival. Mayenburg verspinnt uns sachte in ein Menschheits-Traumspiel à la Strindberg mit einer Zehe Botho Strauß. Auch assoziiert das Vater-Tochter-Pärchen wegen des zuletzt blinden Vaters „Oedipus auf Kolonos“ und Becketts „Godot“. Gar nicht zu reden von den

Mephisto-Allüren

reimenden Yannick („Die Liebe ist die alte Kraft,/ die ständig neues Leben schafft“). Klassik gehört mit zum Module-Spiel.

Das Spiel, und das verdankt sich den Darstellern, Bühnen-/Video-Macher Sébastien Dupouey und ein wenig dem weißen Punk-Rauschen (Matthias Grübel), ist gut aufgezogen und wirft uns wenig Stolpersteine in den Weg, selbst wenn sich Oskar eine überlange Haloperidol-Eloge leistet. Der kulturkritische Aspekt ist teils nachvollziehbar, wofür die Flaschenpost-Kommunikationen an einen unbekannten Zuhörer wichtig sind. Gott mag tot sein, hört aber doch zu, und sei er zum Konzern-Gott verkommen.

Schön, wie Dupouey uns in einen technisch-kühlen, fast freundlichen Bunker auf Büroteppichware mit Lautsprecher für Durchsagen von „oben“ einschließt. Um uns dann wiederum das breite Panoramafenster zu öffnen und berückend gefilmte oder arrangierte Orte zu zeigen: den Nadelwald als Bunkerumgebung, die uns die Figuren flüssig aus der dystopischen Welt holt. Das Wüste-Werden per Überblendungstrick; die Sintflut. Die Affenhöhle nach Platon und H. G. Wells, oder ihren (unseren?) Käfig. Den Gegen-Bunker, der beim Überfall auf die Konkurrenten enthüllt, dass der „andere“ unser „Zwingling“ ist: Doppelgänger. Die Himmelsleiter für Oskars Abflug unter Raketengetöse.

Neben Flassigs Yannik, diesem förmlich angezogenen Mormonen in Seidenweiß (Kostüme: Almut Eppinger), der in Diktion und Auftritt von der peniblen, alles wörtlich nehmenden Humorlosigkeit zur Vorlust gereimter Verspaare findet, gefällt am besten Meyers Oskar. Der pillenverweigernde Psycho hat qua Gewaltneigung, Underdog-Position und strapazierter Beziehung halt die schönsten Exzesse für sich: Damit lässt sich wuchern. Luana Velis und Schütz in Wanderkluft sowie Kreutinger als Edgar spielen Variationsgrade des Überlebenswillens und der ethischen Selbstpreisgabe aus. Velis gibt die Moralistin, die nicht auf Verdacht hin (wie viel Egoismus, Mordlust, Teamwork erwartet die „Organisation“ von mir: Wie viel Gewalt bringt mich zum Mars?) alle Menschlichkeit auf den Müllhaufen werfen will.

Schütz trickst und schleimt als Vater, doch nur zum Wohl der Tochter. Kreutinger als rücksichtsloser Sozialdarwinist nähme zu gern die Gelegenheit mit, zum Wohl der Art die Frau im Korb zu vergewaltigen. Weil ihre Figuren funktionieren, klappt es auch mit einem Spiel, das man ansonsten hanebüchen nennen dürfte.

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