Alicia Zett, die bürgerlich Zimmermann heißt und beim HR arbeitet, mit ihren zwei Erfolgsromanen. Mit einem landete sie sogar vorne auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.
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Alicia Zett, die bürgerlich Zimmermann heißt und beim HR arbeitet, mit ihren zwei Erfolgsromanen. Mit einem landete sie sogar vorne auf der "Spiegel"-Bestsellerliste.

Kultur

Literatur: Frankfurter Autorin ist erfolgreich mit queeren Liebesromanen

  • vonBrigitte Degelmann
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Liebesgeschichten der anderen Art: Die Frankfurterin Alicia Zett schreibt Liebesromane für queere Menschen. Mit dieser Nische wurde sie zur Bestsellerautorin.

Frankfurt – Oft funktionieren Liebesromane so: Mann trifft Frau, beide vergucken sich ineinander, müssen aber etliche Hindernisse überwinden, bevor sie endlich gemeinsam auf Wolke sieben schweben dürfen. Manches davon findet sich auch in Alicia Zimmermanns Büchern, die sich als Autorin Alicia Zett nennt.

Mit einem Unterschied: Die 24-Jährige, die als Grafikerin beim Hessischen Rundfunk arbeitet, schreibt queere Liebesgeschichten. In ihren Romanen verliebt sich beispielsweise die Abiturientin Charlie in ihre beste Freundin ("Traumtänzerin"). Oder eine Studentin in einen Transmann ("Not your type"). Oder zwei junge Männer entdecken ihre Gefühle füreinander, wie in ihrem demnächst erscheinenden Buch "Maybe not tonight".

Queere Liebesromanautorin: Heute bereut sie ihr spätes Outing

Das hängt auch mit ihrer eigenen Geschichte zusammen. Damit, dass sie als Jugendliche beim Filme-Gucken mit ihren Freundinnen nicht den Helden anhimmelte, sondern sich meist mehr für die Hauptdarstellerin interessierte. Und sich öfter in Frauen verliebte als in Männer. Was sie vor ihrer Umwelt im 10.000-Einwohner-Städtchen Gernsheim in Südhessen jedoch ängstlich verbarg: "Ich habe alles mit mir selbst ausgemacht."

Sich durch dieses Gefühls-Dickicht namens Pubertät zu kämpfen, ist ja ohnehin nicht einfach. Noch schwieriger wird es, wenn man merkt, dass man anders ist als viele andere. Als Alicia Zimmermann in der elften Klasse ist, outet sich ein Mitschüler als schwul - in der Schule tagelang das Gesprächsthema Nummer eins. Das schreckt die introvertierte junge Frau noch mehr davon ab, obwohl ihr Umfeld durchaus liberal gewesen sei, erinnert sie sich. Aber: "Ich wollte nicht im Mittelpunkt stehen, ich wollte nicht, dass mich alle angucken." Heimlich aber sucht sie nach Geschichten, nach Büchern, die ihre Gefühle widerspiegeln. Ohne großen Erfolg.

Queere Liebesromanautorin: Es ist wichtig zu der eigenen sexuellen Identität zu stehen

Am Tag vor ihrem 19. Geburtstag outet sie sich doch. Und erlebt, wie aufgeschlossen und liebevoll Familie und Freunde reagieren. Im Nachhinein bereue sie es, dass sie so lange gewartet habe: "Ich hätte viel freier sein können." Sie beginnt, sich mit Themen von lesbischen, schwulen, bisexuellen, transsexuellen und queeren Menschen zu beschäftigen. Auch damit, wie schwierig es für manche ist, zu ihrer sexuellen Identität zu stehen.

Irgendwann steht ihr plötzlich Charlie innerlich vor Augen: kurz vor dem Abitur, schwieriges Verhältnis zum Vater - und verliebt in ihre beste Freundin. Eigentlich hat Alicia Zimmermann damals, 2017 kaum Zeit zum Schreiben. Da ist ihr Film-Studium in Dieburg, ihr Praktikum in einer Filmproduktionsfirma. "Aber ich musste die Geschichte einfach aufschreiben", erinnert sie sich.

Authentische Liebesgeschichten für queere Menschen

So entsteht "Traumtänzerin", ihr erster Roman, mit dem sie sich bei einer Literatur-Agentur bewirbt. Die empfiehlt erst einige Änderungen und lehnt am Ende doch ab. Davon lässt sich die junge Frau, die mit einem Transmann verlobt ist, jedoch nicht entmutigen, sondern bringt das Buch einfach selbst heraus, als "Book on demand". Was erstaunlich gut klappt. Verkaufszahlen hat sie heute nicht mehr im Kopf. Aber der Erfolg ist so beachtlich, dass sie bei den Buchmessen in Frankfurt und Leipzig Signierstunden machen darf - die bestens besucht sind. Wohl auch deshalb, weil ihre Geschichten, das sind, was man heute gerne als authentisch bezeichnet. "Ich schreibe die Bücher, die ich früher gerne gelesen hätte", sagt sie dazu.

Mit der Idee für ihr zweites Buch bewirbt sie sich direkt bei einem Verlag. Und hört erst einmal - nichts. Doch nach neun Monaten kommt der begeisterte Anruf einer Lektorin: Idee und Exposé seien vielversprechend, ob sie noch mehr habe? Hat sie nicht. Also setzt sich Alicia Zimmermann hin und schreibt an einem Wochenende fieberhaft gleich mehrere Kapitel von "Not your type", dem ersten Band ihrer "Love is queer"-Reihe.

Und dann überrascht die Autorin von ihrem Verlobten überrascht

Die Geschichte der Studentin Marie, die sich in den Transmann Fynn verliebt, zieht zahlreiche Leser in ihren Bann, was dem Anfang Februar erschienenen Buch zwischendurch sogar Platz neun auf der "Spiegel"-Bestsellerliste beschert. Noch etwas macht das Buch besonders: Als sie die Rohfassung schon geschrieben hat, outet sich ihr Verlobter als trans, möchte von nun an mit männlichen Pronomen angesprochen werden - etwas, das er mit der Romanfigur Fynn gemeinsam hat. Für die 24-Jährige, die sich als pansexuell bezeichnet, kein Problem. "Ich verliebe mich in Menschen", sagt sie. Heute sind beide verlobt und werden im Sommer heiraten.

Währenddessen geht es mit Alicia Zimmermanns Autoren-Karriere rasant weiter. Folge zwei von "Love is queer" erscheint demnächst. Der dritte und letzte Band - eine Liebesgeschichte zwischen einer Schauspielerin und einer Blumenhändlerin - soll im November auf den Markt kommen. Nebenbei ist sie in sozialen Medien aktiv und denkt über weitere Buch-Projekte nach. Vielleicht, sinniert sie, schreibe sie irgendwann ein Jugendbuch. Oder einen Erwachsenen-Roman. Oder drehe einen Film. Eines ist jedoch ziemlich wahrscheinlich: Auch darin werden queere Beziehungen eine wichtige Rolle spielen. (Brigitte Degelmann)

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